Es ist ein sonniger Samstagvormittag. Auf dem Friedhof einer Gemeinde im nordöstlichen Weinviertel finden sich zahlreiche Besucher ein. Alle mit FFP2-Maske und reichlich Abstand - der Friedhof ist groß. Heute wird ein 94-jähriger Mann beerdigt, der mehr als 60 Jahre in der Ortskapelle gespielt hat, mehr als 50 Jahre im Kirchenchor gesungen hat, die Pilger über Jahrzehnte als Vorsänger bei ihrer jährlichen Fußwallfahrt begleitet hat.

Die Ansprache des Priesters verhallt im Wind, aber das macht wenig aus, weil jeder der Teilnehmenden den Mann ohnehin gut kennt. Die Enkelkinder spielen "‘s ist Feierabend", als der Sarg in die Gruft versenkt wird. In Nicht-Corona-Zeiten hätte der Mann eine große kirchliche Abschiedsfeier erhalten. Aber jetzt ist eben nichts normal. Und dennoch oder gerade deshalb: Der Abschied ist besonders ergreifend. Es ist ein friedliches, sanftes Begleiten, das die Anwesenden als "schöne Leich" empfinden. Manche stellen die Frage, ob man Beerdigungen nicht auch künftig, nach dieser Pandemiezeit, so abhalten könnte. Also die übliche vorangehende Messe mit dem Fußmarsch zum Friedhof einfach streichen könnte.

Die Zeichnungen für die Absperrung der Bänke wurden von den Erstkommunionkindern gemalt. - © WZ /pech
Die Zeichnungen für die Absperrung der Bänke wurden von den Erstkommunionkindern gemalt. - © WZ /pech

Genau darüber gibt es unter den Kirchenbesuchern schon länger besorgte Debatten: Wird die Zahl der Kirchgänger durch Corona weiter sinken? Schließlich gewöhnt man sich daran, die Sonntagsmesse eventuell über das Fernsehen oder Radio mitzufeiern. Oder den Sonntagvormittag überhaupt anders zu nützen. In oben erwähnter 1.000-Einwohner-Gemeinde finden sich an gewöhnlichen Sonntagen zwischen 45 und 55 Messbesucher ein. Im Sommer des Vorjahres - also nach dem ersten Lockdown - waren in der örtlichen Pfarrkirche nur 30 Messbesucher zugelassen. Aber nicht einmal die wurden mehr gezählt.

Während des Lockdowns galt in sämtlichen Kirchen des Landes - von der Dorfkirche bis zum Stephansdom - eine Beschränkung bei Messen auf zehn Personen. Ab Sonntag, 7. Februar, kehrt die katholische Kirche wieder zur Abstandsregel zurück. Es gilt: zwei Meter Abstand, verpflichtendes Tragen der FFP2-Masken, keine allgemeinen oder Chorgesänge. Darauf hat sich die Bischofskonferenz mit Kultusministerin Susanne Raab bereits diese Woche geeinigt.

Schlüsse über schwindende Messbesuche voreilig

Es sei zu früh, jetzt schon den Verlust von Messbesuchern zu beklagen, sagt der Leiter der Pressestelle der Erzdiözese Wien, Michael Prüller, zur "Wiener Zeitung". Wahrscheinlich sei, dass nach einem Lockdown nicht mehr dieselbe Anzahl die Messe besuchen wird wie vorher. Das könne aber gerade nach einer Krise auch wieder anziehen. Man müsse also mit Schlüssen noch abwarten.

"Man hat schon Angst, dass die Menschen nach dem Lockdown nicht mehr in die Kirche zurückkehren", sagt Maria Schmid (66), Wortgottesdienstleiterin und stellvertretende Pfarrgemeinderatsvorsitzende in Herrnbaumgarten in Niederösterreich. "Die Alten werden älter und fallen weg, bei vielen anderen macht sich Bequemlichkeit breit und die Kinder finden keinen Bezug mehr", sagt sie. Schmid weiß, wovon sie redet, schließlich arbeitet sie seit Jahren mit den Erstkommunikanten. "Mir ist wichtig, den Kindern das Kirchenjahr mitzugeben. Aber jetzt ist das nicht so einfach: Wir wollten die Kinder am Christkönigssonntag der Pfarrgemeinde vorstellen, aber das ist genauso ausgefallen wie die gemeinsame Weihnachtsfeier." Jetzt finde die Erstkommunionvorbereitung online statt. "Die Kinder sind - auch durch das Homeschooling - sehr gut in der Online-Kommunikation."

Aber als Ersatz für eine gemeinsame Messfeier könne das nicht gelten. "Die Zeit vor der Erstkommunion ist für viele Kinder der erste Kontakt mit der Kirche überhaupt, wenn der wegfällt, sind die Kinder für die Kirche verloren." Die Auswirkungen seien spürbar: Im Vorjahr ist keiner der Erstkommunikanten als Ministrant oder Ministrantin geblieben. "Früher waren wir immer so stolz darauf, dass wir so viele Ministranten hatten", sagt Maria Schmid.

"Die Herausforderungen für die Pfarren sind groß", sagt Prüller dazu. Das reiche von den Ministranten über die Jungschar bis zum Kirchenchor. Prüller sieht aber auch einen gewissen Trost in diesen schwierigen Zeiten: "Dass damit die Möglichkeit verbunden ist, Neues zu schaffen."

Aber nicht nur für die Heranführung der Kinder an die Kirche wirken sich die Corona-Einschränkungen negativ aus. Kirchgehern fehlt die Gemeinschaft. "Ja, ich kann auch zu Hause beten - und tue das auch. Aber es ist ein ganz anderes Gefühl, in der Kirche gemeinsam mit der Pfarrgemeinde zu beten", sagt die 80-jährige Martha Prinz.

Einer, der das pfarrliche Leben ganz genau kennt, ist Uwe Eglau, seit elf Jahren Diakon in der Pfarre Gersthof-St. Leopold im 18. Wiener Gemeindebezirk. Er sitzt außerdem im Diakonenrat der Erzdiözese Wien, hört also auch von seinen Kleriker-Kollegen, "wie das Volk Gottes so tickt". Ungeschminkt erzählt er: "Die Gläubigen fühlen sich in dieser Ausnahmezeit von der Kirche im Stich gelassen. Sie nehmen uns übel, dass wir nicht Trost spenden und Mut machen." Und dann wird der Diakon, der in seinem Brotberuf übrigens Psychotherapeut ist, noch deutlicher: "Ich frage mich seit Monaten, wo vermittelt die Kirche eigentlich Hoffnung?"

"Die Gläubigen fühlen sich von der Kirche im Stich gelassen"

Messen via Fernsehen oder Livestream sind für den Diakon keine sinnvolle Alternative. Die Gläubigen sollten nicht nur im Geiste die Kommunion empfangen, sondern - wie Jesus sich das gewünscht hat - in der realen Gemeinschaft der Kirche. "Ich habe wirklich die Angst, dass Menschen nicht mehr in die Kirche gehen, weil es zu Hause vor dem Fernseher gemütlicher ist." Da komme es dann zu Absurditäten, etwa, dass "ein Mann Hostien vor den Fernseher gestellt und sie dann im Wohnzimmer als konsekriert verteilt hat".

Eglau glaubt, dass die Kirche durch den Lockdown vor allem jüngere Menschen verloren hat. "Sie haben kein Vertrauen mehr zu uns und fragen etwa, woran denn die Bischöfe selbst überhaupt glauben." Traurige Konsequenz: Diese Jungen kämen nie wieder. Der Kleriker nennt auch den Grund des kirchlichen Übels: "Glaubwürdige Zeugen des Evangeliums fürchten sich nicht, auch nicht vor dem Tod. Und genau diese Botschaft fehlt mir derzeit in der Kirche." Er geht mit der Hierarchie ins Gericht: "Ich frage mich: Wo ist die Stimme der Bischöfe?"

Für allfällige künftige Lockdowns rät der Mann von der Basis den Bischöfen, dass sie erstens ihre engsten Mitarbeiter, die Priester und Diakone, in die Entscheidungen einbinden. "Und dass sie sich zweitens von der Frohen Botschaft leiten lassen, dass Christus Leid, Schuld und Tod besiegt hat - und nicht von der Botschaft der Regierung. Aristoteles hat gesagt: ,Wenn ich für die Sicherheit meine Freiheit aufgebe, dann habe ich es verdient, ein Sklave zu sein.‘ Davor müsste die Kirche warnen."

Zu beklagen sind allerdings nicht nur weniger Kirchenbesucher in der Corona-Zeit, sondern auch Mindereinnahmen. Finanziell ist die katholische Kirche auf zwei Seiten betroffen: Einerseits durch die geringeren Einnahmen aus den Kirchenbeiträgen, die ja an das Einkommen der Menschen gebunden sind. Andererseits wirken sich die kaum noch vorhandenen "Opfer" im Klingelbeutel für die Pfarrgemeinden selbst aus.

Die Sorgen um die Finanzen sind für Christoph Kardinal Schönborn aber zweitrangig gegenüber den Menschen, die durch die wirtschaftliche Situation in Not geraten sind. Ihnen zur Seite zu stehen, müsse das erste Anliegen der Kirche sein. Die zu erwartenden finanziellen Schwierigkeiten seien wahrscheinlich einfacher zu meistern als der Neustart des gesamten Pfarrlebens, der nach Corona anstehe, erklärte Prüller.

Übrigens: Insider berichten, dass die Bischofskonferenz in der Frage der Lockdown-Handhabung ziemlich gespalten sei. Die harte Linie setzte sich aber auch deshalb durch, weil es Druck vonseiten der Museen und Opernhäuser auf die Bischöfe gäbe, nach dem Motto: "Warum soll die Kirche dürfen, was wir nicht dürfen?"