"Die Bildungsschwächen sind nicht behoben worden. Sie haben sich jetzt in der Krise mit aller Deutlichkeit gezeigt." Diesen ernüchternden Befund zieht der Industrielle Hannes Androsch knapp zehn Jahre nach dem Bildungsvolksbegehren, das im November 2011 von knapp 384.000 Bürgern unterstützt worden ist. Der frühere SPÖ-Finanzminister und Vizekanzler hat mit weiteren Initiatoren wie dem früheren Industriellenchef Veit Sorger und dem steirischen Ex-ÖVP-Klubchef Bernd Schilcher ein Volksbegehren unter anderem für ganztägige Schulen, eine Aufwertung der Ausbildung und des Personals in Kindergärten, eine gemeinsame Schule bis zum Ende der Schulpflicht und die Abschaffung des Sitzenbleibens gestartet. "Nach zehn Jahren müssen wir sagen: nichts davon ist umgesetzt, im Gegenteil", beklagt Androsch im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Denn während der Ministerzeit von Heinz Faßmann schon unter Türkis-Blau seien Ziffernoten in Volksschulen wieder festgelegt worden, die Trennung der Zehnjährigen werde bereits in der dritten Klasse der Volksschulen vorbereitet, vor allem sei aber auch die Digitalisierung im Unterricht nicht umgesetzt worden. Es habe bereits einen "Rückschritt" im Bildungswesen vor der Corona-Epidemie gegeben, mit der Krise seien noch "Kollateralschäden dazugekommen", analysiert Androsch. "Das hat die soziale Kluft vergrößert", meint er unter Hinweis darauf, dass bis zu 20 Prozent der Schüler beim Heimunterricht nach dem Corona-Lockdown ab März des Vorjahres nicht erreicht werden konnten.

Der Industrielle kündigt an, dass die seinerzeitige Bildungsinitiative, die Basis für das Volksbegehren war und unter anderen von Andre Heller und der früheren Siemens-Chefin Brigitte Ederer unterstützt worden ist, demnächst einen "Wake up call" an die türkis-grüne Bundesregierung und die Bildungsverantwortlichen starten werde, weil die Bildung längst nicht auf der Höhe der Zeit sei. Ein Kernpunkt ist dabei eine neue Offensive: "Was wir dringend brauchen, ist ein mittelfristiges Programm, um Langzeitschäden der Corona-Krise zu beheben." Wieviel Geld dafür zur Verfügung gestellt werden solle? "Nicht koste es, was es wolle", sagt Androsch mit einer Spitze gegen Bundeskanzler Sebastian Kurz, der das am Beginn des ersten Lockdowns erklärt hat, "sondern das, was notwendig ist." Dazu gehören jedenfalls umfassend verschränkte autonome Ganztagsschulen.

Spezielle Unterstützung für "Brennpunktschulen"

Speziell brauche es mehr Unterstützung und Mittel für sogenannte "Brennpunktschulen" in Ballungszentren mit vielen Schülern aus sozial schwächeren Familien und mit Eltern mit Migrationshintergrund. Studien haben im Laufe der Corona-Krise gezeigt, dass Kinder aus diesen Bereich besondere Probleme und Nachteile beim Heimunterricht hatten. Das betreffe nicht nur die Ausstattung mit Hardware in Form von IT-Geräten, sondern vor allem auch mehr Personal in diesen Brennpunktschulen, um Lerndefizite zu beseitigen.

Generell gebe es "keine wichtigere Investition" als jene in die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen. Der Talentepool eines Landes wie Österreich sei der "wichtigste Rohstoff". Wenn dies nicht genützt werde, sei Österreich "verdammt zu Mittelmäßigkeit".

Konkret müsse schon vor dem Eintritt in die Schulen bei der Ausbildung der Kinder angesetzt werden. Daher laut die grundsätzliche Forderung, die vorschulische Elementarpädagogik in einer ganztätigen Form müsse ausgebaut werden. Gleichzeitig müsse die Ausbildung und das Personal im Vorschulbereich eine Aufwertung erhalten. Dazu gehört auch eine akademische Ausbildung für das Personal in den Kindergärten. Wichtig sei diese Offensive und Aufwertung vor allem auch für die ein- bis dreijährigen Kinder, nicht erst in den derzeitigen Kindergartenjahren. Dort brauche man künftig auch mehr Kindergärtner. Er begründet diese Forderung vor allem mit dem Wandel in der Gesellschaft, weil es nicht mehr drei Generationen in Haushalten gebe und 70 Prozent der Frauen berufstätig seien.

In der Folge müssten die verschränkten Ganztagsschulen, in denen sich Unterrichts- und Freizeitphasen abwechseln, ausgebaut werden. Das zeitgemäße Bildungsangebot finde sich derzeit vor allem in Privatschulen, die in Wien beispielweise von 20 Prozent der Schüler besucht würden. Maßnahmen für eine Ausweitung des Angebots an ganztägigen Schulen hat auch die amtierende Bundesregierung mit den Bundesländern vereinbart. Androsch spitzt die Kritik an Versäumnissen dennoch bewusst zu: "Wenn ich stehe und das Tempo beschleunige, stehe ich noch immer."

Raschere Ausstattung mit Laptops

Neben einer Durchforstung der Lehrpläne und mehr Autonomie für Schulen samt externer Qualitätskontrolle gibt es vorrangig die Forderung, die Digitalisierung in den Schulen tatsächlich voranzutreiben. Denn noch immer herrsche in den Schulen "die Kreidezeit im wahrsten Sinn des Wortes", so Androsch. Die Defizite seien in der Corona-Krise besonders sichtbar geworden. Zwar wurden inzwischen von Bildungsminister Faßmann die Weichen gestellt, dass ab dem kommenden Schuljahr 2021/22 die ersten und zweiten Klassen der Mittelschulen und Unterstufen mit Laptops ausgestattet werden. Damit dauere es aber noch Jahre, bis alle 14-Jährigen mit Digitalgeräten ausgestattet seien. Für Lehrer müsse es gleichzeitig verpflichtende Weiterbildungsprogramm für digitalen Unterricht geben samt Erhöhung der Einstiegsgehälter für Lehrer.