Die Ankündigungen von Pharmaunternehmen, zeitweise weniger Covid-19-Impfstoff zu liefern als geplant, bedeute auch für Österreich einen "Rückschlag in der ganzen Planung", der sich aber eher mittelfristig auswirke. Die Hochrisikogruppen könnten trotzdem versorgt werden, betonte die wissenschaftliche Vorsitzende des Nationalen Impfgremiums, Ursula Wiedermann-Schmidt, am Montag. Meldungen zu Impf-Nebenwirkungen seien bisher sehr selten. Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne) hat zuletzt zu beruhigen versucht.

Dass es auch bei dem Modell der gemeinsamen, europaweiten Beschaffung zu derartigen Verzögerungen kommen kann, sei den Verantwortlichen "immer klar gewesen", sagte Wiedermann-Schmidt bei einer Pressekonferenz der Initiative "Österreich impft". Gerade deshalb gebe es den Impf-Stufenplan, der vorsieht, dass Hochrisikogruppen und Menschen im Gesundheitswesen zuerst an die Reihe kommen. "Für diese erste Risikogruppe sind genügen Impfstoffe da", so die Virologin. In den nächsten Phasen der Umsetzung des Impfplanes für die breite Bevölkerung seien jedoch Verzögerungen möglich: "Das ist ein laufender Prozess, den wir anpassen müssen."

"Es wird alles aufgeschnappt, was negativ ist"

Die Gefahr, dass jetzt Impfkritiker bis hin zu Verschwörungstheoretikern auch das Hickhack um die Impfstofflieferungen nützen könnten, sei durchaus gegeben, so Andre Wolf von "mimikama - Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch". Das Thema "Impfung" sei aktuell das Hervorstechendste im Online-Diskurs, in dem vor allen über Social Media-Kanäle und Messenger-Dienste viel Falsch- und Desinformation in die Welt gelangen.

Jede Negativmeldung - sei es auch nur um die Liefermodalitäten oder die vorhandenen Dosen - würde von bestimmten Gruppen als Vehikel genutzt, um Stimmung gegen Impfpläne und Co zu machen. "Es wird natürlich alles aufgeschnappt, was negativ ist", so der Experte, der mit mimikama auch die Initiative "Österreich impft" beim Entkräften von Impfmythen und Falschinformationen unterstützt. Hier gehe es oft darum, einfach einen Anknüpfungspunkt bzw. ein "Framing" zu finden, um impfkritische Information weiter zu verbreiten und "einfache Antworten" möglichst auf Augenhöhe neben oft komplexere, faktenbasierte Antworten der Wissenschaft zu stellen. Wenn jetzt die Situation um die Umsetzung der geplanten Impfstrategie schwieriger wird, dann sollten die Proponenten selbiger auch klar sagen, dass es sich verkompliziert, welche Auswirkungen das wahrscheinlich hat und wie dem begegnet wird.

Bisher keine Impf-Komplikationen

Die Impfungen mit den bisher zugelassenen beiden Vakzinen von Biontech/Pfizer und Moderna verliefen in Österreich bisher jedenfalls weitestgehend komplikationsfrei, sagte Wiedermann-Schmidt. Man sei hier auch europaweit um Transparenz bemüht. Im heimischen Melderegister gingen bei rund 170.000 verimpften Dosen mit Stand Ende vergangener Woche 94 Nebenwirkungs-Meldungen ein. Das sei mit 0,06 Prozent "ein sehr, sehr geringer Anteil". Berichtet werde vor allem über Kopfschmerzen, Ermüdung, Übelkeit, Schmerzen an der Impfstelle, Fieber, Schüttelfrost, Schwindel, Atembeschwerden oder Ähnliches. Das seien jene großteils nicht schwerwiegenden Reaktionen, die auch aus den Zulassungsstudien bekannt sind.

In zeitlicher Nähe zu den bisherigen Impfungen hierzulande habe es bisher vier Todesfälle gegeben. Bei zwei davon sei eine Verbindung zur Impfung bereits "eindeutig ausgeschlossen worden", so Wiedermann-Schmidt: "Bei den zwei anderen gibt es bis dato keinen Hinweis darauf, die Untersuchungen laufen aber noch weiter."

Der Rektor Medizinischen Universität Wien, Markus Müller, der wie auch Wiedermann-Schmidt als einer der Sprecher von "Österreich impft" fungiert, verwies darauf, dass die Zulassungsstudien einige zehntausend Teilnehmer umfassten. Mittlerweile seien schon rund 60 Millionen Menschen weltweit geimpft. Die Erfahrung werde dementsprechend immer größer. Es handle sich hier um einen "kontinuierlichen Prozess", bei dem auch weiter darauf geachtet wird, welche Impfreaktionen auftreten.

Keine Anhaltspunkte für Nebenwirkungen

Die oftmals ins Spiel gebrachten Langzeitfolgen könne man natürlich aktuell nur in etwa über den Zeitraum von sechs Monaten verlässlich einschätzen. Die Mehrzahl an Nebenwirkungen trete aber schon nach Tagen oder Wochen auf, das kenne man auch von anderen Vakzinen. Auch bei diesen seien Langzeit-Nebenwirkungen "sehr, sehr selten". Es gebe bisher "keine Anhaltspunkte" über Nebenwirkungen bei zugelassenen Covid-19-Vakzinen, die über die aus den Studien bekannten hinausgehen, so Müller.

Ein negativer Einfluss auf die Fertilität - wie manchmal von Impfskeptikern ins Spiel gebracht - sei auszuschließen , sagte Wiedermann-Schmidt, die auch damit rechnet, dass die Impfstoffe, deren Weiterentwicklung "nicht stehen bleiben" dürfe, vor der britischen und südafrikanischen SARS-CoV-2-Variante schützen. Wie es sich bei der brasilianischen Variate verhält, könne man hoffentlich bald besser bewerten.

Möglichst bald sollte sich auch die Frage klären, in wie weit die Vakzine auch vor der Erreger-Weitergabe schützen. Danach sehe es laut aktuellen Studien aber aus, so die Wissenschafterin. Neue Untersuchungsdaten dazu kämen laufend herein. Kritisch äußerte sich die Experten zu Ideen, den gleichen Personen Impfstoffe verschiedener Anbieter zu verabreichen oder das Intervall zur zweiten Dosis zu verlängern. (apa)