Es scheint paradox, trifft aber vielleicht bei tieferer Selbstreflexion sogar auf viele persönlich zu: Das Lockdown-bedingte Fehlen des morgendlichen Aus-dem-Haus-Gehens, der "echten" sozialen Kontakte und der Freizeitaktivitäten erschöpft, laugt aus, macht müde. So anstrengend ein langer Tag außer Haus mit einem ausklingenden Abend unter Freunden auch sein mag, so wichtig ist er doch für das Aufladen seiner symbolischen Batterien.

Vor allem Jugendliche sind durch den Wegfall all dessen zunehmend überfordert, hat nun eine aktuelle Studie des Instituts für Jugendkulturforschung ergeben. Die Studie, für die das Institut 400 repräsentativ ausgewählte 11- bis 17-Jährige befragt hat, zeichnet das Bild einer in der Covid-19-Pandemie mittlerweile erschöpften Jugend, für die die richtige Freizeitgestaltung ein wichtiger Beitrag zu psycho-emotionaler Stabilität wäre.

Engagement für Ältere

82 Prozent der Befragten sehnen sich demnach nach gemeinsamen Unternehmungen mit ihren Freunden und Freundinnen - abseits des meist schon alltagsbestimmenden Kontaktes über Soziale Medien. Für 66 Prozent ist es allerdings auch wichtig, sich auszuklinken und nichts zu tun. "Es ist schon erstaunlich, wie wichtig ,chillen‘ derzeit für Jugendliche ist, und zwar trotz der Ereignislosigkeit und Monotonie des Pandemie-Alltags, mit dem viele ringen", sagt Studienautorin Beate Großegger. Grund dafür dürfte sein, dass der Fernunterricht, aber auch der familiäre Alltag, also das ständige Zusammensein mit den Eltern und Geschwistern, als extrem energieraubend erlebt werde. Die Balance sei gestört. Dadurch wachse das Bedürfnis nach Loslassen und Nichtstun.

In diesem Szenario gewinne daher "eine an den individuellen Bedürfnissen orientierte Freizeitgestaltung für die psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen ungemein an Bedeutung", so Großegger. Die Frage ist nur: Wie die Freizeit gestalten, wenn so vieles nicht möglich ist? Wenn zwischen 20 und 6 Uhr Ausgangsbeschränkungen gelten und einander untertags nur zwei Haushalte treffen dürfen? Wie so oft geht es um die Kunst, sich - und in diesem Fall die Freizeitbedürfnisse - anzupassen. Bereits zu Beginn der Corona-Krise ab Mitte März des Vorjahres hat sich laut dem Institut für Jugendkulturforschung zum Beispiel gezeigt, dass sich vor allem Mädchen für ältere Menschen engagieren. Sie gehen für die Nachbarn einkaufen oder Gassi mit dem Hund.

Die Bereitschaft, sich täglich für ein längeres Telefonat mit den Großeltern Zeit zu nehmen, habe allerdings nachgelassen, heißt es. "Diejenigen, die helfen wollen, konzentrieren sich darauf, in Alltagsdingen praktische Unterstützung anzubieten, und vermeiden Gespräche über die Tristesse des Alltags in der Pandemie", sagt Großegger.

Motivation schwierig

Vor allem nämlich sei über die vielen Monate der Krise hinweg bei zahlreichen Jugendlichen eine innere Angst gewachsen, durch die sie sich immer mehr zurückgezogen haben, ergänzt der Kinder- und Jugendpsychologe Roland Bugram im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Meist jene, die schon vor der Krise eher wenige soziale Kontakte hatten, "sind jetzt noch ruhiger, noch inaktiver". Unter anderem auch deshalb, weil sie sich streng an die Regeln halten wollen. Diese müsste man motivieren, dass sie - im Rahmen der Ausgangsbeschränkungen - hinausgehen, weil es der körperlichen und psychischen Erholung diene. Aufgrund deren Zurückgezogenheit seien aber gerade hier die Kommunikation und damit Motivation schwierig, sagt Bugram. Ein Teufelskreis.

"Hat auf Junge vergessen"

"Ein grundsätzliches Problem bei all dem ist, dass man von Beginn der Pandemie an auf die jungen Erwachsenen vergessen hat", so Bugram. Kaum jemand sei auf deren Bedürfnisse eingegangen, weil freilich die Gesundheit der Älteren und der Risikogruppen im Vordergrund stand. Während die Kriegsgenerationen allerdings mit der Situation des Lockdowns und der Krisenbewältigung an sich vertrauter seien, sei diese für Jüngere um vieles problematischer. Allein deren Zukunftsplanung gestalte sich zunehmend schwierig und aussichtslos: Laut Arbeitsmarktservice sind derzeit um 10.000 mehr junge Menschen arbeitslos als vor einem Jahr.

Tatsache ist: Kinder und Jugendliche leiden anders unter der Corona-Krise als ältere Menschen. Im schlimmsten Fall können Depressionen, Angstzustände oder Essstörungen die Folge sein, warnen auch Kinder- und Jugendpsychiater. "Umso wichtiger ist es, sich im Kontext von Covid-19 mit den Freizeitbedürfnissen und den in die Freizeit verlagerten Recharging-Strategien junger Menschen zu beschäftigen", sagt Großegger vom Institut für Jugendkulturforschung. Denn es gehe darum, Jugendliche in der Bewältigung der Krisenerfahrung bestmöglich zu unterstützen.