Ursula G.s zweieinhalbjährige Tochter geht aktuell in den Kindergarten. "Weil es für sie wichtig ist", sagt die 37-Jährige. "Und weil es nicht anders geht. Mein Mann ist im Homeoffice, wir haben noch ein vier Monate altes Baby. Wenn wir alle daheim sind, kann er nicht arbeiten." Sie beschreibt ihr Umfeld aber als eines, in dem Sars-CoV-2-Tests regelmäßig stattfinden, viele daheim arbeiten und man sich nur innerhalb der geschlossenen Gruppe trifft, bei der die Kinder im Kindergarten ohnehin miteinander Kontakt haben.

"Ich habe den Eindruck, dass das alle sehr ernst nehmen, wobei eine Restsorge bleibt." Vor dem Krankenhausaufenthalt bei der Geburt blieb ihre Tochter zwei Wochen zu Hause. Genauso hält es Ursula G. vor ohnehin seltenen Treffen mit älteren Verwandten. Einer Lollipop-Testung für Kleinkinder steht sie aufgeschlossen gegenüber, "damit kann man manche, die symptomlos positiv sind, so wie an Schulen herausfischen". Vor der Virusmutation B.1.1.7 hat diese Mutter nicht mehr Sorge als dem Wildtyp: "Die kuscheln, die spielen miteinander, wenn einer Covid-19 hat, haben es vermutlich bald alle - egal welche Variante."

Sicherheitskonzepte wackeln angesichts vieler Kinder

Im Kindergarten von Ursula G.s Tochter dürfen Erwachsene im Lockdown nicht ins Gebäude, davor auch nur in die Garderobe beim Bringen oder Abholen. Auch Elterngespräche, Feiern, Nikolaus, Ostern, Fototermine finden selten oder seit Pandemiebeginn nicht statt. Auch in den 87 Kindergärten der St. Nikolausstiftung in Wien gibt es ein Schutz- und Hygienekonzept: Es wird nicht gruppenübergreifend gearbeitet, Bewegungseinheiten finden im Freien statt, Feste gibt es nur in der Gruppe ohne Eltern. Das Bringen und Abholen soll an der Türe stattfinden. Eltern, die in die Garderobe mitmüssen, tragen FFP2-Maske, genauso wie Springerinnen aus anderen Kindergärten - auch bei der Arbeit mit Kindern.

Das Problem ist allerdings, dass bereits 75 Prozent der Kinder wieder in Betreuung sind. Susanna Haas, pädagogische Leiterin der St. Nikolausstiftung, rechnet mit 80 bis 85 am Montag, wenn die Volksschulen in Wien wieder in Präsenzunterricht wechseln. "Schon jetzt ist es in der Früh zwischen sieben und acht Uhr nicht mehr überall möglich, die Sammelgruppen getrennt zu führen. Wir haben nicht ausreichend Personal dafür, auch wir erkranken, und versuchen natürlich, den Betrieb überhaupt aufrechtzuerhalten."

Das Ansteckungsrisiko im Kindergarten ist höher: Vom Kindergarten-personal der St. Nikolausstiftung sind seit Pandemiebeginn 14 Prozent an Covid-19 erkrankt, sonst aber rund 7,5 Prozent der Erwerbstätigen.Da mittlerweile zwei Drittel des Personals eine Erstimpfung erhalten habe, geht es vermehrt um die Ansteckung unter Kindern.

"An die Eltern hätte ich die Bitte um Solidarität, wir brauchen einen Schulterschluss, dass alle achtsam sind", sagt Haas. Ihr Appell: Kinder, wenn möglich, zu Hause zu lassen; sich selbst und mit Kindern, die ihren Mund bereits spülen können, Gurgeltests zu machen. Haas freut sich auch auf die Lollipop-Testungen, "das bringt etwas mehr Sicherheit, weil Eltern damit zumindest wissen, dass auch die anderen Kinder negativ getestet sind. Es wäre echt an der Zeit, dass Kindergärten annähernd so sicher wie Schulen werden."

Screenings mit
Lollipops im Burgenland

Österreichweit muss das Kindergartenpersonal wöchentlich am Berufsgruppentest teilnehmen. In Wien wird zweimal wöchentlich direkt an den Standorten Gurgel-getestet; jene, die sich nicht testen lassen, sind dazu verpflichtet, auch beim Kontakt mit Kindern FFP2-Maske zu tragen.

Anders als für Schulkinder gibt es für jene in Kindergärten keine Testpflicht. Wien aber testet im Moment PCR-Lollipop-Tests, in Niederösterreich und dem Burgenland gibt es Antigen-Lollipop-Tests für Kindergärten. Das Burgenland verteilte vor der Rückkehr in die Kindergärten und Krippen nach Ostern 11.000 solcher Tests an die Eltern. Von den damals rund 4.000 kehrten 1.354 mit einem negativen Test, vier mit einem ungültigen in die Gruppen zurück. Für die im Moment 7.500 Kinder, also 68 Prozent der im Kindergarten insgesamt angemeldeten, stehen drei Antigen-Lollipop-Tests pro Woche zur Verfügung. Sie sind freiwillig.

Denn: "Eine Verpflichtung müsste das Gesundheitsministerium vorschreiben", sagt Daniela Winkler, Landesrätin für Bildung, Familie, Kinder und Jugend (SPÖ). Eine solche sei aber auch nicht sinnvoll: "Das ist ein sehr sensibler Bereich. Wir wollen natürlich die Betreuung für alle sicherstellen. Meiner Fünfjährigen macht das Testen Spaß, aber es sind nicht alle Kinder gleich." Man müsse Eltern eben noch mehr für die Bedeutung des Testens sensibilisieren.

In Wien, wo derzeit 61 Prozent der rund 20.000 angemeldeten Kinder in städtischen Kindergärten und Horten waren, läuft an fünf Kindergärten für mehrere Wochen ein PCR-Lollipop-Pilot-Projekt für Ein- bis Sechsjährige. Dabei komme es darauf an, "eine ausreichende Menge an Speichel über diesen Lutscher zu gewinnen", heißt es aus dem Büro von Vizebürgermeister und Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr (Neos). Ergebnisse gibt es keine: "Wir wollen valide Ergebnisse über die Treffsicherheit der Tests bekommen und allen Beteiligten mehr Sicherheit geben", richtet Wiederkehr der "Wiener Zeitung" schriftlich aus. Für Gesundheitsstadtrat Peter Hacker ist ein "hohes Qualitätsniveau derartiger Tests entscheidend, weil wir keine falsche Sicherheit vermitteln wollen."

Lukas Weseslindtner, Virologe an der MedUni Wien geht davon aus, dass bei Lollipop-Tests Ähnliches gilt wie bei Test für Erwachsene auch: "Bei PCR-Tests reicht eine kleine Menge an genetischem Material, sie sind wesentlich genauer als Antigen-Schnell-Tests." Um bei letzteren Tests das Protein als Bestandteil des Virus nachzuweisen, müsse es in größerer Menge vorhanden sein. Die Speichelprobe statt einem Rachenabstrich könnte bei PCR-Lollipops eine kleinere Rolle spielen als bei der Antigen-Variante, "weil eine kleinere Probe ausreicht". Wie bei anderen Antigen-Schnelltest gilt auch bei Kleinkindern: "Ein negativer Test bedeutet leider nicht, dass Asymptomatische andere nicht anstecken können."

Braucht es mehr Schutz
wegen Virusmutationen?

Mit der größeren Verbreitung der B.1.1.7-Variante, mehr Testungen und häufigerem Kindergartenbesuchen tauchen Kleinkinder etwas deutlicher in den Statistiken auf. Unter den Schulkindern allerdings gibt es, insbesondere in Bundesländern ohne Heimunterricht wie Tirol mit 384 und 345 in Oberösterreich weit höhere Sieben-Tage-Inzidenzen als bei den Jüngsten. Die Kleinkinder liegen zwar über den oft geimpften Älteren über 75, heraus sticht nur Vorarlberg, was laut Statistiker Erich Neuwirth aber "einen starken Hinweis auf ein Kindergartencluster liefert".

Aber ist B.1.1.7 für Kleinkinder gefährlicher? "Ein bisschen anscheinend schon", sagt Virologe Weseslindtner. In Panik verfallen müssen Eltern deshalb aber nicht. Studien zeigen, dass Kleinkind sehr selten "sehr stark streuen". Die Gründe dafür dürften eine geringere ACE2-Rezeptoren-Dichte sein, "weshalb sie sich nicht so leicht infizieren". Das Immunsystem der Kleinkinder dürfte "einen Ticken besser" mit Viren zurechtkommen als das von älteren Menschen. "Weniger Symptome bei Kleinkindern bedeutet weniger Husten, sie können damit weniger Tröpfchen verteilen", sie sind damit weniger ansteckend.

"Im Alter von zehn Jahren ist der Effekt aber weg", sagt der Virologe, ab diesem Alter infizieren sich Kinder genauso wie Erwachsene. Wenn B.1.1.7 nun leichter in Zellen gelangt, sich schneller im Körper vermehrt, könne es mitunter schwerere Verläufe als bisher und eine höhere Übertragung untereinander geben: "Die britische Variante ist für alle gleich gefährlicher, sie zeigt sich deshalb auch in der Gruppe mit den wenigsten Symptomen mehr."

Alte Maßnahmen, die auch
bei B.1.1.7 helfen

Mit der größeren Verbreitung von B.1.1.7 wurde die Quarantäne von direkten Kontaktpersonen, also K1, auch in Kindergärten von 10 auf 14 Tage ausgeweitet. Mit einem infizierten Kind in einer Gruppe gelten nun alle als K1-Kontakte. Ansteckungen ausschließen kann das aber nicht. Die MedUni-Wien-Hygienikerin Miranda Suchomel rät, mit häufigem Lüften die Aerosol-Konzentration im Innenraum zu vermindern und Tröpfchenflug zu verhindern: "Der Übertragungsweg bleibt ja der gleiche. Alles, was Tröpfen daran hindert, zu einem anderen Kind zu gelangen, hilft." Abstand oder Masken seien Kindergartenkindern nicht zumutbar. "Den Kindern beizubringen, nicht anderen ins Gesicht zu niesen oder zu husten, sondern in den Ärmel oder ins Taschentuch, aber schon." Auch Hände mit Seife waschen zu lernen, mache Sinn.

Das hat Ursula G.s Zweieinhalbjährige bereits intus: "Sie macht das freiwillig, mit großer Begeisterung sogar. Pritscheln ist immer gut." Die Nies- und Hustetikette funktioniere noch nicht, Abstand zu fremden Kindern im Freien zu halten schon. Ursula G. sagt aber: "All das muss man behutsam machen, ich möchte ihr keine Angst vor anderen einreden. Es gibt ja auch eine Zeit nach Corona." Noch hat die aber nicht begonnen.