Der Rücktritt von Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) kam nach dessen zweimaliger Erkrankung seit März nicht völlig unerwartet. Auf den Namen seines Nachfolgers wäre aber vor ein paar Tagen noch kaum jemand gekommen. Wolfgang Mückstein ist zwar medial nicht ganz unbekannt als einer der Leiter des ersten Wiener Primärversorgungszentrums, politisch ist er bisher aber so gut wie nicht aufgefallen. Einzig in der Ärztekammer ist Mückstein wohl bekannt.

Dort sitzt der Allgemeinmediziner für die Grünen mehr als ein Jahrzehnt etwa als Referent für Gruppenpraxen und neue Organisationsformen. Das verwundert insofern nicht, als Mückstein im sechsten Wiener Gemeindebezirk quasi das Urmodell einer Gruppenpraxis in Form eines Primärversorgungszentrums leitet und in dieser Funktion auch gerne gehörter Gesprächspartner von Medien war. Seinem Studium der Medizin hat er einen TCM-Bachelor hinzugefügt, ist also mit chinesischer Medizin vertraut.

Damit allein wird Mückstein das aus China eingeschleppte Virus kaum bekämpfen können. Auf den neuen Minister warten große Aufgaben, befindet sich das Land doch mitten in der dritten Corona-Welle und die Politik ist von Einigkeit mittlerweile weit entfernt. Anschober beklagte dies zumindest indirekt auch bei seinem Abschied aus dem Amt.

Ist Mückstein kein Naturtalent, wird er noch einige Nerven im Ringen mit Ländern und Koalitionspartner brauchen. Immerhin ist die Ausgangsposition keine ganz so schlechte. Mit dem Impf-Fortschritt könnte es sein, dass der neue Minister den Höhepunkt der Pandemie bald hinter sich haben wird. Dass er jetzt das Impftempo managt, ist nicht uninteressant. Denn noch im Jänner beklagte er in Interviews, in seiner Praxis bereit zu stehen, nur halt keinen Impfstoff zu haben.

Neo-Minister kennt das Gesundheitssystem

Aber auch der Alltag im Ressort ist kein leichter. Gesundheitsminister kämpfen angesichts der zersplitterten Zuständigkeiten traditionell mit Schwierigkeiten. Die Position von Ärzten und Sozialversicherung sollte Mückstein reichlich bekannt sein, die der Länder zumindest nicht fremd. Da muss es kein Nachteil sein, wenn man aus dem System kommt. Für Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) ist der 47-Jährige als "Mann der Praxis" der ideale Kandidat, um die Aufgabe zu bewältigen: "Er packt an."

Bekannt ist Mückstein beim Koalitionspartner schon seit den Regierungsverhandlungen, wo er in den Gesprächen im Gesundheits- und Sozialbereich eingebunden war. Vorgänger Anschober holte seinen Rat auch für eine Teststrategie im niedergelassenen Bereich ein. Die Amtsübernahme hat sich der verheiratete Vater von zwei Töchtern "gut überlegt", aber rasch Ja gesagt. Was anderes blieb ihm auch kaum übrig, denn Kogler hat erst am Montag angefragt. Einen ersten Pflock schlug Mückstein schon bei der Antrittspressekonferenz ein: Um Menschenleben zu schützen, müsse es auch Lockdowns geben. (apa)