Fast drei Viertel - exakt 72 Prozent - aller Inhaftierten erleben in den heimischen Gefängnissen Gewalt. Vier von zehn Insassen erfahren körperliche Gewalt, jede bzw. jeder Zehnte sexualisierte Gewalt. Besonders betroffen bzw. gefährdet sind Jugendliche und im Maßnahmenvollzug untergebrachte Personen. Das haben Veronika Hofinger und Andrea Fritsche vom Institut für angewandte Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) der Universität Innsbruck herausgefunden.

Die beiden Wissenschafterinnen haben umfassend die Haftbedingungen und Gewalterfahrungen in den Justizanstalten erforscht und dafür fast 400 Häftlinge befragt. Ihre Erkenntnisse sind nun auch in Buchform ("Gewalt in Haft", LIT Verlag) erschienen. Ein zentrales Ergebnis: Je jünger die Häftlinge sind, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie Opfer psychischer oder körperlicher Gewalt werden.

Eine wesentliche Ursache dafür ist der Überbelag in den heimischen Gefängnissen, die 2019 - also vor Ausbruch der Corona-Pandemie - eine Auslastung von rund 106 Inhaftierten pro 100 Haftplätze aufwiesen. Jede sechste befragte Person war in einem überbelegten Haftraum untergebracht. In der Justizanstalt Josefstadt gibt es nach wie vor zahlreiche Hafträume, in denen zehn Personen untergebracht werden können.

Volle Gefängnisse verschärfen das Problem

"Der Überbelag verschlechtert das Anstaltsklima", erläutert die Kriminalsoziologin Veronika Hofinger im Gespräch mit der APA. Aus Platzgründen ist die an sich rechtlich verankerte Trennung der Ersthäftlinge von Insassen mit Hafterfahrung oft ebensowenig durchführbar wie die Trennung von Insassen, die miteinander Konflikte haben. In Gerichtlichen Gefangenenhäusern gibt es insgesamt weniger Arbeitsmöglichkeiten und längere Einschlusszeiten als in Strafvollzugsanstalten. "Aber es gibt auch sehr große Unterschiede zwischen den Gefangenenhäusern: Während die Haftbedingungen und das Anstaltsklima in Korneuburg beispielsweise sehr positiv eingeschätzt wurden, gab es in überfüllten Anstalten wie in Innsbruck viel Kritik." Im Westen geben alle Befragten an, Anspannung und Stress durch die Haft zu erleben, in Korneuburg sagen 95 Prozent, dass sie sich sehr sicher fühlen.

Um die Gewaltspirale zurückzudrehen, ist neben ausreichenden Haftplätzen vor allem ein entsprechend geschultes und professionell agierendes Personal erforderlich. Die Personal-Insassen-Quote ist in Österreich deutlich niedriger als in unseren Nachbarländern. Wenn es zu Übergriffen durch das Personal kommt, brauche es ganz klare rote Linien und einen konsequenten Umgang damit, so Hofinger. Sie und Co-Autorin Fritsche sprechen sich in diesem Zusammenhang dafür aus, dass Justizwachebeamte in konfliktträchtigen Situationen Bodycams tragen, damit gegen sie gerichtete Vorwürfe von unangemessener körperlicher Gewalt aufgeklärt werden können.

Sensibilisierung in Justizanstalten notwendig

Essenziell ist für die Wissenschafterinnen eine "Anstaltskultur", die keine Form von Gewalt duldet. "Zu einer zeitgemäßen Justizanstalt gehört eine Sensibilisierung, in der auch 'kleine Fälle' von Gewalt nicht abgetan werden", sagt Fritsche. In modernen, am aktuellen Stand der Strafvollzugsarchitektur ausgerichteten Anstalten herrscht tendenziell eher ein besseres Klima als in überfüllten, älteren Gebäuden mit baulichen Mängeln. Hofinger und Fritsche warnen jedoch davor, Personal durch Technik zu ersetzen. "Nur eine schicke Architektur bringt nichts", meint Hofinger. Ausreichend vorhandenes und präsentes Personal sei unabdingbar, wobei sich die Autorinnen dafür aussprechen, sich bei den Aufnahmekriterien und der Ausbildung an skandinavischen Ländern zu orientieren.

(S E R V I C E - Veronika Hofinger, Andrea Fritsche: "Gewalt in Haft. Ergebnisse einer Dunkelfeldstudie in Österreichs Justizanstalten", LIT Verlag, 463 Seiten, ISBN 978-3-643-51040-2. Erscheint auch als E-Book https://www.uibk.ac.at/irks/publikationen/2021/gewalt_haft.html ) (apa)