In gewisser Weise soll Österreich ab dem 19. Mai Vorarlberg werden. Dort haben nämlich bereits seit Anfang März Lokale unter Einschränkungen offen, auch Kultur- und andere Veranstaltungen dürfen wieder stattfinden. Das Wiener Burgtheater gastierte etwa in der Vorwoche mit "Richard II." im Bregenzer Festspielhaus.

Diese Woche ist Vorarlberg allerdings Österreich geworden, zumindest was die Infektionslage anbelangt. Und es ist anzunehmen, dass die Modellregion am Wochenende zum Bundesland mit der höchsten Sieben-Tage-Inzidenz wird. Dieser Wert kalibriert die Corona-Fallzahlen auf die jeweilige Bevölkerungsgröße, die Inzidenz gibt die Summe der Infektionen in sieben Tagen pro 100.000 Einwohner an. Am Freitag sprang Vorarlberg erstmals seit Jänner wieder über die 200er-Grenze, nur mehr Wien und Tirol lagen noch knapp vor dem Ländle. Die Corona-Kommission empfahl Vorarlberg auch, die "Öffnungsschritte zu evaluieren und im Bedarfsfall rechtzeitig Gegenmaßnahmen einzuleiten". Im Bregenzerwald hat das Land bereits Ausreisetests verfügt, sonst bleiben alle Öffnungen.

Die Ausreisetests werden als restriktive Maßnahme zur Infektionskontrolle bleiben. Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) bezeichnete sie als "sehr wirkungsvoll", darauf deutet auch eine aktuelle Evaluierung des Complexity Science Hubs hin. Mit dieser Maßnahme konnte die Inzidenz in den bisher betroffenen Regionen nach fünf Tagen nachweislich gesenkt werden. "Das wird ein ganz wesentliches Element sein", sagte Mückstein. Ähnlich wie nun in Vorarlberg sollen damit regionale Cluster eingedämmt werden.

Darüber hinaus ist es primär die Impfung, die positiv auf das Infektionsgeschehen wirken soll, sowie ein weiterhin starkes Testangebot. Es wird Voraussetzung sein, um an den Öffnungen ab dem 19. Mai teilzunehmen. Wie bereits angekündigt, werden diese in so gut wie allen Bereichen gleichzeitig erfolgen, auch wenn etliche Experten hier im Vorfeld sehr zurückhaltend waren. Auch Wiens Bürgermeister Michael Ludwig sprach sich für gestaffelte Lockerungen aus. Er will dies in Wien auch so umsetzen, die Bundesländer können hier verschärfend abweichen.

In Israel nahm Inzidenz bei rund 60 Prozent Impfrate ab

Bereits am 17. Mai wird aber in ganz Österreich in den Schulen auf generellen Präsenzunterricht umgestellt, zwei Tage danach erfolgen dann die Öffnungen in Gastronomie, Tourismus und Kultur. Im Schanigarten werden zehn Personen an einem Tisch sitzen können, im Lokal drinnen vier. Eine Immunisierung oder ein negatives Testergebnis wird für den Eintritt notwendig sein, die Regierung will bis dahin einen "grünen Pass" einführen. "Die Prognose einer Rückkehr zur Normalität tritt ein", sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz. Er meinte damit vor allem den Juli, dann sollen die Einschränkungen weiter gelockert werden.

Noch ist die aktuelle Infektionslage ungünstig. In einem Drittel der Bezirke steigt sogar die Inzidenz, nicht nur in Vorarlberg, und insgesamt schwächte sich die Abnahme der Fallzahlen ab. Die Regierung setzt hier voll auf die Wirksamkeit der Impfung, deren Effekt in Europa bisher noch nicht stark sichtbar ist.

Israel beendete am 7. März den Lockdown. Zu diesem Zeitpunkt hatten rund 57 Prozent der Bevölkerung zumindest eine Corona-Impfung erhalten. Genau zu diesem Zeitpunkt nahmen die Fallzahlen auch ab. Aktuell liegt die Inzidenz in Israel nur mehr bei rund 10. Es ist also unstrittig, dass die Impfung wirkt. Und Kurz rechnete auch vor, dass bis 19. Mai rund drei Millionen Menschen in Österreich zumindest eine erste Impfung erhalten haben. Das wäre aber doch deutlich weniger als die 57 Prozent bei den Öffnungen in Israel. Dafür setzt Österreich zusätzlich auf Tests. Interessant ist: Seither sind in Israel nicht mehr viele Menschen geimpft worden, die Impfquote ist aktuell bei 62 Prozent, steigt kaum noch. Das heißt aber nicht automatisch, dass dieser Wert auch für Österreich reichen muss.

Israel ermöglichte zudem auch kleinere private Veranstaltungen, ganz ohne "grünen Pass". Auf diese muss man in Österreich noch bis Juli warten, darunter fallen Hochzeiten und Vereinsfeste, ebenso Nachtgastronomie. "In diesen Bereichen gibt es Zurückhaltung", sagte Kurz. Die Ausgangsbeschränkungen in den Nachtstunden werden aber aufhoben.

Auch Fitnesscenter machen wieder auf

Bei Veranstaltungen muss es zugewiesene Sitzplätze geben, im Theater und im Kino muss jeder zweite Platz frei bleiben und eine FFP2-Maske ständig getragen werden - übrigens auch beim Indoor-Sport, jedoch nicht beim Sport selbst, sondern in den allgemeinen Bereichen der Anlagen und Fitnesscenter. Und auch im Sport gilt: Ein negatives Testergebnis oder die Impfung ist Voraussetzung.

Bei Sport und Kultur gilt ein Zuschauerlimit von 1.500 Besuchern drinnen und 3.000 draußen. So weit ist Israel im März nicht gegangen. Und auch der Tourismus wird in Österreich ganz anders geöffnet. Quarantäne bei der Einreise entfällt, wenn auch nur für Gäste aus Ländern ohne extrem hohe Inzidenz und bedrohlichen Virusvarianten wie etwa in Brasilien oder Indien.

Aus dem Vorjahr verfügt Österreich über Präventivkonzepte, die nun mit dem grünen Pass für Getestete und Geimpfte und teilweise der FFP2-Pflicht ergänzt werden. Sicher sind Schnelltests aber nicht. Weshalb Oswald Wagner, Vize-Rektor der MedUni Wien, sogar empfahl: "Vielleicht nehmen Sie noch nicht an den Öffnungen teil, wenn Ihr Impftermin erst zwei Wochen danach ist." Das klang dann mehr nach Handbremse als nach Normalität.