Der Tiroler Bezirk Schwaz ist nicht nur seit Wochen im österreichischen Fokus der Corona-Politik, er ist auch längst zu einem europäischen Thema geworden. Nirgendwo sonst auf dem Kontinent ist es zu einer derartigen Häufung der in Südafrika erstmals entdeckten Virusvariante B.1.351 gekommen. Zwar hat sich die Zahl der aktiven Fälle von 193 auf 84 halbiert und ist im gesamteuropäischen Maßstab nicht mehr als kleiner Punkt auf der Corona-Karte, dennoch ist Schwaz längst für die Pandemie-Eindämmung für die ganze EU bedeutsam geworden.

Weil bei dieser Virusvariante der dringende Verdacht besteht, dass sie den Immunitätsschutz, auch nach einer Impfung, zumindest zum Teil umgeht, könnten im Fall einer weiteren Verbreitung die Bemühungen im Kampf gegen das Virus zurückgeworfen werden. Es ist der Grund, weshalb Bayern scharfe Grenzkontrollen zu Tirol verfügt hat, die am Mittwoch bis 17. März verlängert wurden. Und weshalb auch innerhalb Österreichs, spät, aber doch, Ausreisebeschränkungen beschlossen wurden, die bis zum 10. März aufrecht bleiben, wie Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) ankündigte.

Die Variante ist nun auch der Grund dafür, dass es zu vorgezogenen Impfungen im Bezirk kommen wird, und zwar dank einer Zusammenarbeit der EU-Kommission, Biontech/Pfizer, Bund und Land Tirol. 100.000 Impfdosen werden aus dem EU-Kontingent vorgezogen, um ab 11. März der gesamten Bevölkerung der Region ein Impfangebot zu unterbreiten.

Das war, im Sinne der Eindämmungsstrategie, bereits vor Wochen gefordert worden, hätte aber bedeutet, dass andere Bundesländer weniger Impfdosen erhalten. Das war politisch nicht durchsetzbar. Das Kontingent für Schwaz kommt nun quasi direkt aus Brüssel, allerdings handelt es sich nur um eine Vorauslieferung, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz. Aus dem Büro von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hieß es zur "Wiener Zeitung", dass Biontech/Pfizer im März durch eine Beschleunigung in der Produktion mehr liefern könne, speziell für "EU-Mitglieder in einer schwierigen Situation". Dazu zählt offenbar Österreich. "Diese Mitgliedstaaten erhalten durch diese Beschleunigung nun zusätzliche Impfdosen", heißt es aus dem Büro von der Leyens, andere Staaten erhalten deshalb im März und April nicht weniger.

Beim Impfstoff von Biontech/Pfizer wird zwar auch eine geringere Wirksamkeit gegen B.1.351 vermutet, aber zumindest noch eine ausreichende. Gute Daten zur Effektivität gegen die Südafrika-Variante fehlen aber noch für dieses Vakzin, weshalb auch Biontech/Pfizer ein Interesse an diesem Projekt hat. Es wird international wie national wissenschaftlich begleitet. "Es ist unsere Chance, die Variante im Bezirk Schwaz auszulöschen", sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP).

Landeshauptmann Günther Platter und Stellvertreterin Ingrid Felipe (Grüne) zeigten sich erfreut, dass Schwaz nunmehr für ganz Europa zur Forschungsregion werde. Den Bezirk wird man nach Beginn des Projektes für "maximal zwei Wochen" nur mit negativem Test verlassen können, die Exekutive werde stichprobenartig kontrollieren, sagte Platter. Ein PCR-Test darf höchstens 72 Stunden alt sein, ein Antigen-Schnelltest maximal 48 Stunden. Bis dahin wird die derzeit aufrechte Ausreisetestpflicht für Tirol verlängert. Jeder, der aus Nordtirol ausreisen will, muss weiterhin einen negativen Corona-Test vorweisen, der nicht älter als 48 Stunden ist.

Der Impf-Schnelldurchlauf ist noch aus einem anderen Aspekt heraus bemerkenswert. Schwaz könnte zu einer Pilotregion werden. Das sagte zumindest Platter, der Schwaz als "Beispiel für andere Regionen Europas" sieht. Eine Häufung von gefährlichen Varianten kann tatsächlich jederzeit auch anderswo in Europa auftreten. Die britische Variante ist bereits weit verbreitet, doch gegen sie wirken die Impfungen gut. Es entstehen aber immer wieder neue Varianten, und von diesen kann erneut eine darunter sein, die den Antikörperschutz geschickt umgeht.

EU war bisher nur Zaungast

Bisher war die Kommission in der Frage der Virus-Eindämmung nur Zuschauer. Auch die europaweiten Reisebeschränkungen im Frühjahr 2020 waren auf nationaler Ebene entschieden worden. Brüssel versuchte, den Fleckerlteppich der Regeln ein wenig zu vereinheitlichen - mit eher bescheidendem Erfolg. Grundsätzlich sind diese Agenden zwar auch Aufgabe der Mitgliedstaaten, vor Weihnachten forderten aber Corona-Forscher aus allen europäischen Ländern in einem gemeinsamen Aufruf eine koordinierte Strategie. Nur so könne es wirklich gelingen, die Pandemie einzudämmen. Denn auch ohne Tourismus kommt es durch den Personenverkehr in Europa zu ständigen Einschleppungen, wie die Verbreitung der Varianten wenig später auch illustrierte.