Der junge Vater, der seine Tochter zur Betreuung zu dem altehrwürdigen Volksschulgebäude in Wien-Ottakring gebracht hat, erlebt die Schwierigkeiten des Schulbetriebs in Corona-Zeiten hautnah. Seinen Sonderurlaub muss er eine Woche im Voraus anmelden. Solange ein Betreuungsplatz in der Schule vorhanden sei, bekomme er an sich keinen Sonderurlaub: "Da muss ich bitten und betteln." Er organisiert das, so gut es geht: "Ich nehme es, wie es kommt. Ich kann es eh nicht ändern." Ähnlich meistert eine Mutter mit zwei Kindern den Schul- und Arbeitsalltag mit Heimarbeit in dem dritten Lockdown seit Mitte März des Vorjahres: "Es muss gehen."

"Es kommt Verzweiflung dazu"

Die Schilderungen dieser Eltern kurz vor acht Uhr an diesem Jännertag beim Tor vor der Wiener Volksschule sind offenkundig kein Einzelfall. "Es ist eine Falle, weil von außen der Eindruck entsteht, es geht ohnehin", bilanziert die Soziologin Ulrike Zartler von der Universität Wien. Die Professorin am Institut für Soziologie arbeitet seit dem ersten Lockdown im März 2020 an einer Studie über die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen für Eltern mit Kindern in Kindergärten und Schulen, wobei 98 Eltern im Zeitverlauf intensiv befragt wurden. Dabei hat sie eine negative Entwicklung festgestellt: "Es kommt jetzt Verzweiflung dazu." Betroffen seien insbesondere Alleinerzieherinnen. Aber, so bekräftigt Zartler: "Es ist eine unglaubliche Falle, dass die Eltern so gut organisiert sind. Da haben die Arbeitgeber das Gefühl, es funktioniert ganz locker."

Dem ist aber vor der Rückkehr in den Schichtbetrieb in den Klassen, die Bildungsminister Heinz Faßmann für 8. Februar plant, keineswegs so. Eine Lehrerin an einer AHS, die Mutter eines Volksschulkindes ist und auch vor dem Schultor im 16. Wiener Gemeindebezirk wartet, spürt die besondere Belastung. "Auch Lehrer haben Kinder, das wird öfter übersehen", betont sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Die Hälfte der Schüler sind in den Schulen

Die Mütter und Väter scharen sich teilweise mit ihren Kindern um eine Volksschullehrerin, die mit einem Plastikkorb auf den Gehsteig getreten ist, in dem Lernunterlagen und leere Hefte sind. Ein beträchtlicher Teil der Kinder an dieser Volksschule ist aber ohnehin zur Betreuung in das Schulgebäude gekommen. Eine Woche vor den Semesterferien sind es eindeutig mehr als noch im vergangenen Frühjahr beim ersten Lockdown oder im Herbst. Rund die Hälfte der Schüler seien anwesend, sagt die Volksschullehrerin.

Die junge Pädagogin muss sich beeilen, wieder zu den zu betreuenden Kindern in das Schulhaus zu kommen. "Ich habe oben eine Klasse und eigentlich Aufsichtspflicht", sagt sie, das habe ihr vorübergehend eine Kollegin abgenommen. Zu Mittag müsse sie dann online für die Schüler daheim da sein, am Nachmittag bereite sie die kommende Schulwoche vor den Semesterferien vor, am Abend kümmere sie sich dann um die Hausaufgaben.

Ministerium appelliert, die Kinder zu Hause zu lassen

Die Zahl der Kinder, die trotz der Corona-Einschränkungen weiter in den Schulgebäuden betreut werden, hat in den vergangenen Tagen für reichlich Diskussionsstoff gesorgt. Bildungsminister Faßmann hat am vergangenen Samstag in einer Pressekonferenz appelliert, die Eltern sollten ihre Schulkinder möglichst zu Hause lassen. Wer in die Schule komme, werde aber jedenfalls betreut. Der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft, Paul Kimberger, ist daraufhin mit der Forderung vorgeprescht, nur jene Kinder, deren Eltern in "systemrelevanten Berufen" tätig seien, sollten künftig ihre Töchter und Söhne zur Betreuung in die Schule schicken. Damit es auch wenig Kontakte und Ansteckungsgefahr gebe. Der Bildungsminister hat das abgelehnt.

Der Direktor einer Mittelschule in Wien, der namentlich nicht genannt werden möchte, wundert sich im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" nicht darüber, dass sich manche Eltern bei der Betreuung der Schulkinder nicht mehr auskennen. Denn von Ministeriumsseite werde signalisiert, man solle die Kinder möglichst nicht in die Schule schicken. Gerade in Wien, wo die SPÖ die Stadtregierung führt, und auch die Neos mit dem zuständigen Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr an einer Öffnung der Schulen interessiert sind, habe es hingegen ausdrücklich geheißen: "Wir haben offen."

Wird Chancenungleichheit der Kinder bewusst erhöht?

Bei Müttern und Väter hat das nach den Weihnachtsferien bereits die nächste Diskussion ausgelöst, wie eine Elternvertreterin an einer Wiener Volksschule berichtet. Sie befürchtet, dass jene Kinder bildungsmäßige Nachteile haben werden, deren Eltern sich vorschriftsmäßig an die Anweisungen halten, ihren Nachwuchs möglichst daheim zu betreuen, gegenüber jenen Kindern, die ausschließlich in den Pflichtschulen vom Lehrpersonal betreut werden. "Ich frage mich, ob viele Schulen bewusst gegen die Maßnahmen rebellieren und man jetzt ein noch enormeres Chancenungleichgewicht zwischen den Kindern schafft", gibt die Elternsprecherin zu bedenken.

Eltern fehlt die Kompetenz zum Unterrichten

Den Eltern werde auch "ein schlechtes Gewissen" gemacht, meint Soziologin Zartler. Gleichzeitig sei mit der Übertragung des Heimunterrichts an die Eltern "eine Entwertung der pädagogischen Berufe" verbunden. Denn wieso mache das pädagogische Personal sonst die hochrangige Ausbildung für den Unterricht, wenn Eltern dies ebenso gut erledigen könnten. "In unserer Studie sagen die Eltern ganz klar, sie können das nicht", erklärt die Expertin aufgrund der durchgeführten Befragungen. "Sie haben nicht die Kompetenzen der Lehrerinnen und Lehrer."

Im Zeitverlauf habe es vom ersten Lockdown mit Heimunterricht bis jetzt zum dritten eine Änderung gegeben. Im Frühjahr 2020 hätten manche Familien das noch als "willkommene Entschleunigung" betrachtet. Familien mit zwei Elternteilen hätten Vereinbarkeitsprobleme vielfach mit Schichtbetrieb bei der Kinderbetreuung gelöst. Viel öfter komme aber vor, dass Frauen gerade die Tagesrandzeiten für ihre beruflichen Tätigkeiten nützen, um dazwischen für ihre Kinder Zeit zu haben: "Die stehen dann um fünf Uhr früh auf." Schon im Frühsommer hätten sich die Eltern dann "erschöpft, ausgelaugt" gefühlt. Im Herbst sei Resignation gefolgt.

Mittlerweile kommt Verzweiflung dazu. "Sie können teilweise nicht mehr", warnt die Soziologin. Dies deswegen, weil kein Ende der Corona-Beschränkungen absehbar sei, die Sorgen um die psychischen Belastungen der Kinder würden zunehmen, dazu komme nun auch, dass ein Abfall der Leistungen der Schulkinder befürchtet werde.

Auf mangelnde Hilfe für die Schüler deutet auch ein anderes Umfrageergebnis hin. Die Erhebung "Lernen unter COVID-19-Bedingungen" der Professoren Barbara Schober, Christiane Spiel und Marko Lüftenegger nach dem zweiten Lockdown, zeigte schon, dass ein gutes Viertel der Schüler, genau 26,1 Prozent, keine Unterstützung beim Lernen erhalten. Jene, die an der Online-Umfrage teilnahmen, lernten mit durchschnittlich 7,1 Stunden pro Tag zwar mehr als im ersten Lockdown mit 5 Stunden pro Tag. Da die Erhebung aber online durchgeführt wurde, erreichte sie die besonders Benachteiligten aus den Schulklassen nicht.

Selektivität im Bildungswesen steigt

Mit dieser Gruppe befasste sich der Bildungsexperte des Instituts für Höhere Studien (IHS) Mario Steiner im Rahmen einer Umfrage im Lehrpersonal, das anhand verschiedener Kriterien, zum Beispiel keine Unterstützung, kein Computer oder Schwierigkeiten beim Lernen, selbst definierten, wer zu den Benachteiligten in ihrer Klasse gehörte. Die Ergebnisse waren dramatisch: Unter den Schülern insgesamt konnten die Lehrer während des ersten Lockdowns knapp 12 Prozent überhaupt nicht erreichen, "bei den Benachteiligten waren es dreimal so viele", sagt Steiner. Dass sich die Kompetenzen ihrer Schüler in der Covid-19-Krise verschlechtern, befürchten die Lehrerinnen und Lehrer bei 38 Prozent aller Schüler, aber sogar bei 76 Prozent der Benachteiligten. "Die Selektivität im Bildungswesen steigt durch Corona, weil die Lernleistung nochmals sinkt, weil das sehr vom privaten Umfeld abhängig ist. Wenn Eltern nicht ausreichend der Sprache mächtig sind, wie sollen sie Ihre Kinder beim Lernen unterstützen?", fragt Steiner.

Digitaler Kontakt zu Eltern häufig schwierig

Ein Wiener Mittelschuldirektor schildert ähnlich wie Kolleginnen, dass es mitunter bereits schwierig sei, mit Mittelschülern, deren Eltern Migrationshintergrund aufweisen, in Kontakt zu kommen. Zwar würden die digital zugeschickten Nachrichten gelesen, eine entsprechende Bestätigung bleibe aber oft aus. Teilweise erweist sich aber auch die technische Ausrüstung der Schulen selbst als unüberwindliche Hürde. "Es scheitert an der technischen Grundausstattung", beklagt der Mittelschulleiter. Auf Wunsch zur Behebung von technischen Problemen durch die zuständige Magistratsabteilung der Stadt Wien warte man Stunden, teilweise aber auch Tage.

Steiner geht davon aus, dass in Folge der Covid-19-Krise nochmals mehr Jugendliche den Bildungsweg überhaupt verlassen. Noch sei es zu früh für Prognosen, aber: "Bei Lehrlingen wissen wir schon, dass wir ein deutliches Minus bei jenen im ersten Lehrjahr haben. Die Frage, wohin die stattdessen gehen, ist allerdings noch offen. Eine Fachschule wäre eine Möglichkeit, eine andere aber wäre, dass Bildung vorzeitig abgebrochen wird."

Die soziale Ungleichheit steigt nun nochmals mit der Covid-19-Krise: "Wir gehen davon aus, dass mehr Schüler abgehängt werden, auch Benachteiligte ohne Migrationshintergrund."