In der aktuellen Corona-Debatte sind seit Wochen zwei Stimmen immer lauter zu hören. Einerseits jene von Intensivmedizinern, die Alarm schreien, weil die Ressourcen zu Neige gehen und sie kaum noch zum Atmen kommen. Andererseits jene von Landeshauptleuten, die nach Öffnungen rufen, weil den Menschen und der Wirtschaft die Luft ausgehen würde. Beides ist wohl richtig, aber nicht gerade einfach zu vereinen. Eine Mühle, die auch Gesundheitsminister Rudolf Anschober am Dienstag beschrieb, als er bekanntgab, von seinem Amt zurückzutreten.

Die Bundesregierung hat sich am Freitag, vermutlich auch deshalb, auf einen unkonkreten Öffnungsplan festgelegt. Es dürfte der Mai werden, aber noch ist dies nicht ganz sicher, ein genaues Datum wird noch von der kürzlich eingesetzten Öffnungskommission aus Vertretern diverser Gebietskörperschaften kommende Woche diskutiert. Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) nannte dann später "Mitte Mai" und sagte: "Das Ziel ist, alle Bereiche gleichzeitig zu öffnen", also Gastronomie, den Freizeitbereich, die Kultur, den Tourismus und den Sport. Nachsatz: "Aber behutsam mit Sicherheitskonzepten."

Als die Regierung vor Wochen die Öffnung von Schanigärten für Ende März ankündigte, hatte Kurz auch von einem solchen "Ziel" gesprochen. Und bekanntlich kam es dann auch ganz anders. Doch damals stiegen die Fallzahlen noch, nun fallen sie seit Tagen, und laut den Modellen des Prognosekonsortiums wird sich dieser Trend auch fortsetzen. "Aus heutiger Sicht sind wir optimistisch", sagt Kurz.

Ganz so eindeutig ist das Infektionsgeschehen auch nicht. In Kärnten nimmt es nämlich wieder zu, in der Steiermark und in Salzburg, wo dieselben Corona-Regeln gelten, jedoch ab. Im benachbarten Bayern steigt wiederum die Inzidenz sehr deutlich, obwohl dort ein Lockdown gilt, also auch Schulen und Geschäfte geschlossen sind. In Vorarlberg, gewissermaßen die Öffnungstestregion für Österreich, war in den vergangenen Wochen dann schon ein sehr deutlicher Anstieg der Neuinfektionen zu bemerken, allerdings hat sich die Lage zuletzt stabilisiert.

Wiens Bürgermeister Ludwig bleibt vorsichtig

Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) möchte trotzdem "keine Erwartungshaltungen wecken, die weitere Unsicherheiten auslösen könnten", wie er im Ö1-"Mittagsjournal" sagte. Mit Blick auf die versprochenen Öffnungsschritten im Mai betonte er, dass in Wien der Lockdown jetzt einmal bis 2. Mai gelte, danach müsse man weiterschauen. "Nichts wäre schlimmer als ein Aufsperren-Zusperren-Aufsperren-Zusperren", so der Bürgermeister. Alles sofort wieder öffnen zu können, kann er sich aus jetziger Sicht jedenfalls nicht vorstellen, dazu seien die Intensivstationen noch zu voll. Er sei aber immer skeptisch bei regionalen Alleingängen gewesen, meinte Ludwig, der sich zwecks leichterer Nachvollziehbarkeit bundeseinheitliche Vorgaben und Parameter wünscht, auch bei den Eintrittstests.

So oder so müsse man jedenfalls auf die Infektionszahlen schauen, wenn es um Öffnungen gehe. "Prinzipiell ist es natürlich vertretbarer, Außenaktiviäten zu fördern, als in Innenräumen", auch wenn man wisse, dass die britische Mutation so aggressiv sei, dass sie sich auch im Freien stark ausbreiten könne. Ob die Wiener Freibäder Anfang Mai öffnen können, werde von der Entwicklung der kommenden Tage abhängen, so Ludwig.

Kritik übte Ludwig an seinem Parteifreund Hans Peter Doskozil (SPÖ). Der Landeshauptmann des Burgenlands beendet - anders als Wien und Niederösterreich - mit kommendem Montag den dortigen Lockdown. Jeder trage die Verantwortung für sein Bundesland, stellte der Wiener Bürgermeister klar. "Ich habe mich für einen anderen Weg entschieden, weil mir die Gesundheit der Menschen das Wichtigste ist." Doskozil trage die Verantwortung für die Entwicklung in seinem Bundesland. Ludwig betonte aber die Wichtigkeit von Solidarität unter den Bundesländern. So werde man in Wiener Spitälern keine burgenländischen Patienten ablehnen.

Czypionka: "Ein unübersichtliches, heterogenes Geschehen"

"Es ist ein unübersichtliches, heterogenes Geschehen", sagt auch der Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS). Das mache es auch für die Politik schwieriger, Entscheidungen zu treffen. "Früher war die Faktenlage eindeutiger."

Es gibt mehrere Faktoren, die auf das Infektionsgeschehen wirken, im Guten wie im Schlechten. Wie stark sie das aber tun, ist unsicher, es gibt viele Variablen. Unstrittig ist, dass die Dauer der in Kraft befindlichen Kontaktbeschränkungen deren konsequente Einhaltung erschwert und es vermehrt zu Ausweichverhalten kommt. Aber wie schädlich ist dies? Die Cluster-Analysen der Gesundheitsagentur Ages, die fast drei Viertel aller Ansteckungen dem Bereich "Haushalt" zuordnet, helfen da kaum weiter. Wer berichtet schon den Behörden beim Contact Tracing vom eigentlich verbotenen Treffen mit Freunden?

Die Schnelltests könnten das Risiko solcher Treffen senken, und sie werden auch intensiv verwendet. Die Regierung rühmt sich immer wieder des Weltmeistertitels in Sachen Corona-Tests. Allerdings könnten die Tests auch ein Verhalten begünstigen, dass negativ wirkt, wenn die Ergebnisse in falsche Sicherheit wiegen. Auffallend ist, dass in Wien, wo das Testangebot lange am besten ausgebaut war, die Sieben-Tages-Inzidenz am höchsten ist. Zufall? Möglich, aber Czypionka verweist auch darauf, dass die infektiösere und mittlerweile vorherrschende Variante B.1.1.7 die Aussagekraft dieser Tests reduzieren dürfte. Sie schlagen noch nicht an, wenn bereits eine Infektiosität vorliegt. Doch auch hier gilt: Es gibt keine gesicherte Datenlage, wie stark dieser Effekt auf die epidemiologische Lage wirkt.

"Wette auf den Saisonalitätseffekt"

Den optimistischen Zugang der Regierung sieht Czypionka als "Wette auf den Saisonalitätseffekt". Das Prognosekonsortium um Niki Popper und Peter Klimek geht in seinen Modellen von einer signifikanten Abnahme der Fallzahlen ab, wenn die Temperaturen steigen. "Der Effekt ist aber nicht gut untersucht", sagt Mediziner Czypionka. Der Virologe Christian Drosten von der Charité Berlin ist etwa skeptisch, dass der Effekt groß ist. Es ist aber auch nur eine Einschätzung.

In Südafrika hat es im Sommer, also im europäischen Winter, einen steilen Sinkflug der Fallzahlen gegeben, trotz Öffnungen bleiben sie seither niedrig. "Aber dort hat es einen richtig harten Lockdown gegeben", erzählt Czypionka. Dadurch seien die Zahlen stark gedrückt worden, nun könne man das Geschehen trotz Öffnungen beherrschen. In Österreich wird es aber kaum gelingen, die Inzidenz so stark drücken zu können. Am Freitag lag sie noch bei 204, das entspricht etwa 2.600 Neuinfektionen pro Tag.

Auch wenn der Trend Grund für Optimismus gibt, ist die Lage nach wie vor alles andere als stabil. Siehe Kärnten. Andererseits wird, selbst wenn die wärmere Jahreszeit einen geringeren Effekt als erwartet haben sollte, die steigende Immunisierung der Bevölkerung durch die Impfungen eine positive Wirkung haben. Im Bezirk Schwaz, der bereits de facto durchgeimpft wurde, ist die Inzidenz auf 60 gefallen. "Es gibt dort kaum Ansteckungen", so Kurz.

Auch die Daten aus Israel geben allen Grund zu Hoffnung. Die Inzidenz lag dort zuletzt nur mehr bei 16. Doch das hat auch gedauert, und begleitend war ein harter Lockdown auch notwendig. Denn auch in Sachen Impfungen gibt es eine Reihe von Unsicherheiten. Wie gut ist der Schutz in den ersten Wochen nach der Impfung? Wie verändert sich das Sozialverhalten der Menschen? Hält man es geimpft noch wochenlang daheim aus, wenn alles offen ist?

Sollten tatsächlich im Mai die Lokale öffnen, werden viele Menschen noch nicht vollimmunisiert sein. Deshalb mahnte auch Oswald Wagner, Vizerektor der MedUni Wien: "Nur nicht übermütig werden!" Würde zu früh geöffnet werden, könnte es noch eine vierte Welle geben, sagte Oswald. Es ist davon auszugehen, dass die FFP2-Maske sowie Tests (für Nicht-Geimpfte) eine große Rolle bei den Öffnungen spielen werden. Auch darüber wird die Öffnungskommission tagen.

SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner kritisierte, dass sich die Bundesregierung "aus der Verantwortung genommen" und die Steuerung des Corona-Managements den Ländern überlassen habe. Sie plädierte für Öffnungen erst, wenn die Belegung der Intensivstationen mit Covid-Patienten unter 30 Prozent liegt. "Die Öffnungen im Burgenland kommen zu früh", sagte die SPÖ-Chefin.

Das Burgenland beendet den Lockdown bereits am Sonntag, Wien und Niederösterreich noch nicht. Einkaufen fahren ins Burgenland, ist für Wiener übrigens dezidiert verboten.