Als in Österreich der erste Fall einer infizierten Person mit der neuen Südafrika-Variante des Coronavirus auftrat, war deren Existenz so gut wie unbekannt. Der Fall wurde auch erst ein Monat später entdeckt, nachdem alte Proben gezielt auf neue Varianten untersucht worden waren. Die Probe stammte vom 6. Dezember 2020, eine Urlauberin aus Südafrika war bei ihrer Rückkehr am Flughafen Wien positiv getestet worden.

Erst im November, wenige Wochen davor, hatten Krankenhäuser in der Region um Port Elizabeth in Südafrika einen außergewöhnlichen Anstieg von Covid-Erkrankten registriert und Wissenschafter alarmiert. Diese sahen sich das Virus genauer an und identifizierten die neue Corona-Variante B.1.351. Ihre Mutationen machen sie einerseits infektiöser, andererseits ließ eine spezifische Veränderung (E484K) noch ganz andere Sorgen wachsen. Die Variante könnte, zumindest teilweise, dem immunisierenden Schutz von Antikörpern entfliehen. Das hieße, auch wer bereits infiziert war oder geimpft ist, könnte sich anstecken. Könnte! Der Konjunktiv ist hier bewusst gewählt.

Die Evidenzen auf eine Immunitätsflucht mehren sich seither. Wie stark diese ausfällt, ist aber noch nicht hinreichend klar. Das gilt sowohl für die natürliche Immunität nach einer Erkrankung als auch den Impfschutz. Obwohl erst im November die neue Variante entdeckt wurde, liegen von einigen Impfherstellern bereits erste Studien vor, allerdings sehr kleine. Ihre Aussagekraft ist daher begrenzt. Bei AstraZenaca wurde etwa gar keine Schutzwirkung für milde und moderate Verläufe (keine Sauerstoffgabe) erkannt, die geringe Fallzahl in der Studie lässt aber keinen definitiven Schluss zur Schutzwirkung zu - für die Verhinderung von schweren Verläufen überhaupt keinen. Es ist auch möglich, dass ein Schutz schwerer Erkrankungen doch gegeben ist. "Die Daten passen mit anderen zusammen, in erster Linie mit der Vakzine von Novavax, die auch eine deutlich schlechtere Wirksamkeit gegen die südafrikanische Mutante aufweist", sagt Markus Zeitlinger, Pharmakologe der Medizinischen Universität Wien.

Tirol und Wien testen alle positiven Proben auf B.1.351

Die Bandbreite der Möglichkeiten ist bei B.1.351 groß - in beide Richtungen. Biontech/Pfizer haben, bisher jedoch nur im Labor-Experiment, eine Wirksamkeit gegen die Variante aus Südafrika nachgewiesen. Dennoch ist die Aufmerksamkeit, die B.1.351 aktuell entgegengebracht wird, angebracht. Bestätigt sich eine Reduktion der Schutzwirkung, wäre das eine schlechte Nachricht. Insofern ist es naheliegend, dass überall in Europa versucht wird, eine weitere Verbreitung zu unterbinden.

Wie weit und wo die neuen Varianten verbreitet sind, lässt sich bisher nicht sagen. Es werden nur wenige Proben der genauen und langwierigen Sequenzierung unterzogen, auch wenn überall die Kapazitäten erweitert werden. Die ebenfalls infektiösere britische Variante B.1.1.7 dürfte bereits weit verbreitet sein, auch in Österreich, und sie dürfte mitverantwortlich dafür sein, dass die Lockdown-Maßnahmen erstmals in dieser Pandemie nicht mehr zu einem Absinken der Fallzahlen führen. Seit Wochen verharrt Österreich bei einer weitgehend konstanten Inzidenz.

Seit einigen Wochen lässt sich immerhin eine Art Vortest mittels PCR durchführen. Dieser Nachweis ist zwar nicht perfekt, aber die Trefferquote hoch und ein Ergebnis in kurzer Zeit vorhanden. Wissen und Geschwindigkeit sind beim Versuch der Eindämmung der Pandemie, in diesem Fall der neuen Varianten, ausschlaggebend. Doch wie viele positive Proben in Österreich auf die neuen Mutationen hin geprüft werden, ließ sich am Montag nicht ausreichend herausfinden. Zuständig sind die regionalen Gesundheitsbehörden bzw. Länder. In Wien, heißt es aus dem Büro des Stadtrats Peter Hacker, werden alle positive Proben noch einmal auf Mutationen gecheckt, wobei die britische Variante bereits zu etwa 40 Prozent vertreten ist. B.1.351 habe man bisher nur in drei Fällen nachgewiesen, die Personen hatten sich davor auch alle im Ausland aufgehalten, nämlich in Malawi und Dubai, eine Person aber in der Schweiz.

Viele Regionen wohl noch im Blindflug

Der Fokus liegt aktuell auf Tirol, wo rund 400 Proben entweder bereits bestätigt (165 Fälle) oder in Abklärung sind. Eine derartige Häufung der Südafrika-Mutation gibt es in ganz Europa bisher nicht, doch es ist völlig ungewiss, ob alle Staaten und Regionen Nachschau halten. Das Land Tirol verweist eben darauf, besonderes viel zu sequenzieren und daher auch viele Fälle zu entdecken. So hat man etwa auch alte Proben aus dem Dezember zur Sequenzierung geschickt. Tatsächlich kommt Tirol auch pro Kopf auf die meisten PCR-Tests aller Bundesländer, mehr als Wien, doppelt so viele wie Kärnten, Oberösterreich und die Steiermark. Auch bei den Isolierungen von Kontaktpersonen war Tirol im Verhältnis mit anderen Bundesländern sehr sorgsam. Es mag ein Grund sein, dass sich in der Frage um das Vorgehen gegen B.1.351 am Wochenende ein bizarrer Konflikt zwischen Land und Bund um Reisebeschränkungen aufgebaut hat.

Keine Einigkeit zwischen Bund und Land Tirol

Zumindest war aus den Stellungnahmen Tiroler Politiker und Funktionäre ein erhebliches Maß an Kränkung zu entnehmen, nachdem vor allem Wissenschafter eine temporäre Isolierung der betroffenen Regionen als notwendig eingemahnt haben und die Bundesregierung eine solche Maßnahme überlegte. Dagegen wehrte sich die Politik vehement, obwohl Verkehrsbeschränkungen (Reiseverbote, Quarantäne) eine altbewährte Methode in der Seuchenbekämpfung ist und auch im Epidemiegesetz beschrieben ist.

Am Montag gab es dann auch keine gemeinsame Erklärung von Bund und Land - und auch nicht wirklich eine Lösung des Problems. Zuerst teilte das Land Tirol per Aussendung ein 9-Punkte-Programm mit, am Nachmittag folgte eine Pressemitteilung der Bundesregierung, in dem diese eine Reisewarnung für Tirol aussprach. Die unmittelbare Auswirkung ist in beiden Fällen enden wollend.

Tirol will Kontrollen verschärfen, die Bevölkerung soll auf die Südafrika-Variante hin "sensibilisiert werden". In Bezirken mit hoher Inzidenz werden flächendeckend PCR-Tests angeboten, zum Skifahren braucht es einen negativen Antigentest. Temporäre Mobilitätsbeschränkungen, wie sie von Virologen gefordert wurden, gibt es nicht, nur Aufrufe dazu.

Und genauso kann man auch die Reisewarnung der Regierung verstehen. Welche rechtlichen Konsequenzen diese hat? Keine, sagt Verfassungsrechtler und Medizinrechtsexperte Karl Stöger von der Uni Wien zur "Wiener Zeitung". Reisewarnungen für das Ausland können zwar dazu führen, dass der Staat den Betroffenen die Kosten für die Rückführung nach Österreich verrechnet. "Im Inland geht das aber natürlich nicht", sagt Stöger. Daher diene die Warnung lediglich der Bewusstseinsschärfung. Für eine rechtlich verbindliche Maßnahme müsste das Gesundheitsministerium Verkehrsbeschränkungen nach dem Epidemiegesetz oder sonstige Einschränkungen nach dem Covid-19-Maßnahmengesetz erlassen, so Stöger.

Eine Isolierung des gesamten Bundeslandes wäre wohl auch nicht verhältnismäßig. Das Vorkommen der Südafrika-Variante ist primär auf den Bezirk Schwaz begrenzt. Allerdings könnte auch Tirol einzelne Bezirke isolieren, das tat man bisher nicht. Im Pongau in Salzburg gibt es in einem größeren Cluster in einem Kindergarten Verdachtsfälle, in der Steiermark wurden in einem Pflegeheim ebenfalls einige Verdachtsfälle von B.1.351 bestätigt. Die Wahrscheinlichkeit einer Bestätigung ist hoch. Die Südafrika-Mutation ist also da, so viel ist sicher, wie häufig, wird sich weisen. Ein entschlossenes Vorgehen ist wichtig ob der potenziellen Immunflucht. Dafür wäre auch ein gemeinsames Vorgehen notwendig. Aber da haben sich Bund und Land noch nicht gefunden.