Der Tag in der Konstruktionswerkstatt startet für die fünf anwesenden Ausbildungsfit-Sprungbrett-Girls-Teilnehmerinnen anders als jene in den vergangenen Wochen. Nicht weil Pia Hernecek einmal mehr Corona-Regeln wie Lüften, auf den Abstand achten und einzeln Pause machen erläutert. Das gab es schon im vergangenen Jahr. Es ist anders, weil es der erste Tag seit Anfang Jänner ohne Homeoffice ist, wo es nur Signal-Meetings für Diskussionen, Kreativaufträge und Online-Einzelcoachings gab. Für manche, die 16-jährige Leoni zum Beispiel, ist es deshalb überhaupt der erste Tag gemeinsam mit den anderen Teilnehmerinnen in einem Raum. Wenn auch mit FFP2-Masken und mit Stehhocker am fix vorgegebenen Platz an den Werkstätten-Tischenden.

Heute geht es darum, Specksteine zu bearbeiten. "Hat das schon jemand gemacht?", fragt die zweite der beiden Trainerinnen, Elisabeth Lederer. Zwei Zeigefinger gehen hoch, einer von Susanna, hier Susi genannt: "Das ist ziemlich easy." Und staubig, deshalb liegen feuchte Tücher auf den Tischen. Die angebotene blaue Schutzjacke trägt nur Hernecek. Die fünf jungen Frauen, die heute anwesend sein können, verzichten darauf.

Auch im sozialen Miteinander habe Sprungbrett Susi sehr geholfen, sagt sie - um "aus meinem inneren Gefängnis auszubrechen. Breaking out of my Shell trifft es eigentlich noch besser". - © Tatjana Sternisa
Auch im sozialen Miteinander habe Sprungbrett Susi sehr geholfen, sagt sie - um "aus meinem inneren Gefängnis auszubrechen. Breaking out of my Shell trifft es eigentlich noch besser". - © Tatjana Sternisa

Auch die 18-jährige Sophia bleibt lieber im schwarzen Bandito-Hoodie. Ihr Blick ins Buch "Werkstatt - Speckstein - Grundlagen und Technik" dauert nur ein paar Sekunden. "Ich mache einen Mond mit Gesicht. Oder nein, ich mach Bill Cipher", sprudelt sie los. "Ah der Illuminati, Yes!", weiß Susi. Unwissenden erklärt Sophia später, dass es sich bei Bill Cipher um einen animierten Charakter aus der Serie "Gravity Falls" handelt, eine Pyramide in Disney-knalligem Gelb mit Auge, dazu aber auch Armen und Beinen, dem Auge der Vorsehung der Geheimbünde der Freimaurer und Illuminati nachempfunden. Sophia ist vom "Bösewicht, der eigentlich ganz süß ist" begeistert, zeichnet auch selbst Graphic Novels.

Specksteine für Selbstvertrauen

Sophias Speckstein ist zu groß für ihren Plan. Hernecek erklärt ihr an der Werkbank im Nebenraum, wie sie ihn "immer gerade" mit der Säge "wie durch Butter" klein kriegt. Bei der ersten Hälfte ist das so, "jetzt wird’s ein bisserl zacher", sagt die Trainerin und unterstützt sie beim Sägen. Warum sägen, feilen, schleifen und ölen die Jugendlichen hier Specksteine? Sophia hat das das letzte Mal in ihrer Schulzeit gemacht. Ein Mädchen entschied sich tatsächlich für eine Lehre als Steinmetzin, eine andere entdeckte dabei ihren Wunsch, Zahntechnikerin zu werden, erklärt Lederer. Eigentlich ist es aber ein anderer Grund: "Speckstein ist einfach zum Bearbeiten. Die Teilnehmerinnen haben rasch Erfolgserlebnisse. Das gibt Selbstvertrauen."

"Ein geringer Selbstwert" ist auch das, was alle Teilnehmerinnen am Beginn der Ausbildungsfit-Programme des Sozialministeriumsservice eint, stellt Projektleiterin Linda Elias später fest. Bei "Sprungbrett Girls" sind es ausschließlich junge Frauen im Alter zwischen 15 und 21. "Alle haben einen Nachreifungsbedarf" - manche emotional oder sozial, andere im schulischen, integrativen Bereich oder bei alltäglichen Strukturen. Dafür erhalten sie individuell bis zu zwölf Monate Zeit und Geld vom AMS zur Deckung des alltäglichen Lebensbedarfs.

Sophia hat nicht nur den Speckstein, sondern auch ihr Leben "heute mehr im Griff". - © Tatjana Sternisa
Sophia hat nicht nur den Speckstein, sondern auch ihr Leben "heute mehr im Griff". - © Tatjana Sternisa

Über praktisches Tun sollen sie ihre Talente entdecken, auch Kommunikation und Interaktion mit anderen Frauen üben - im geschützten Raum ohne Burschen, "weil viele auch mit Mobbing, Missbrauch, Gewalt Erfahrungen machen mussten", erklärt Elias. Sie haben hier bewusst eine Pause von Jungs, werden weder von ihnen kontrolliert noch dominiert, wie das in gemischten Gruppen manchmal der Fall ist. "‚Schau ich gut genug aus?‘, spielt hier keine Rolle". Sie können und sollen sich auf sich selbst konzentrieren.

Ausbrechen aus dem Gefängnis

Die Ziele klingen nicht groß: ein Berufswunsch, mehr Verbindlichkeit, Belastungs- und Leistungsfähigkeit, um kleine Schritte in diese Richtung zu machen. Die 17-jährige Susi ist am längsten dabei, bearbeitet gekonnt ihren Speckstein-Anhänger mit in Wasser getränktem Schleifpapier. Bei ihrem Beruf ist sie noch unschlüssig, IT oder Elektronik klingen im Moment für sie gut. Dabei hat sie große Herausforderungen bereits geschafft, musste erst Depressionen im klinischen Aufenthalt bekämpfen, ihren Schulabschluss nachholen, hat erste Praktika gemacht. Auch im sozialen Miteinander habe Sprungbrett Susi sehr geholfen, sagt sie - um "aus meinem inneren Gefängnis auszubrechen. Breaking out of my Shell trifft es eigentlich noch besser", erzählt die 17-Jährige.

Das ging in Vor-Corona-Zeiten noch besser. "Wir waren sehr eng, haben uns umarmt", sagt Susi. Zwar gibt es auch heute genügend Gründe zu kichern, aber auch so manches "Ihhhh" und Seufzen, wenn der Abstand zu gering zu werden scheint. Elias spricht ohnehin von weit größeren Herausforderungen bis hin zu Traumatisierungen und schwierigen Familienverhältnissen. Ein Viertel bis ein Drittel sei "fremduntergebracht".

Auf den baldigen Auszug von zu Hause in eine betreute Einzimmerwohnung freut sich auch Leonie. Bei Sprungbrett ist sie erst den zweiten Tag zum Schnuppern, ihr Plan ist eine Lehre als MakeUp-Artistin oder im Einzelhandel in einer Drogerie. "Mit einem schönen Satz den Kunden den Tag aufhellen, das kann ich", sagt sie während des letzten Schliffs an ihrer grün-braun-beigen Speckstein-Feder. Sie sei ein "Glücksbringer".

Sie hatte ein Drogenproblem, war in der Psychiatrie, weil sie Stimmen hörte. "Mama war Alkoholikerin, ich habe schon mit sechs für mich selbst gekocht. Papa war nie da. Mir ging es echt nicht gut. Ich habe versucht, mich mit Benzos selbst zu therapieren - und wurde abhängig." Zuletzt wurde sie in einer Tagesklinik betreut, nun ist sie bei Sprungbrett: "Sie wollten mich nicht gleich wieder voll ins Leben reinstoßen", sagt die 16-Jährige.

Dass Seline in Phasen des Nichtstuns eigentlich psychisch krank war, "das weiß ich erst heute". - © Tatjana Sternisa
Dass Seline in Phasen des Nichtstuns eigentlich psychisch krank war, "das weiß ich erst heute". - © Tatjana Sternisa

Ungerade Wege

Psychische Probleme, ein Klinikaufenthalt, eine Lehre abgebrochen, Arbeitsmarktprojekte, ein Jahr Nichts machen, in dem sie eigentlich krank war, "das weiß ich aber erst heute" - all das gehört auch zu Selines Leben. Die 20-Jährige weiß heute außerdem, was sie will: eine Lehrstelle als tierärztliche Ordinationsassistentin. Immerhin habe sich die psychische Situation der jungen Frauen - anders als sonst bei vielen Jugendlichen - Lederers Einschätzung nach in der Krise nicht verschlechtert.

Bei Sophia waren es ADHS, Panikattacken und Selbstverletzungen. Sprungbrett habe ihr geholfen, mit psychischen Belastungen besser zu Recht zu kommen: "Ich habe mich oft gefragt, was ist falsch an mir? Dabei passt das Schulsystem nicht zu mir, ich bin immer wieder abgestürzt. Das habe ich leider etwas spät gemerkt, dass die grafische HTL eine Nummer zu groß für mich ist", reflektiert die 18-Jährige heute. "Ich habe mein Leben heute mehr im Griff, bin stabil, glücklich sogar." Bei Angst vor einer Panikattacke könne sie nun immerhin darüber sprechen. "Ich probiere es halt." Ihr neuer Plan ist die Aufnahme auf eine Kunstschule, ohne Matura, "aber mit Diplom am Ende."

Sprungbrett-Trainerin Pia Hernecek unterstützt Samar beim Specksteinbearbeiten genauso wie bei Bewerbungsschreiben.. - © Tatjana Sternisa
Sprungbrett-Trainerin Pia Hernecek unterstützt Samar beim Specksteinbearbeiten genauso wie bei Bewerbungsschreiben.. - © Tatjana Sternisa

"Man muss nicht immer den geraden Weg gehen, darf Hilfe annehmen", betont Lederer zwischendurch mal. So auch die 16-jährige Samar - mit leiser, durch die FFP2-Maske zusätzlich gedämpfter Stimme erzählt sie an ihrer bereits blank polierten Werkbank, von "viel mehr Selbstbewusstsein", einem größeren Wortschatz, zwei Bewerbungsschreiben zur Zahntechnikerin. Ob sie gute Chancen hat? "Ich hoffe schon" - ihre Augen unterstreichen das vermutete Lächeln unter der FFP2-Maske. Die schützt auch vor Specksteinstaub in der Nase. Sophias Hoodie ist dagegen nun grau-weiß gefleckt. Und ihr Stein entpuppte sich doch als lachendes Mondgesicht, nicht als Illuminati.