Im Eiltempo weicht Bundeskanzler Sebastian Kurz die bisherige Linie Österreichs auf, bei der Beschaffung der Corona-Vakzine im EU-Gleichklang vorzugehen und nur auf Präparate zu setzen, welche die EU-Arzneimittelagentur EMA zugelassen hat. Am Dienstag wurde bekannt, dass mit Russland über die Lieferung von einer Million Dosen von dessen Impfstoff Sputnik V bis Juni verhandelt wird. Am Mittwoch, nach dem Gespräch mit dem russischen Botschafter in Wien, Dmitri Ljubinski, sah sich der Kanzler "auf den letzten Metern" bei der Beschaffung. Die Bestellung könne wahrscheinlich kommende Woche erfolgen.

Auch außerhalb des Bundeskanzleramtes wird der Druck erhöht, auf Sputnik zu setzen. Michael Smola, Spitalsmanager und Professor für Innovation und Forschung an der Sigmund-Freud-Privatuniversität, bestätigte einen Bericht der "Kleinen Zeitung", wonach er Vorgespräche über die Produktion des Impfstoffs in Österreich führe. Smola ist im postsowjetischen Raum kein unbeschriebenes Blatt, für die heimische Vamed leitete er bis 2012 ein Spital in Kasachstan. Auch werden ihm gute Kontakte zu einem der vier Hauptproduzenten des russischen Impfstoffs nachgesagt.

Smola will nicht nur das Vakzin nach Österreich bringen. Er arbeitet auch daran, die Impfstoffproduktion hier anzusiedeln, schweigt aber über potenzielle Partner. Diese wollten noch nicht öffentlich genannt werden. Sicher ist, Russland drängt auf den internationalen Markt und sucht nach Produktionskapazitäten: "Die sind extrem aggressiv und waren auch bei uns", erklärte der Geschäftsführer des Pharmariesen Boehringer Ingelheim in Österreich, Philipp von Lattorff, gegenüber der Austria Presseagentur.

Doch mehrere Hürden tun sich noch auf. Zwar veröffentlichte das medizinische Fachblatt "The Lancet" im Februar Zwischenergebnisse aus der Phase-III-Studie, die dem Vektorimpfstoff bescheinigen, "sicher und wirksam" zu sein. "Wirkungsdaten gibt es, die sind auch gut", erklärt Herwig Kollaritsch. Jedoch: "Die Sicherheitsdaten sind sehr dünn", sagt der Infektiologe der MedUni Wien. "Es gibt keine gesicherte Publikation dazu und keine vertraulichen Daten. Aber es muss diese Daten geben, sonst würde der Impfstoff nicht in vielen Ländern verimpft werden", weist Kollaritsch im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" hin.

Austausch von Dokumenten vereinbart

An dieser Schwachstelle dürfte Österreich eingehakt haben. Laut dem Bundeskanzleramt sei mit Russland eine Vertraulichkeitsvereinbarung zum Austausch von Dokumenten unterschrieben worden. Die heimischen Gesundheitsbehörden würden Zugang zu den entsprechenden Informationen erhalten.

Die russische Geheimniskrämerei liegt daran, dass Sputnik für den Kreml auch ein außenpolitisches Vehikel ist. Gut lässt sich damit von internationalen Negativ-Schlagzeilen ablenken: von der Diskussion um einen milliardenteueren Palast, der Präsident Wladimir Putin gehören soll, bis zur Internierung des Oppositionellen Alexej Nawalny. Für nicht einmal zehn Dollar (8,40 Euro) pro Impfdosis wird Sputnik V angeboten - deutlich unter dem Preis von Konkurrenzprodukten. Gerade finanzschwache Staaten greifen gerne auf dieses Angebot zurück.

Aber nicht nur sie, in der Europäischen Union haben Ungarn und die Slowakei das Vakzin angeschafft, Ungarn verimpft Sputnik V bereits. Eine Viertelmillion Dosen seien eingetroffen, verkündete Außenminister Peter Szijjarto am Mittwoch. Somit seien 1,1 der zwei Millionen bestellten Wirkstoffe geliefert worden. Per "Notfallzulassung" ermöglichte Ungarn die Impfung mit Sputnik - und dem chinesischen Impfstoff - neben den von der EMA zugelassenen Vakzinen.

EU-Länder einst unisono gegen "Notfallzulassung"

Bei der EU-Behörde läuft mittlerweile ein beschleunigtes Zulassungsverfahren für Sputnik V. Beim Rolling-Review-Prozess werden Studiendaten laufend bewertet und nicht erst, wenn alle für die Zulassung entscheidenden Informationen vorliegen. Im April werden auch Experten der EU-Agentur in Russland erwartet. Sie sollen Produktion und Lagerung des Impfstoffs begutachten. Die Empfehlung zur Zulassung in der Union könnte Medienberichten zufolge jedoch noch Monate auf sich warten lassen. "Die EMA war in der Zulassung extrem penibel, trotzdem sind wir überrascht worden bei AstraZeneca", verweist Kollaritsch auf die entdeckte seltene Nebenwirkung (Sinusvenenthrombose).

Bliebe die Option der "Notfallzulassung" auch in Österreich. Dabei hatten sich alle 27 EU-Länder im Juni 2020 gegen dieses Instrumentarium ausgesprochen. Zur Frage, wie schnell es doch umgesetzt werden kann, wollte das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen keine Stellungnahme abgeben. Ob eine Zulassung binnen weniger Tage zu erwarten sei? "Ausgeschlossen", sagt Infektiologe Kollaritsch klipp und klar.

Sollten tatsächlich im April die ersten 300.000 Dosen landen - eine Kaufentscheidung ist laut Bundeskanzleramt noch nicht getroffen -, besteht somit durchaus die Gefahr, dass sie nicht verimpft werden können, weil die Zulassung fehlt.