Die schlechten Nachrichten haben sich zuletzt gehäuft. Die Mutationen aus Großbritannien und Südafrika lassen auch hierzulande eine deutlich schnellere Ausbreitung befürchten. Der aktuelle Lockdown wirkt zu schwach, um den von der Regierung ausgegebenen Grenzwert von unter 50 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner im Sieben-Tages-Schnitt zu erreichen. Und zu den Lieferverzögerungen des Impfstoffherstellers Biontech/Pfizer sind zuletzt auch jene von Konkurrent AstraZeneca gekommen, dessen Vakzin für die heimische Impf-Strategie so zentral ist.

Für großes Aufsehen sorgte daher am Dienstag ein Bericht des deutschen "Handelsblatts", das sich auf deutsche Regierungskreise bezog. Demnach solle der AstraZeneca-Impfstoff bei Menschen über 65 nur eine Wirksamkeit von acht Prozent haben. Allerdings: Nicht nur der britisch-schwedische Pharmakonzern dementierte den Bericht umgehend als "komplett falsch". Auch das deutsche Gesundheitsministerium wies ihn zurück. Auf den ersten Blick scheine es, als liege eine Verwechslung vor, so das Ministerium. Bei der AstraZeneca-Wirksamkeitsstudie seien rund acht Prozent der Probanden zwischen 56 und 69 Jahre alt gewesen, nur drei bis vier Prozent über 70 Jahre. Daraus lasse sich aber nicht eine Wirksamkeit von nur acht Prozent bei Älteren ableiten.

Wirksamkeit von acht Prozent bei Älteren "nicht der Fall"

Auch laut dem Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs (Pharmig) beziehen sich die vom "Handelsblatt" erwähnten acht Prozent nicht auf die Wirksamkeit, sondern auf den Anteil der Studienteilnehmer. Es handle sich hier um eine klassische Vermischung von Halbinformationen und Zahlen, heißt es auf Nachfrage der "Wiener Zeitung". AstraZeneca führe die klinischen Studien derzeit weiter, auch mit Personen, die älter als 56 sind, um hier noch mehr Daten zur Wirksamkeit zu generieren.

Dass die Wirksamkeit der Vakzine bei Senioren lediglich acht Prozent betrage, sei absolut nicht der Fall, so die Pharmig, ganz im Gegenteil: "Der Impfstoff von AstraZeneca und der Oxford University zeigt auch bei dieser Altersgruppe eine hohe Wirksamkeit", heißt es. Konkret sei die Schutzrate gleich hoch wie bei Jüngeren, wo sie zuletzt mit 70,4 Prozent beziffert wurde. "Mit AZD1222 geimpft reduziert sich das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, im Vergleich zum Placebo um 70,4 Prozent. Darüber hinaus vermeidet man die Gefahr eines schweren Verlaufs oder einer Hospitalisierung", sagt Botond Ponner, Medical Director von AstraZeneca Österreich. Mit 70,4 Prozent wäre die Schutzrate allerdings dennoch geringer als jene der mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna mit jeweils mehr als 90 Prozent.

AstraZeneca hat eine bedingte Zulassung seines Corona-Impfstoffs in der Europäischen Union beantragt. Diese wird am Freitag durch den zuständigen Ausschuss der EU-Arzneimittelbehörde (EMA) erwartet. Auch bei planmäßiger Zulassung bleibt der Streit um die Lieferverzögerungen des Herstellers aber virulent. Gesundheitsminister Rudolf Anschober bekräftigte dazu am Dienstag den Standpunkt der EU: "Es geht nicht, dass man Verträge abschließt, Vorfinanzierungen genießt und dann Verträge nicht einhält." AstraZeneca hatte am Freitag mitgeteilt, zunächst weniger Impfstoff als geplant an die EU liefern zu wollen, nämlich bis Ende März nur 31 statt der geplanten 80 Millionen Dosen.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen forderte am Dienstag die Hersteller auf, ihre Lieferverpflichtungen zu erfüllen. Europa habe "Milliarden investiert", um die Entwicklung der Vakzine zu unterstützen. Die Unternehmen müssten jetzt liefern und Zusagen einhalten. Auch EU-Budgetkommissar Johannes Hahn bekräftigte den "Ärger" der EU-Kommission. Bislang gebe es "keine zufriedenstellenden Antworten". Man erwarte nun eine Lösung bis Ende der Woche. Sollte es allerdings zu keiner befriedigenden Antwort AstraZenecas kommen, seien rechtliche Schritte natürlich eine mögliche Konsequenz, so Hahn.

Gesundheitsministerium verschafft sich "Überblick"

Alexander Herzog, Generalsekretär der Pharmig, sprach sich indessen gegen Schuldzuweisungen und Drohungen aus. "Die Produktion von Impfstoffen ist eine hoch komplexe Angelegenheit. Wir befinden uns in einer für uns alle einmaligen, neuen Situation. Noch nie mussten in so kurzer Zeit so große Mengen produziert werden wie jetzt", ließ Herzog in einer Aussendung wissen.

Anschober kündigte unterdessen an, bei den Impfungen trotz der Liefer-Engpässe "volles Tempo" beibehalten zu wollen. Aktuell werde der Impfplan für über 80-Jährige überarbeitet. Eine generelle Präzisierung des heimischen Impfplans war schon vergangene Woche angekündigt worden. Derzeit verschaffe man sich "einen genauen Überblick" über die tatsächlichen Liefermengen durch AstraZeneca in den nächsten Monaten, heißt es aus dem Gesundheitsministerium gegenüber der "Wiener Zeitung". Das Ressort ist dafür auf die Informationen angewiesen, die die EU vom Unternehmen verlangt hat. Aktuell sei dank der Biontech/Pfizer- und Moderna-Vakzine die Fortführung der Impfungen gesichert, so das Ministerium. Die weiteren Phasen des Impfplans würden gerade "dementsprechend überarbeitet". Von Biontech/Pfizer wurden laut Ministerium bisher 242.775 Dosen geliefert, etwas über eine Million sollen es bis Ende des ersten Quartals sein. Von Moderna sind bis dato 7.200 Impfdosen angekommen, zu Quartalsende sollen es 196.000 sein.