Es ist nicht der erste große Sprung von Martin Kocher, jener aus der Wissenschaft in die Politik. Auch sein Wechsel im Sommer 2016 von der Ludwig-Maximilians-Universität in München an die Spitze des Instituts für Höhere Studien ist ein solcher großer Sprung gewesen, nur vielleicht nicht auf den ersten Blick.

Doch zwischen experimenteller Grundlagenforschung, die Kocher in München betrieb, und der Leitung eines Instituts für angewandte Forschung in Wien, dessen Aufgabe auch die evidenzbasierte Beratung der Politik ist, liegen, zumindest innerhalb der wissenschaftlichen Sphäre, Welten. Auch wenn es retrospektiv ein logischer Schritt war, wenn man das primäre Forschungsgebiet Kochers betrachtet.

Der in Salzburg (Altenmarkt) aufgewachsene und in Innsbruck habilitierte Ökonom hatte sich früh der Verhaltensökonomie zugewandt, einem vergleichsweise jungen Teilgebiet der Volkswirtschaftslehre. Ökonomischen Theorien und Modellen werden in der Regel simplifizierte Annahmen über menschliches, mutmaßlich rationales Verhalten zugrunde gelegt. Das vereinfacht die Analyse. Doch Menschen handeln eben nicht immer gemäß diesen Annahmen. Und genau dies untersucht die Verhaltensökonomie in Experimenten und durch Datenauswertungen.

Wissenschaftliche Arbeiten über den Fußball

Schon an der Uni Innsbruck hat Kocher, oft gemeinsam mit dem mittlerweile nach Bonn zur Max-Planck-Gesellschaft gewechselten Matthias Sutter, zu verhaltensökonomischen Aspekten publiziert, übrigens auch zum Fußball. Es war ein Nebenprodukt ihrer wissenschaftlichen Arbeit und eher der großen Fußball-Leidenschaft Sutters geschuldet. Doch eine Publikation über die Heimtendenz von Schiedsrichtern brachte den beiden internationale Aufmerksamkeit bis hin zu Berichten auf CNN. Weitere fußballbezogene Arbeiten folgten, etwa über vermeintliche Erfolgsfaktoren beim Elfmeterschießen, die sie als Mythen enttarnten. Heutzutage ist eine genaue Datenauswertung bei größeren Klubs Alltag.

Kompetenzzentrum für Verhaltensökonomie am IHS

Die Verhaltensökonomie hat in den vergangenen Jahrzehnten generell an Bedeutung gewonnen. Der Vorarlberger Ernst Fehr, der an der Uni Zürich tätig ist, gilt als einer ihrer weltweit prominentesten Vertreter, er führt auch alle Ökonomen-Rankings im deutschsprachigen Raum an. Es war 2016 auch keine zufällige Entscheidung, mit Kocher einen Verhaltensökonomen nach Wien ans IHS zu holen und das Institut um diese "neue" Disziplin zu erweitern. Er hatte sich binnen weniger Jahre nicht nur in München einen Namen gemacht, sondern auch in einigen anderen Ländern geforscht, darunter in Australien und Schweden. Bis zuletzt lehrte er auch an der Universität Wien.

Schon seit vielen Jahren hat sich der private Sektor für die Verhaltensökonomie zu interessieren begonnen. Fehr etwa gründete mit seinem Bruder 2010 eine eigene Beratungsagentur (Fehr Advice & Partners AG), die sich auch explizit an Unternehmen richtet. Für diese ist es wichtig, mehr über das Konsumverhalten ihrer Kundinnen und Kunden zu erfahren und ihre Entscheidungen günstig zu beeinflussen.

Kocher ging einen anderen Weg. Unter anderem zog es ihn nach Wien, wo er 2018 am IHS (mit der ehemaligen Ministerin und Meinungsforscherin Sophie Karmasin) das Kompetenzzentrum "Insight Austria" installierte. Neben Forschung im klassischen Sinn ist es ein erklärtes Ziel Kochers, die "öffentliche Verwaltung effektiver und effizienter" zu machen, wie es auf der Website heißt.

Das Kompetenzzentrum beschäftigt sich mit Fragen, wie mehr Väter angereizt werden können, Kinderkarenz zu nehmen, wie junge Frauen für technisch-mathematische Studien begeistert werden können, wie umweltpolitisch günstiges Verhalten (Mülltrennung, Vermeidung von Lebensmittelabfällen, Mobilitätsumstieg etc.) gefördert werden kann.

Schmaler Grat zwischen Anreiz und Manipulation

Diese Richtung der Ökonomie ist nicht gänzlich unumstritten, Kritiker verstehen das Setzen von bewussten Anreizen bisweilen als subtilen Manipulationsversuch. Demgegenüber steht im öffentlichen Bereich der Nutzen für die Betroffenen sowie die Allgemeinheit, wenn es etwa gelingt, ein gesellschaftlich gewünschtes Verhalten anzuregen, etwa eine gesündere Lebensweise, um die öffentlichen Ausgaben für die Behandlung vieler Volkskrankheiten zu reduzieren.

Auch in der Bekämpfung der Pandemie ist die Verhaltensökonomie gefragt, zuletzt bei der Frage, wie eine hohe Beteiligung am Massentest angeregt werden kann. Kocher hat positive Anreize, etwa Gutscheine, befürwortet. Entschieden hat sich die Regierung dann für den negativen Anreiz des "Freitestens", musste das Vorhaben aber zurückziehen.

Im vergangenen Jahr war Kocher, genauso wie Wifo-Chef Christoph Badelt, angesichts der historischen Dimension der Krise enger als davor in die Beratung der Regierung eingebunden. Es gab regen Austausch, auch informell. Der parteifreie Martin Kocher ist zudem seit Juni Chef des Fiskalrats, des Hüters der derzeit arg gebeutelten Staatsfinanzen.

Entscheidungen statt Analyse

Es ist anzunehmen, dass Kocher im Ministerrat auch seine fachliche Expertise einbringen wird, vielleicht sogar stärker als bisher. Das Feld der Politik ist für den 47-Jährigen allerdings ein neues, wie er auch selbst betont. Nicht wenige Wissenschafter haben dies in der Politik leidvoll erfahren müssen, auch Karmasin, die sich nach ihrem Abschied 2017 recht desillusioniert zeigte.

Die Voraussetzungen für Kocher sind besser, gerade weil die Situation auf dem Arbeitsmarkt so schlimm ist. Es geht jetzt nicht primär darum, nur interessensgeleitete Schwerpunkte, die eine Regierung eben vertritt, gegen andere Interessensverbände möglichst erfolgreich durchzusetzen, sondern um die Bewältigung der tiefsten Krise auf dem Arbeitsmarkt in der Zweiten Republik.

Dennoch werden beim Wiederaufbau, vor allem nach der Pandemie, arbeitsmarktpolitische Konflikte und unterschiedliche Interessen zu moderieren sein. Das ist die ureigene Aufgabe der Politik, nicht aber der Wissenschaft, die für diese Fragen zwar Entscheidungsgrundlagen liefert, nicht aber die Entscheidungen selbst trifft – und meistens auch nicht selbst treffen will. Und das ist doch ein großer Sprung.