Es war Dienstag, der 25. Februar 2020, als das Coronavirus offiziell in Österreich ankam. Zwei 24-Jährige, eine Rezeptionistin des Tiroler Grand Hotel Europa und ihr Freund, waren im Labor der Innsbrucker Virologin Dorothee von Laar positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden. "Sie stammen aus der Gegend von Bergamo, wo sie bis Freitag waren", konkretisierte Günter Weiss von der Uni-Klinik-Innsbruck, bei einer Pressekonferenz des Landes Tirol, die der ORF per Zeit im Bild-Spezial-Sendung übertrug. Das Hotel wurde abgeriegelt. "Derzeit darf niemand hinein oder heraus", sagte ORF-Reporter Klaus Schönherr. Polizisten bezogen vor dem Hotel Position – noch ohne Maske.

Aus ganz Italien wurden an diesem Tag 93 neue Corona-Infizierte gemeldet. Zwei Wochen später zitierte die "Wiener Zeitung" Christian Salaroli, Anästhesist in Bergamo, aus der "Corriere della Sera", dass bereits selektiert werde, wer behandelt wird und wer nicht. "Man entscheidet nach den Kriterien Alter und Gesundheitszustand. Es ist wie in allen Kriegssituationen."

Die beiden Italiener seien "mit ihrem privatem Pkw nach Innsbruck" zurückgekommen, sagte Weiss am 25. Februar. Beide hätten am Wochenende Fieber bis 38 Grad Celsius gehabt, er ein wenig Husten, sie leichte Beschwerden in der Lunge. Die beiden seien stabil auf einer Station im Klinikum. "Mit einer entsprechenden Maske ausgestattet", ergänzte Cornelia Lass-Flörl, Hygienerin an der Med-Uni-Innsbruck. Sie sprach von Tröpcheninfektion, eventuellen Schmierinfektionen. Die Desinfektionsmittel des Spitals seien adaptiert worden.


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Es sickert langsam: Die Pandemie hat Österreich erreicht

Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber sagte, dass nun eine "Routine bei Infektionserkrankungen" greife. Man befinde sich in der "Containmentphase, um die Infektionskette durch Einhausung zu beenden", betreibe "Contact Tracing, um keine weiteren Infektionsfälle zu haben".

ÖVP-Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg, der Mitte März international mit seiner elfmaligen Wiederholung, rund um Ischgl alles richtig gemacht zu haben, Aufsehen erregte, damals aber noch nur regionalen Bekanntheitsstatus genoss, sprach an diesem Dienstag von professionellem Abarbeiten der Situation. Er erwähnte gut vorbereitete Spitäler, das Land und die Klinik plante damals eigene Covid-19-Ambulanzen. Auch Hausärzte wurden neben einer Landes- und Bundeshotline zur Erstabklärung in Betracht gezogen. Man sei für den Ernstfall gewappnet. Er sei kein Hellseher, aber: "Es kann der Fall eintreten, dass die Pandemie verschwindet, aber natürlich auch, dass es zunehmend mehr Verdachtsfälle und betroffene Fälle gibt, das wird man die nächsten Tage sehen."

Tilgs Hoffnung entpuppte sich zwei Tage später als trügerisch: Vier Sars-CoV-2-Positive wurden in Wien, zwei in Niederösterreich und einer in der Steiermark bestätigt, damit waren es neun. "Wir rechnen mit weiter steigenden Zahlen", sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP). Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) sah Österreich aber noch "auf einem guten Weg". Wie sich in der Replik zeigt, war es kein Weg aus, sondern in die Pandemie.

Dann kam Ischgl. Schon am 5. März erfuhren die Tiroler Behörden von 14 isländischen Gästen, die nach ihrer Heimreise aus dem Tiroler Ski-Ort positiv auf das Virus getestet worden waren. Sie sprachen erst von einer Ansteckung im Flugzeug und nicht in Tirol. Nach mehreren bestätigten Fällen allerdings wurde die Après-Ski-Bar "Kitzloch", wo sich rund um einen Sars-CoV-2-positiven Kellner weiterhin Feiernde ansteckten, ab 10. März behördlich gesperrt. Am 12. wurden die Tiroler Skigebiete geschlossen, tags darauf das Paznauntal mit Tourismus-Hotspots wie Ischgl und Galtür sowie St. Anton am Arlberg unter Quarantäne gestellt.

Es war zu spät: Die eilig abreisenden Touristen verbreiteten das Virus ins Ausland und auf ganz Österreich. Bis 12. März stiegen die Infektionszahlen laut Dash-Board der Agentur für Gesundheit- und Ernährungssicherheit (Ages) auf 99 Infizierte österreichweit an; tags darauf 188. Die Zahl war keine Apa-Eiltmeldung mehr wert. "Die Corona Krise betrifft uns alle", sagt Bundespräsident Alexander Van der Bellen an diesem Tag.  

Wir haben geschlossen

Und mit dem ersten Lockdown ab 16. März wurde die Pandemie für alle spürbar. Familien und Schulen wechselten abrupt ins Experiment Distance Learning. Fast die Hälfte der Unterrichtstage, an Oberstufen sogar mehr als 60 Prozent,  fand seither nicht an der Schule statt. Zwei Lockdowns später verspürten alle Beteiligten die besonderen Strapazen des Heimunterrichts. Nach dem Ende der Semesterferien kehrten Testwillige an die Volksschulen zum Präsenzunterricht, jene der Mittelschulen und der AHS-Unterstufe sowie alle älteren Schülerinnen und Schüler in einen Schichtbetrieb an die Schulen zurück.


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Bis auf Supermärkte, Drogerien, Trafiken und Apotheken wurden die Gehsteige für Handel, Gastronomie, Kultur und Sport hoch geklappt. Die Wirtschaft kriselte enorm, die Arbeitslosigkeit stieg und drohte weiter zu steigen. In der ersten Woche des Lockdowns beschloss die Regierung ein Milliardenpaket mit Härtefallfonds, Direktzuschüssen und Kurzarbeit angesichts des drastischen Einbruchs der Wirtschaft. Dieses wurde mehrmals aufgestockt und beläuft sich aktuell auf 31,4 Milliarden Euro.


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Trotz 1,2 Millionen in Kurzarbeit im Frühling waren Ende März 2020 562.522 Menschen arbeitslos oder in AMS-Schulungen, ein historischer Höchststand seit 1946. Besonders betroffen waren anfangs jene, die erst vor kurzem in den Beruf eingestiegen waren, die Saisonbranchen Bau und Tourismus sowie Niedrigqualifizierte. Die Krise am Arbeitsmarkt wurde allerdings zunehmend weiblicher. Vor allem, weil der Tourismus mit nach wie vor weitgehend geschlossener Gastronomie und Beherbergung bislang keine Chance hatte, wieder mehr Menschen zu beschäftigen, sind in dieser Woche nach wie vor 513.000 Menschen ohne Arbeit und weitere 485.000 in Kurzarbeit


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Die Spitäler rüsteten sich

Die Infizierten-Zahl verdoppelte sich zu Beginn der Pandemie innerhalb von nur drei Tagen, auf 1.000 am ersten Lockdown-Tag. Die Hotspots lagen damals in Tirol und Oberösterreich. Eine Person in Intensivbehandlung mit Covid-19 war am 16. März noch eine eigene Meldung wert. In Österreichs Spitälern wurden rund 1.300 Betten frei gespielt. Schon Anfang April waren mehr als 1.000 Betten mit Covid-19-Patienten belegt. 267 lagen zum Höhepunkt der ersten Welle auf Intensivstationen.

- © Apa / Helmut Fohringer
© Apa / Helmut Fohringer

Nahe an der Überlastung waren Österreichs Spitäler dann aber doch erst in der zweiten Welle mit knapp 4.000 auf Normal-Stationen und weiteren 700 intensivmedizinisch betreuten Covid-19-Erkrankten.


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Sterben an und mit Covid-19

Die ersten drei Todesfälle durch Covid-19 in Österreich wurden bereits am 16. März zum Start des ersten Lockdowns gemeldet. Im November waren es mehr als 2.000, im Dezember mehr als 3.000. Insgesamt sind bisher mehr als 8.300 Personen an und mit Covid-19 gestorben.


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Eng damit hing die Verbreitung von Sars-CoV-2 in den Pflege- und Altenheimen zusammen. Mitte März wurde noch von einer einzelnen "positiv getesteten" Pflegerin eines Vorarlberger Heims berichtet. Im November und Dezember gab es dutzende Cluster in Pflegeheimen: darunter Baden, Lillienfeld, Amstetten in Niederösterreich, Semrach und St. Lorenzen in der Steiermark, mehrere Heime in den Kärntner Bezirken Wolfsberg, St. Veit und Villach Land waren genauso von Corona-Ausbrüchen betroffen wie Heime im burgenländischen Oberpullendorf und Pinkafeld. Kein Bundesland blieb verschont. "Die zweite Welle hat es in sich", konstatierte Gesundheitsminister Rudolf Anschober in der dritten Novemberwoche angesichts der damals 944 an und mit Covid-19 Verstorbenen in Alters- und Pflegeheimen sowie mehr als 2.700 damit infizierten Bewohnerinnen und Bewohnern. Im Dezember gab es den Höhepunkt mit insgesamt 7.116 infizierten der in diesen Einrichtungen lebenden Menschen und weiteren 3.634 vom Personal. Im Laufe dieses Februars (Stand: 24.2.) haben sich bislang 848 Bewohnerinnen und Bewohner sowie 138 mit Sars-CoV-2 infiziert.


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Der langsame "Gamechanger"

Am 27. Dezember 2020 war es schließlich so weit: Die 84-jährige Pensionistin Theresia Hofer aus Niederösterreich ließ sich als erste Österreicherin impfen. Damit "ich wieder meine Familie treffen kann und meine Urenkerl", sagte sie. Auch die Bilder in den Intensivstationen seien ein Grund gewesen, "das motiviert mich auch". Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) sprach bei dem medienwirksam inszenierten Event von einem "historischen Tag": "Die Impfung ist der Anfang vom Sieg über die Pandemie, sie ist ein ‚Gamechanger‘."

Ursula Wiedermann-Schmidt, Vorsitzende der Impfkommission, injizierte am 27. Dezember 2020 der 84-jährigen Pensionistin Theresia Hofer als erster Österreicherin den Impfstoff gegen Covid-19. - © Apa / Hans Punz / Apa-Pool
Ursula Wiedermann-Schmidt, Vorsitzende der Impfkommission, injizierte am 27. Dezember 2020 der 84-jährigen Pensionistin Theresia Hofer als erster Österreicherin den Impfstoff gegen Covid-19. - © Apa / Hans Punz / Apa-Pool

Angesichts erst schleppend verimpfter, dann verzögerter Lieferungen und Engpässen bei Impfdosen dauerte es bis Mitte Februar, bis Anschober davon sprach, dass ein Großteil der Alters- und Pflegeheime mit der ersten Dosis durchgeimpft waren - und die Infektionszahlen und Todesfälle sanken. Auch impfwilliges Gesundheitspersonal ist erstgeimpft, sowie einige sich vordrängelnde Gemeinde- und Landespolitiker. Im Moment sind über 80-Jährige und Risikopersonen dran. Der Gesundheitsminister geht davon aus, dass nach Ostern eine Million in Österreich einen vollen Impfschutz haben wird.


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Das Tiroler Grand Hotel Europa, in dem die erste Infizierte arbeitete, wurde übrigens ebenfalls Opfer der Pandemie. Es war im September 2020 insolvent. Am 9. Februar wurden das Inventar des 1896 errichteten Traditionshauses – inklusive antiker Heiligenfiguren – versteigert.