Die am Mittwoch beschlossenen verschärften Corona-Maßnahmen für Ostösterreich über Ostern sorgen für kritische Reaktionen. Vertreter von Industrie und Handwerk warnen vor einer Gefährdung der Produktion durch die neuen Maßnahmen in der Ostregion. "Eine überzogene FFP2-Maskenpflicht führt unweigerlich zu Produktionsausfällen in allen Branchen, auch bei Lebensmitteln", warnen Renate-Scheichelbauer-Schuster, WKÖ-Obfrau für Gewerbe und Handwerk, sowie Siegfried Menz, Obmann der Bundessparte Industrie in der Wirtschaftskammer.

"Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind an den Arbeitsplätzen deutlich besser geschützt als zuhause", so die Einschätzung der Industrievertreter. Corona-Cluster in ihren Bereichen seien "nicht zu erkennen", viele große Unternehmen hätten eigene Teststraßen eingerichtet. FFP2-Masken sollten dort getragen werden, "wo es sinnvoll und machbar ist", betonte Scheichelbauer-Schuster. Die Vorschrift mache die vorgeschriebene Maskenpause für die Betriebe "zur fast unlösbaren organisatorischen Herausforderung".

Menz sprach gar von einem "Maskentanz". "Wir würden um 20 Prozent mehr Fachpersonal benötigen. Da dieses Personal kurzfristig nicht zu kriegen ist, wären Produktionskürzungen um ein Fünftel unumgänglich", warnte er in einer Aussendung.

Testpflicht vorerst nur für vier Tage

Kritik kam nach dem Ostgipfel auch von Handelsvertretern. Rainer Trefelik, Obmann der Bundessparte Handel, forderte gestern einen Eintrittstest für den gesamten Handel, also auch den Lebensmittelsektor, der bisher ausgenommen ist. Dies würde zu einer höheren Testrate führen, von der dann auch die anderen Handelsbranchen profitieren könnten. "Das wäre ein Zeichen der Solidarität", meinte der Handelsobmann Mittwochabend. Der Handelsverband sprach davon, dass die Handelsschließungen "entgegen jeder wissenschaftlichen Evidenz" angeordnet würden.

Die Testpflicht für den Besuch des Handels ist - vorerst - nur von 7. bis 10. April vorgesehen. Nach dieser "ersten Phase" folgt eine Evaluierung mit Potenzial auf Ausdehnung, bestätigte man am Donnerstag auf APA-Anfrage im Gesundheitsministerium.

Heftige Wirtschaftskammer-Kritik

Auch die Wirtschaftskammer Burgenland (WK) hat am Donnerstag heftige Kritik am Lockdown geübt. "Die Maßnahmen, um den neuerlichen Lockdown zu verhindern, waren vorhanden und hätten schon viel früher umgesetzt werden müssen", betonte WK-Präsident Peter Nemeth in einer Aussendung. Die Infektionen würden bei Garagenpartys und Ähnlichem erfolgen, dennoch würden die Betriebe dafür bestraft.

"An den steigenden Infektionszahlen haben die Thermen, die Wirte und die Freizeitwirtschaft im Burgenland jedenfalls nicht schuld, die sind seit Monaten zu", sagte Nemeth. Die Unternehmen müssten aus seiner Sicht nun zumindest entschädigt werden. Das Burgenland sei das einzige Bundesland, das noch keine Entschädigungen aus dem Epidemiegesetz ausgezahlt habe. "Über 4.000 Anträge wegen entschädigungspflichtigen Quarantäne-Bescheiden der Bezirkshauptmannschaften liegen seit mehr als einem Jahr unerledigt im Landhaus", betonte Nemeth. Sollten die Zahlungen weiter ausbleiben, überlege man eine Klage.

Entscheidung am "Ostgipfel"

Auslöser für den Unmut der Handels-, Gewerbe- und Industrievertreter ist das Ergebnis des gestrigen "Ostgipfels", wonach es von 1. bis 6. April einen strengen Lockdown gibt und danach Eintrittstests für Geschäfte - abseits vom Lebensmittelhandel und Apotheken - eingeführt werden. Viele Fragen sind aber noch offen und die Vorgaben müssen teilweise erst Rechtskraft erlangen. Am Ostgipfel der Länder Wien, Niederösterreich und Burgenland teilgenommen haben die drei Landeshauptleute Johanna Mikl-Leitner (ÖVP), Michael Ludwig und Hans Peter Doskozil (beide SPÖ) sowie Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne).

Auslöser für die verschärften Maßnahmen ist der - von Experten seit langem vorausgesagte - dramatische Anstieg der Covid-Erkrankungen und die daraus resultierende hohe Auslastung der Spitäler. Gestern meldeten die Behörden 3.289 Neuinfektionen, die Zahl der Patienten auf Intensivstationen stieg innerhalb von 24 Stunden um zehn auf 447 Personen an.

Mediziner gehen von Lockdown-Verlängerung aus

Der Lockdown wird nach Meinung der Virologin Dorothee von Laer und des Epidemiologen Gerald Gartlehner wahrscheinlich nicht reichen, um eine echte Trendwende auf den überlasteten Intensivstation zu bringen. Gartlehner kritisierte im APA-Gespräch, dass die Maßnahmen zu spät kommen und zu kurz dauern. Eine Spur zuversichtlicher indes Von Laer: "Ob das ausreicht, bezweifle ich. Wahrscheinlich reicht es nicht aus. Aber vielleicht haben wir ja Glück".

Gartlehner geht davon aus, dass wir nach dem Oster-Lockdown vom 1. bis 6. April nahtlos in einen längeren übergehen und den April im Lockdown verbringen. "Diese fünf, sechs Tage sind eine homöopathische Dosis, das wird die Infektionszahlen nicht nachhaltig ändern." Gartlehner kann dem Ganzen aber auch etwas Positives abgewinnen: "Zumindest ist die Realität anerkannt worden. Am Montag hat man noch geglaubt, dass nichts passiert." Die Politik könnte aber "gleich mit offenen Karten spielen" und die unangenehme Wahrheit sagen, "dass es sich mit fünf bis sechs Tagen nicht ausgehen wird", so der Experte für Evidenzbasierte Medizin von der Donau-Universität Krems.

Gartlehner warnt auch davor, dass die kritische Situation nicht auf die Ostregion beschränkt belieben werde. Im Tirol sei man jetzt dort, wo Wien vor zwei bis drei Wochen war. "Früher oder später wird überall die gleiche Situation eintreten." Erleichterungen erwarte er erst in drei Monaten, Ende Juni, wenn ausreichend Menschen immunisiert seien und wenn nichts dazwischen komme. "Wir gehen mit enorm hohen Zahlen in den Frühling." Die Lage sei daher ganz anders als letztes Jahr.

"Eher spät und eher kurz"

"Eher spät und eher kurz" - so beurteilte Virologin Von Laer im APA-Gespräch die Maßnahmen inklusive Kurzzeit-Lockdown für die Ostregion zu Ostern. Es sei zu hoffen, dass die Menschen bereits in der Woche bis Ostern die Warnungen ernst nehmen und sich entsprechend verhalten. Nach der geplanten Aufhebung des Lockdowns sei aber davon auszugehen bzw. sei zu befürchten, dass die Zahlen wieder ansteigen und man auch in den Intensivstationen der Krankenhäuser wieder an die Kapazitätsgrenzen gelange.

Einen Lichtblick bzw. möglichen Auswege aus der verfahrenen Situation ohne Verlängerung des Lockdowns nach Ostern sah Von Laer jedoch: Sollten Maßnahmen wie die auf alle Innenräume ausgeweitete FFP2-Maskenpflicht sowie die Betriebstestungen eingehalten werden, könne man vielleicht mit Glück auch so - "ohne das wirtschaftliche Leben groß einzuschränken" - bis Ende Mai "durchkommen". Denn bis dahin würden wohl die Impfungen signifikant fortgeschritten sein und wirklich die Normalität sich wieder Bahn brechen.

Betreuung in Schulen auch nach Ostern

Eine weitere Maßnahme des "Ostgipfels": In der Ostregion wird nach den Osterferien vorerst bis 9. April auf Heimunterricht umgestellt. Bildungsminister Heinz Faßmann betonte am Donnerstag, dass in der Woche nach Ostern wie schon früher eine Betreuung für Schüler in den Schulen sichergestellt werde, wenn Schüler nicht daheim betreut werden können. Er appellierte aber ausdrücklich an die Eltern, ihre Kinder möglichst daheim zu lassen und "tatsächlich zur Ruhe zu kommen".

Verständnis für Fernunterricht

Eltern- und Schülervertreter zeigen unterdessen Verständnis dafür, dass die Schüler in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland in der Woche vom Ostermontag in den Fernunterricht zurückkehren. "Damit kann man schon leben", so Christoph Drexler, Sprecher der Elternvereine an mittleren und höheren Schulen (BEV). Auch Bundesschulsprecherin Alexandra Bosek findet die Maßnahme vertretbar, immerhin seien Jugendliche von der britischen Mutation stärker betroffen.

Angesichts der Infektionszahlen finden die beiden die Maßnahme im Gespräch mit der APA nachvollziehbar. Wichtig sei jedoch, dass für Schüler unter 14 wieder Betreuung angeboten werden, so Elternsprecher Drexler. Und: "Womit wir nicht leben könnten, wäre wieder wochenlang ins Distance Learning zu gehen." Schon jetzt sei die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen enorm. Aus demselben Grund hofft auch Bundesschulsprecherin Bosek, dass bei hohen Infektionszahlen rasch andere Maßnahmen gefunden werden, als die Klassen zu schließen.

Elternvertreter wünschen sich Präzisierung

Der Umstieg ins Distance Learning falle den Schülern mittlerweile zwar schon leichter, sagt Bosek. Durch die Woche im Fernunterricht könnte das Abhalten von Schularbeiten in der Ostregion allerdings komplizierter werden. Hier hoffe sie auf die Expertise der Lehrer. Elternvertreter Drexler würde sich vom Bildungsministerium eine Präzisierung wünschen, wie die Lehrer im Osten bei der Leistungsbeurteilung vorgehen sollen. Immerhin bleibe speziell in den Maturaklassen nur noch wenig Zeit zur Leistungsbeurteilung und diese sei im Distance Learning schwieriger.

Grundsätzliche Zustimmung kommt von Eltern- und Schülervertretern auch zum geplanten PCR-Test zur für 12. April geplanten Rückkehr in den Präsenz- bzw. Schichtbetrieb. "Mit den 'Nasenbohrer'-Tests kann man nur die Superspreader herausholen", unterstützt Bosek den Einsatz der aussagekräftigeren PCR-Methode. Für die Akzeptanz der Eltern sei es aber wichtig, dass hier auf Gurgeltests und nicht auf den unangenehmen Nasen-Rachen-Abstrich gesetzt werde, so Drexler. Für ihn ist auch noch nicht ganz nachvollziehbar, wie eine PCR-Testung von 500.000 Menschen innerhalb weniger Tage machbar sein soll. Immerhin seien die Laborkapazitäten beschränkt. (apa)