Dass Österreich am Montag "aufsperrt", wäre zwar eine Übertreibung, da weite Teile der Freizeitwirtschaft nach wie vor geschlossen bleiben, aber Museen, Zoos und Büchereien öffnen wieder, dazu die Schulen, der Handel, und Haare schneiden kann man auch wieder gehen. So wenig ist das auch wieder nicht.

In Südtirol wird dagegen am Montag wieder zugesperrt, die Idee der Öffnungen nach dem 6. Jänner erwies sich als weniger günstig. Jeden Tag verzeichnet Südtirol etwa 350 neue Fälle nach PCR-Tests, noch einmal so viele kommen durch Antigentestungen hinzu - bei einer Bevölkerung von etwa einer halben Million Einwohner. Selbst die 350 positiven PCR-Ergebnisse würden in Österreich einer Fallzahl von rund 6.000 pro Tag entsprechen. Auch drei weitere Nachbarländer, nämlich Tschechien, die Slowakei und Slowenien, liegen mit ihrer Inzidenz weit vorne in Europa.

Im Vergleich dazu ist die Lage in Österreich noch ruhig und stabil, allerdings sinken die Zahlen nicht mehr. Und das trotz Lockdown. Südtirol hat zudem doch viele Fälle in Bildungseinrichtungen registriert, pro Woche etwa 500 Neuinfektionen, die wiederum etwa 3.000 Absonderungen ausgelöst haben, von Schülerinnen und Lehrern.

Österreich öffnet weniger, als es Südtirol getan hatte, wo zwischenzeitlich auch Lokale wieder aufsperren durften sowie Skihütten. Dennoch werden die Lockerungen selbst von der Politik als "Risiko" (Michael Ludwig) und "Drahtseilakt" (Margarete Schramböck) bezeichnet, zumal sich neue, infektiösere Varianten zu verbreiten scheinen.

Trügerisches Gleichgewicht

Andererseits hat der Lockdown, so scheint es, seine Wirksamkeit beim Absenken der Zahlen verloren. Das Infektionsgeschehen ist seit drei Wochen wie einzementiert. Da jedoch den Bewegungsdaten nicht wirklich zu entnehmen ist, dass die zunehmende und durchaus auch nachgewiesene Corona-Müdigkeit auch tatsächlich zu einer weitverbreiteten Missachtung der Regeln führt, könnte das "stabile Infektionsgeschehen" in Wahrheit auch ein trügerisches Gleichgewicht sein: Der Lockdown drückt die Zahlen nach unten, die infektiöseren neuen Varianten nach oben, noch hält sich die Balance.

Begleitet werden die Öffnungen mit teils verpflichtenden Tests in Schulen, für gewisse Berufsgruppen sowie auch für Kunden von Friseuren und Physiotherapeutinnen, außerdem werden die Hürden für freiwillige Tests abgebaut. Es wird ab Montag kostenlose Tests in Apotheken geben, Unternehmen bekommen für Betriebstestungen die Kosten für die Tests refundiert, und sie können auch Angehörige ihrer Mitarbeiter testen.

Vor allem im ländlichen Raum können die Unternehmen auch die lokale Bevölkerung mittesten und die Rechnungen an den Bund, konkret an das Austria Wirtschaftsservice, schicken. Ab dem 15. Februar gibt es den Kostenersatz. Pro Test werden zehn Euro bezahlt. Das liegt über dem Einkaufspreis, allerdings entstehen den Betrieben auch organisatorische Kosten. Es könnte dennoch einen Anreiz geben, der hilft, die doch noch großen Lücken im kostenlosen Testangebot zu schließen.

Der Hintergrund ist die Überlegung, dass der regelmäßige Einsatz von Antigentests bei einem Gutteil der Bevölkerung trotz ihrer geringen Sensitivität, speziell bei asymptomatischen Personen, einen großen epidemiologischen Nutzen haben kann. Wichtiger als die Genauigkeit ist die Häufigkeit der Tests, zeigen Berechnungen der Epidemiologen aus Harvard. Ergänzend muss freilich das Contact Tracing gut funktionieren und die Quarantäne auch eingehalten bzw. deren Einhaltung kontrolliert werden.

Das Ziel der Regierung ist, dass sich ein Großteil der Bevölkerung regelmäßigen Tests unterzieht und dadurch die Fallzahlen gesenkt werden können. Der Dauermassentest wird seit Monaten von US-Epidemiologen als möglicher Weg aus der Krise propagiert, bisher aber nur auf Papier. So intensiv, wie Österreich ab Montag testen wird, testet in Europa kein Land. Ob diese Strategie allerdings auch in der Praxis funktioniert, abseits der Theorie, wird sich erst weisen. Ab Montag unternimmt Österreich jedenfalls die ersten Schritte, weitere werden wohl noch folgen. (sir)