Die neue Variante des Coronavirus B.1.1.7. weist, wie viele Varianten vor ihr, nur kleine Veränderungen auf. Eine spezifische davon betrifft das Spike-Protein, und das ist heikel. Diese Mutation dürfte der Grund dafür sein, dass die neue Variante infektiöser ist. Das ist zwar noch nicht ganz sicher, gilt aber durch vorliegende epidemiologische Evidenz als sehr wahrscheinlich.

Mehr Erkenntnisse braucht es auch, wodurch die höhere Infektiosität, wenn sich diese bestätigt, verursacht wird. Durch die Mutation im Spike-Protein dürfte das Virus bei seinem Versuch, an Zellen anzudocken, effizienter sein. In Laborversuchen wurde dies bereits gezeigt. Aber auch hier: Konjunktiv, die Wissenschaft braucht noch Zeit. Die epidemiologische Realität drängt aber, da sich die Rahmenbedingungen ändern, die wiederum Grundlage für politische Entscheidungen in der Pandemiebekämpfung sind.

"Wenn das Virus erfolgreich ist, vermehrt es sich auch sehr schnell", sagt Thomas Czypionka, Mediziner und Gesundheitsökonom am Institut für Höhere Studien (IHS). Das könnte wiederum Implikationen für den Einsatz von Antigentests haben. Diese detektieren, derzeit einigermaßen verlässlich, die Infektiosität von infizierten Personen. Sie schlagen bei höherer Virusmenge an, und diese steht mit der Infektiosität in Verbindung. Wer ganz frisch infiziert ist oder wessen Infektion schon sehr weit fortgeschritten ist, weist meist nur wenig Virus auf und ist - Einzelfälle ausgenommen - eher nicht ansteckend, jedenfalls nicht sehr.

Abstand zwischen Schnelltest und Kontakt reduzieren

Das hat bei der Erarbeitung der Teststrategie für die Zeit nach dem Lockdown eine Rolle gespielt. Der verbreitete Einsatz von Antigentests in verschiedenen Berufsgruppen und beim Zutritt zu Veranstaltungen, eventuell auch in der Gastronomie, soll die Zahl infektiöser Personen, die in Kontakt mit anderen Personen kommen, reduzieren. Gänzlich verhindern kann man dies mit dieser Strategie nicht, aber bei regelmäßigen, zeitnahen Tests so weit reduzieren, dass die Gesamtzahl der Übertragungen gering bleibt. "Das Risiko infektiöse Personen mit einem Antigentest zu übersehen konnte man vorher grob eingrenzen, mit der neuen Variante gelten aber eventuell andere Grenzen", sagt der Molekularbiologe Michael Wagner von der Uni Wien.

Wenn sich bestätigt, dass sich die Viruslast bei Infizierten schneller als bisher erhöhen sollte, könnte dies den zeitlichen Abstand zwischen einem Test und einem relativ risikoarmen Kontakt verringern. Bisher ging man in etwa von 24 Stunden aus. Im individuellen Fall kann dieser Zeitraum auch bisher zu groß gewählt sein - mit tragischen Folgen. Aber diese (relativ wenigen) Fälle müssen noch nicht negativ auf das gesamte Infektionsgeschehen wirken. Anders müsste man die Situation bewerten, wenn die neue Variante tatsächlich viel schneller repliziert. Dann wäre eine einigermaßen verlässliche Aussage über die Ansteckungsgefahr nur für kürzere Zeit zu treffen.

Weniger Zeit zwischen Schnelltest und Kontakt

Christoph Bock, der am Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (CeMM) mit den gegenwärtigen Sequenzierungen der neuen Variante beschäftigt ist, hält diesen Schluss für plausibel. Noch seien dafür Beweise zu erbringen, aber es sei sinnvoll, auf diese Hypothesen mit größerer Vorsicht zu antworten. "Wenn das Virus um 50 Prozent infektiöser ist, sollte man, sehr vereinfacht gesagt, die persönlichen Sicherheitsmaßnahme um 50 Prozent erhöhen." Für den Hausgebrauch hieße das zum Beispiel FFP2-Masken statt Stoffmasken, zwei Meter Abstand statt nur ein Meter, wie das die Bundesregierung nun ohnehin vorschreibt - aber auch eine kürzere Zeitspanne zwischen Antigentest und Kontakt, also beides am selben Tag.

Ein größeres Problem könnte auftauchen, sollte sich herausstellen, dass auch weit weniger Virus für eine Übertragung reicht. Im Tierversuch wurde das für bestimmte Mutationen bereits nachgewiesen, wie Bock erzählt: "Für die selbe Zahl an infizierten Tieren braucht es eine geringere Dosis." Michael Wagner berichtet zudem von ersten Beobachtungen im Rahmen von Testungen, die von der Vienna Covid-19 Detection Initiative durchgeführt wurden. Hier zeigte sich, dass Personen mit relativ niedriger Viruslast offensichtlich noch infektiös waren und größere Cluster verursachen konnten, selbst wenn sich der CT-Wert um 30 bewegt. Bei diesen CT-Werten schlagen Antigentests nicht mehr verlässlich an, sie würden dann also häufig ein falsch-negatives Ergebnis liefern. Das war bisher meist nicht problematisch, da eben in der Regel keine Infektiosität bei so hohen Werten angenommen wurde. Das könnte bei der neuen Variante B.1.1.7. anders sein.

Noch sind es erste Funde, denen eventuell auch andere mögliche Erklärungen zugrunde liegen können. Christoph Bock hält ein Superspreading bei derart hohen CT-Werten, also entsprechend niedriger Virusmenge, trotz der neuen Variante für eher unwahrscheinlich - ausschließen lässt es sich jedoch nicht.

Wagner: "Man sollte sehr aufmerksam sein"

"Man sollte jedenfalls sehr aufmerksam sein und schnell erforschen, ab welcher Virenlast mit B.1.1.7 infizierte Personen noch ansteckend sind", sagt Wagner. Seine Erkenntnisse passen jedenfalls zu anderen Funden, die nun schrittweise Eingang in die wissenschaftliche Literatur zu der neuen Variante finden, dass eben dieses neue Virus besser an den menschlichen ACE2-Rezeptor bindet als die bisherige Sars-CoV-2-Varianten. "Die Stärke der Antigentests liegt beim Auffinden von Superspreadern und kommt dann zum Tragen, wenn diese möglichst breitflächig und regelmäßig eingesetzt werden", erklärt Wagner. Diese Superspreader treiben das Infektionsgeschehen vorwiegend an. Die Antigentests waren eine der Waffen in der Pandemiebekämpfung, um große Cluster zu verhindern. Werden sie weniger wirksam, wirft das für die Politik ganz neue Fragen auf. Vor allem bei dem Plan, durch den Einsatz regelmäßiger Tests doch irgendwann aus dem Lockdown zu kommen.