Die in Südafrika erstmals entdeckte Mutation des Coronavirus (B.1351) ist in Tirol auf dem Vormarsch. Wie weit verbreitet sie ist und vor allem wo genau, ist noch nicht hinreichend geklärt, die Virologin Dorothee von Laer von der MedUni Innsbruck spricht aber bereits von 20 Prozent aller Neuinfektionen. Die Variante gilt als bedrohlich, da sie der Immunantwort Genesener und Geimpfter zum Teil ausweicht. Eine Quarantäne Tirols ist deshalb nicht ausgeschlossen. Landeshauptmann Günther Platter erteilt einer Isolation eine Absage, Gesundheitsminister Rudolf Anschober könnte aber eine Weisung erteilten.

Die Regierung prüft auch derzeit mit Experten alle Optionen, wie die APA aus informierten Kreisen am Donnerstag erfuhr. Anschober bezeichnet davor bei einer Pressekonferenz die Situation in Tirol als "ernst". Das Land Tirol hat, wie der Minister sagte, noch am Mittwoch ein "sehr straffes Fünf-Punkte-Programm aufgestellt, mit dem die Situation genau untersucht werden soll".

Er habe den Eindruck, dass Tirol "selbstverständlich" der Ernst der Lage klar sei. Am Sonntag "ist Tag der Bilanz", dem möchte er nicht vorausgreifen und weder vorhersagen noch ausschließen. Erst nach der Pressekonferenz erfuhr die APA, dass eine Abschottung Tirols bzw. einzelner Regionen bereits geprüft wird.

Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) hat einer möglichen Isolation Tirols aufgrund der Ausbreitung der südafrikanischen Coronavirus-Variante indessen eine Absage erteilt. "Das gibt die Datenlage nicht her", sagte er im Landtag. Man müsse "natürlich immer auf der Hut sein", gab er zu bedenken. Dennoch müsse darauf geachtet werden, "dass die Verhältnismäßigkeit gegeben ist".

Die südafrikanische Variante sei bisher 75 Mal identifiziert worden - nur mehr fünf Betroffene galten hier noch als aktiv positiv. In den vergangenen drei Tagen habe man sich mit Experten beraten, wobei beschlossen wurde, dass die Kontaktnachverfolgung und das Testen intensiviert werden sollen, so Platter.  Dies bedeutet Massentests "insbesondere im Bezirk Schwaz und Umgebung". Pro Tag sollen 50.000 Tests in Tirol durchgeführt werden und 118 Teststraßen zur Verfügung stehen, untermauerte Platter die bereits am Mittwoch genannten Vorhaben.

Contact Tracing wird aufgestockt

In punkto Kontaktnachverfolgung werde das Personal aufgestockt und die Polizei eingebunden. Insgesamt sollen 600 Personen im Einsatz sein. "Außerdem testen wir alle K1-Personen ohne Symptome und alle K2-Personen mit einem PCR-Test, der dann sequenziert wird", kündigte Platter an. Zudem wolle das Land bei den Sicherheits- und Hygienekonzepten in den Alters- und Pflegeheimen nachschärfen.

Bevor der Landeshauptmann eine Isolation Tirols ausgeschlossen hatte, hatte er sich am Rande der Landtagssitzung mit den Klubobleuten aller Parteien zu einer Besprechung getroffen. Laut Platter werde die nunmehrige Vorgangsweise von allen "durchaus akzeptiert". Zur Corona- Gesamtsituation meinte er, dass sich Tirol mit einer Sieben-Tages-Inzidenz von 98,1 im Österreich-Schnitt "weiter unten" bewege und es sich "in die richtige Richtung" entwickle. Aber man sei "noch nicht da, wo wir hinwollen".

Leichte Entwarnung kommt auch von Ralf Herwig, dem Chef von HG Pharma, jenes Labors, das den Großteil der Tiroler PCR-Proben auswertet. Es gebe keine exponentielle Steigerung bei den Südafrika-Fällen, derzeit sei die Kurve sogar tendenziell rückläufig, sagt er. Man habe nach den ersten Fällen massiv aufgerüstet, die Datenlage sei dadurch sehr gut, besser als in anderen Teilen Österreichs. Herwig schätzt, dass derzeit rund sieben Prozent der positiven PCR-Proben in Tirol einen Verdacht auf die südafrikanische Virusmutation liefern, aber eben nur einen Verdacht. Wie viele sich dann tatsächlich als bestätigte Fälle herausstellen, sei derzeit noch schwer zu sagen. Man habe am Anfang aber jedenfalls mehr Verdachtsfälle, als dann bestätigte Fälle.

Die Virologin von Laer hatte in Interviews die Ansicht vertreten, dass das Land Tirol angesichts des Auftretens neuer lokaler Corona-Varianten für ein Monat isoliert gehört. Die Beraterin der Bundesregierung übte scharfe Kritik am Land Tirol im Umgang mit den Corona-Mutanten und warnt vor einem "zweiten Ischgl". Sequenzierungen würden auch zeigen, dass mittlerweile bereits 20 Prozent der Infektionen auf die neuen Varianten zurückzuführen sind. Auch der Komplexitätsforscher Peter Klimek hatte innerösterreichische Reisebeschränkungen aufgrund des Aufkommens der südafrikanischen Variante in der "Presse" als sinnvoll bezeichnet.

Unterschiedliche Zahlen

Anschober betonte am Donnerstag, dass die Sequenzierungen beschleunigt und prioritär behandelt werden müssen. Er sei auch mit Van Laer "in einem guten und regelmäßigen Kontakt". Massentestungen in Tirol sind "ehestmöglich durchzuführen", forderte Anschober. Er betonte, dass die Mutationen "nicht erst gestern bekannt geworden sind". Wie sie sich im Detail auswirken, "ist für uns alle weltweit ein großes Fragezeichen".

Nach Informationen der APA sind andere Berater der Regierung nicht alle der Meinung der Virologin. Es würden unterschiedliche Zahlen vorliegen, die nun geprüft werden müssen. Während die britische Mutation B.1.1.7 durch eine höhere Infektiosität gekennzeichnet ist, mehren sich bei bei B.1351 die Hinweise, dass tatsächlich die Immunantwort teilweise umgangen werden kann. Sollte sich das bestätigen, hieße das zwar nicht, dass Geimpfte gar nicht mehr geschützt sind, der Schutz könnte aber etwas reduziert sein.

SPÖ fordert in Sachen Tirol "aktiv zu werden"

Der Gesundheitssprecher der SPÖ, Philip Kucher, hat Anschober per Aussendung aufgefordert, angesichts der Lage in Tirol "endlich aktiv zu werden". Anschober müsse den Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) "sofort per Weisung zum Handeln verpflichten und alle nötigen Schutzmaßnahmen vorgeben". Den Tiroler Verantwortlichen beim "Kopf in den Sand stecken zuzusehen, endet sonst neuerlich in einer Katastrophe", sagte Kucher.

Der Gesundheitssprecher erinnerte daran, dass die Situation in Ischgl vor einem Jahr binnen weniger Tage explodiert ist. "Bis Sonntag zu warten, ist keine Option!" Es zähle jetzt "jeder Tag, um nachhaltigen Schaden von den Tirolerinnen und Tirolern abzuwenden!" Der stellvertretende SPÖ-Klubchef Jörg Leichtfried wollte in einer Pressekonferenz nicht beurteilen, ob eine Isolierung Tirols nötig sei. Allerdings erinnerte er daran, dass es eigentlich eine Corona-Ampel gebe, um auf solche Dinge reagieren zu können. Was er sicher sagen könne, dass nicht alles richtig gemacht worden und sei und schleunigst Maßnahmen ergriffen werden müssten. Wenn das der Landeshauptmann nicht tue, sei der Gesundheitsminister gefordert.

Eine Abschottung Tirols wäre bereits die zweite für das Bundesland nach dem Frühjahr 2020. Damals wurden von Mitte März bis Anfang April alle Gemeinden unter Quarantäne gestellt und die Grenzen geschlossen. Diese Vollquarantäne bzw. die ausgerufene "Selbstisolation" war jedoch rechtswidrig, hatte der Verfassungsgerichtshof (VfGH) erst Mitte Jänner mitgeteilt.  Mit der Entscheidung des VfGH wurden die am 20. März vergangenen Jahres erlassenen Verordnungen, die das Überschreiten des eigenen Gemeindegebiets verboten haben, rückwirkend aufgehoben. Ab dem 5. April seien die Bestimmungen jedoch durch das Epidemiegesetz gedeckt gewesen, hieß es.