Die Wirtshäuser haben geschlossen, der regelmäßige Stammtisch fällt weg. Und tatsächlich trinken aus diesem Grund viele Österreicher während des Corona-Lockdowns weniger, sagte Alfred Uhl, stellvertretender Abteilungsleiter des Kompetenzzentrums Sucht bei der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG), am Mittwoch. Die "sozialen Trinker" des Wirtshaus-Stammtisches hätten somit auch seltener ein coronabedingtes Alkohol-Problem, so Uhl. All jene hingegen, die bereits durch Sucht belastet sind, hätten den Konsum - getrieben durch die Isolation, Ängste um den Arbeitsplatz und die ständige Verfügbarkeit des Alkohols - gesteigert. Und die Möglichkeiten, diesen zu helfen, seien gerade während der Krise reduziert.

Das sei das Grundproblem, das in vielen Fällen voraussichtlich erst nach der Krise deutlich, aber dafür umso gravierender werde. "Die längerfristigen Folgen werden erst spürbar, wenn die akute Krise vorbei ist, also nach der ersten Verschnaufpause", ergänzte Martin Brusch, Abteilungsleiter des Kompetenzzentrums Sucht bei der GÖG. Unter anderem verstärkt durch die sozialen Folgen zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit, die zeitverzögert eintreten, wenn die staatlichen Hilfen für zahlreiche Unternehmen enden und diese womöglich in Konkurs gehen.

"Kollateralschäden" bei der Suchtbehandlung

Der Bedarf an Suchtbehandlungen wird daher laut Brusch massiv steigen. "Die Suchtprobleme werden nach der Krise sichtbar werden", sagte er - die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie hätten allerdings gerade bei der Suchtbehandlung und -prävention zu "Kollateralschäden" geführt. Das habe eine Studie der GÖG im Auftrag der Stiftung Anton Proksch Institut Wien ergeben, die unter anderen Brusch und Uhl am Mittwoch präsentiert haben.

Für die Studie wurden die Sucht- und Drogenkoordinatoren der neun Bundesländer im Oktober und November 2020 zu den Auswirkungen des ersten Lockdowns im Frühling befragt. Diese hatten demnach mit gravierenden Einschränkungen zu kämpfen und dadurch Suchtkranke mitten in der Therapie verloren. "Die Suchthilfe basiert stark auf Vertrauen", sagte dazu GÖG-Projektkoordinator Julian Strizek. "Social Distancing erschwert das."

Was den stationären Bereich betrifft, so seien hier kurzzeitig Betten für potenzielle Covid-19-Patienten geräumt worden. Suchtkranke wurden somit vor Therapieende nach Hause geschickt oder gar nicht mehr aufgenommen. Gleichzeitig sei der Bedarf an Krisenintervention im stationären Bereich -also ungeplante, therapeutische Gespräche - gestiegen, heißt es dazu vom Anton Proksch Institut. Konkret um 57 Prozent, während rund zehn Prozent der Betten für potenzielle Covid-19-Patienten frei gemacht wurden.

Im ambulanten Bereich habe man zwar versucht, die Kontakte aufrechtzuerhalten, indem man von den persönlichen Treffen auf Telefonate oder E-Mails umgestellt habe, sagte Strizek. Vor allem Erstkontakte kämen auf diesem Weg aber kaum zustande. "Die Suchterkrankung ist eine chronische Erkrankung, und das Zeitfenster, in dem ein Betroffener eine Behandlung zulässt, ist daher sehr klein", so Strizek. All jene, die noch nicht im Hilfesystem angekommen waren, seien daher neben den noch unstabilen Klienten im Moment am gefährdetsten, in ihrer Sucht gefangen zu bleiben. Die sogenannten E-Health-Angebote seien daher eine wertvolle Ergänzung, aber kein vollwertiger Ersatz, resümierte auch Uhl. Vor allem bei den Fragen des Datenschutzes oder der Barrierefreiheit gebe es noch Klärungsbedarf.

Geld für die Therapie könnte knapp werden

Zusätzlich erschwerend könnte laut den Sucht- und Drogenkoordinatoren der Studie hinzukommen, dass nach Ende der Corona-Krise Geld für die Suchttherapie knapp wird, weil die öffentliche Hand sparen muss. Die Suchthilfe wird generell durch Tagsätze der Österreichischen Gesundheitskasse in Kombination mit einem Zusatz durch die Länder finanziert.

Die Studie ist laut Autoren jedenfalls ein längerfristiges Projekt. Eine Laufzeit von drei Jahren sei angedacht, hieß es, um eben auch die zeitverzögerten Auswirkungen beleuchten zu können. Ein nächstes Ziel sei, gemeinsam mit Vertretern des österreichischen Suchthilfesystems Empfehlungen zur Sicherstellung einer optimalen Versorgung von Menschen mit Suchterkrankungen zu formulieren.

Nach einem Rückfall wieder ins Leben zu finden, ist laut Suchtexperte Michael Musalek, Psychiater und Psychotherapeut und Leiter des Anton Proksch Instituts in Kalksburg, jedenfalls langwierig und schwierig. Die Schwelle, Hilfe zu suchen, sei hoch. "Es dauert lange, bis zu sechs Jahre."