Es sind Österreichs größte Wirtschaftsforschungsinstitute. Die Expertisen ihrer Wissenschafter und das Wort ihrer Leiter hat - vor allem auch bei Politikern - Gewicht. Üblicherweise legen das Wirtschaftsforschungsinstitut, kurz Wifo, und das Institut für Höhere Studien (IHS) ihre Hauptprognosen für die wirtschaftliche Entwicklung gemeinsam vor. Jetzt haben sie wieder eines gemeinsam: Sie stehen ohne Nachfolger für die Abschied nehmenden Chefs da. Einen Unterschied gibt es dennoch: Der 47-jährige Martin Kocher wurde am Montag als neuer Arbeitsminister angelobt und hinterlässt über Nacht eine Lücke an der IHS-Spitze. Christoph Badelt, der im Februar 70 wird, hat hingegen schon vor Monaten seinen Rückzug als Wifo-Chef angekündigt. Das Auswahlverfahren für den ab 1. September 2021 vakanten Posten ist schon voll im Gange.

Beide Funktionen sind von großer Bedeutung, werden doch gerade die Leiter der beiden großen Wirtschaftsforschungsinstitute nicht nur wegen ihrer quartalsmäßigen Konjunkturprognosen von der Politik und der Wirtschaftswelt mit großen Ohren gehört. Sie werden auch ad personam bei bestimmten Detailfragen von der Bundesregierung oder von einzelnen Ministern zu Rate gezogen. Das ist mit dem enormen Fachwissen begründet, das in beiden Ökonomie-Schmieden durch eine ganze Reihe anerkannter Fachleute angehäuft wurde und wird. Badelt wie Kocher haben sich seit ihren Amtsantritten im Jahr 2016 auch nicht gescheut, mit pointierten Bemerkungen auf die Dringlichkeit von Reformmaßnahmen etwa bei den Frühpensionen, bei der Pflege oder bei Ökosteuer-Aktivitäten eindringlich hinzuweisen.

Im Wirtschaftsforschungsinstitut hat man einen Vorteil: Weil Ex-Rektorenchef Badelt eine geordnete Amtsübergabe sicherstellen wollte, hat er seinen Rückzug praktisch ein Jahr vor dem geplanten Termin Anfang September 2021 angekündigt. Nach der Ausschreibung des Postens und zahlreichen Bewerbungen gibt es inzwischen, wie der "Wiener Zeitung" aus verlässlicher Quelle erklärt wurde, eine Short-Liste mit fünf Kandidaten für die engere Auswahl. Für diese soll es Ende Jänner beziehungsweise im Februar Anhörungen geben.

Badelt selbst räumt zwar seinen Posten als Wifo-Chef, von einem Rückzug in den Ruhestand wird aber bei dem Sozialexperten auch ab September keine Rede sein. Nur die aufwendige Führung des Wirtschaftsforschungsinstituts mit insgesamt rund 100 Mitarbeitern will er sich für eine weitere fünfjährige Amtsperiode nicht mehr antun.

Fischler will Übergangslösung

Im Institut für Höhere Studien ist hingegen wesentlich mehr Eile gefragt. Nach Informationen der "Wiener Zeitung" könnte das zuständige Kuratorium des IHS schon am Dienstag kommender Woche jedenfalls eine Entscheidung für eine Lösung treffen. Dabei könnte es sich um eine Übergangslösung handeln. Der jetzige Vorsitzende des Kuratoriums, der langjährige ehemalige EU-Kommissar Franz Fischler, lässt dabei mit einer Überraschung aufhorchen. Er plädierte in der "Tiroler Tageszeitung" für eine Interimslösung. Diese würde es ermöglichen, dass Martin Kocher als wissenschaftlicher IHS-Leiter nur karenziert wird und nach seiner Tätigkeit als Arbeitsminister an die Spitze des IHS zurückkehren kann. Fischler meinte, möglicherweise dauere die Amtsperiode der türkis-grünen Bundesregierung ohnehin kürzer. Regulär würde wieder im Herbst 2024 gewählt.

Außerdem wäre es möglich, dass Kocher mit seinem Fachwissen als Wirtschaftsforscher nur hilft, die vor allem heuer besonders akuten Probleme durch mehr als 500.000 Arbeitslose zu bewältigen. Fischler spricht ausdrücklich davon, dass der Salzburger Kocher, der wie Badelt im Wifo seit 2016 das IHS geleitet hat, nach der Regierungstätigkeit wieder die IHS-Leitung übernehmen könnte.

Oberster Finanzwächter gesucht

Bereits am Montag hat das IHS beruhigt: Die Arbeit am Institut sei durch den kurzfristigen Abgang, der in der Nacht von Samstag auf Sonntag entschieden wurde, nicht beeinträchtigt, wurde mitgeteilt. Die Leitung hat interimistisch derzeit die Geschäftsführerin Eva Liebmann-Pesendorfer inne.

Der Wechsel Kochers in die Bundesregierung macht darüber hinaus eine weitere Personalentscheidung notwendig. Denn bis Jahresmitte ist der bisherige IHS-Leiter auch als Vorsitzender des Fiskalsrats oberster Wächter der Staatsfinanzen. Wie es diesbezüglich um die Nachfolge aussieht, ist vorerst offen.