Am 3. Jänner war es so weit: In Österreich wurde bei vier Personen erstmals die britische Variante B.1.1.7 und bei einer Person die südafrikanische Mutation B.1.351 bestätigt. "Unter den fünf Betroffenen sind drei Kinder", hieß es in der Eilt-Meldung an diesem Tag. Damit war Österreich unter den damals erst 32 Ländern weltweit mit nachgewiesenem Mutationsgeschehen.

Mittlerweile werden alle bei PCR-Tests gefundenen Verdachtsfälle auf eventuell vorhandene Mutationen in der Virus-RNA erstuntersucht. Bestätigt sich der Verdacht, wird der Genabschnitt, der sich sowohl bei der britischen, der südafrikanischen und der brasilianischen Variante verändert hat, sequenziert. Am 15. Februar vermeldete die Gesundheitsagentur (Ages) keinen Fall der brasilianischen, aber bisher 1.096 Fälle der britische Variante seit Jahresbeginn. Gemessen an den Infizierten waren die meisten, 189, mit B.1.1.7 im Burgenland. Die südafrikanische Variante wurde bisher 279 Mal bestätigt, 271 davon im Hotspot Tirol.

Bei rund 64.000 Infizierten seit Jänner könnte man die Kirche nach wie vor im Dorf lassen. Allerdings treten Fragen auf: Sind Mutationen ansteckender? Versterben die Menschen an einer Erkrankung durch diese häufiger? Ist man länger infektiös? Wirken Impfstoffe? Kann man sich mit Antikörpern vom "Wildtyp", also dem Klassiker aus 2020, erneut mit Virusvarianten anstecken? Und: Warum setzen politisch Verantwortliche keine neuen Maßnahmen?

Studien zeigen Unbekannte, aber wenig Dramatisches

Erste Studien zeigen eine höhere Ansteckungsrate von B.1.1.7. Eine Studie von Adam S. Lauring von der Universität Michigan und Emma B. Hodcroft von der Uni Bern spricht von einer 56-prozentigen höheren Ansteckungsrate in Großbritannien. Die deutsche Regierung begründete ihre Abschottung kürzlich mit konservativeren Schätzungen von 35 Prozent.

Für Andreas Bergthaler, Virologe an der Österreichischen Akademie der Wissenschaft, sind die Mechanismen, die für erhöhte Infektiosität verantwortlich sind, allerdings noch unklar: "Studien suggerieren, dass B.1.1.7 zu höheren Virusmengen heranwächst. Gleichzeitig könnte auch der Zeitpunkt der ersten Krankheitssymptome oder die Dauer der Infektion anders verlaufen." Beweise dafür stehen aber noch aus.

Genauso wie für eine höhere Sterblichkeit, die der britische Premier Boris Johnson Ende Jänner behauptet hat. Britische Virologen waren angesichts "viel zu kleiner Fallzahlen" und "viel zu frühem Zeitpunkt" verdutzt. Und sein Gesundheitsminister Matt Hancock räumte ein, es sei "nicht wirklich sicher, wie tödlich" die Variante sei.

Eine Harvard-Medical-School-Studie zu NBA-Basketball-Spielern zeigte nun, dass bei diesen die durchschnittliche Gesamtinfektionsdauer bei Infektionen mit der britischen Variante 13,3 Tage betrug, im Vergleich zu 8,2 Tagen mit dem "Wildtyp", womit die zehn Tage Quarantäne in Österreich bei einer Sars-CoV-2-Infektion zu kurz wären.

Dazu wirft Virologin Monika Redlberger-Fritz in den Talon: "Es gibt auch Studien, die zeigen, dass die Infektionen gleich lange dauern. Und: "Solange die Datenlage nicht dichter ist, geht es darum, dass jeder Betroffene die Quarantäne einhält. Mit einer Variante Infizierte zeigen aber meistens ohnehin mehr Awareness." Die Viruslasten sinken bei allen Varianten im Laufe der Erkrankung wieder ab. "Man ist nach zehn Tagen generell nicht mehr so ansteckend."

Aber wirkt die Impfung? Und was gilt für die südafrikanische Mutation? Zwar gibt es noch keine allgemeinen Referenzwerte, welcher Antikörper-Status für eine Immunität spricht. Die von der Virologin Dorothee von Laer von der Med Uni Innsbruck veröffentlichte Studie über die Bevölkerung in Ischgl zeigt aber, dass sich 90 Prozent der Personen, die bereits im März 2020 Antikörper hatten, auch noch acht Monate nach der Covid-19-Erkrankung immun waren. Das stimmt von Laer optimistisch (siehe Artikel auf Seite 20).

Vorsichtiges Annähern und Eindämmen der Verbreitung

Dass eine zweite Infektion mit dem Wildtyp unwahrscheinlicher ist, zeigt auch eine Forschungsgruppe von der Med Uni Graz, der Ages und der Stanford University: Von den Covid-Überlebenden der ersten Welle infizierten sich mit 0,27 Prozent deutlich weniger nochmals als generell. Da waren es 2,85 Prozent. Bei von Laer ist es aber ein "Optimismus mit Komplikationen". Denn am Mittwoch wurden sechs Reinfektionen in Tirol mit der südafrikanischen Variante bekannt. Eine Impfung mit AstraZeneca könnte zudem zwar für mildere Verläufe mit B.1.351 bedeuten, eine Ansteckung damit dürfte aber möglich sein.

Aus diesem Grund gibt es keine Ausreise aus Tirol ohne negativem Test, breites Durchtesten und intensiveres Kontakteverfolgen vor Ort. Bei allen Mutationsverdachtsfällen ist seit Jahresbeginn das Contact Tracing intensiviert. Das bedeutet, direkte Kontaktpersonen werden nicht nur einmal nach fünf Tagen, sondern ein zweites Mal nach weiteren fünf PCR-getestet. Für K2-Kontakte ist sonst kein Test vorgesehen, bei Mutationsverdacht aber ebenfalls ein PCR-Test. An der Quarantäne ändert sich vorläufig nichts, heißt es aus dem Gesundheitsministerium.

In Südtirol wurde derweil nach nur sechs B.1.351-Fällen vier Gemeinden weitgehend abgeriegelt. "Von virologischer Seite her hat das meine vollste Unterstützung. Das würde auch in Österreich nach wie vor Sinn machen", sagt Redlberger-Fritz. Es scheint aber mit der Lokal- und Regionalpolitik in Österreich nicht möglich zu sein.