Es ist auch für uns erschreckend, wie die Vorsorgeuntersuchungen vergangenes Jahr eingebrochen sind", lautet der Befund von Andreas Krauter, leitender Arzt bei der Österreichischen Gesundheitskasse. Konkret gingen 2020 um elf Prozent weniger Gebietskrankenkassenversicherte zu den Hausärztinnen und Hausärzten als 2019. Auch zu Koloskopien, also Darmspiegelungen, und Mammografien, röntgenologischen Untersuchung der weiblichen Brust, konnten sich nach den für die "Wiener Zeitung" von der ÖGK erhobenen Daten jeweils um 13 Prozent weniger Versicherte als im Jahr davor aufraffen.

Der Grund für Krauters Erschrecken: "Prävention ist wichtig, damit Erkrankungen frühzeitig entdeckt werden." Österreich gehöre ohnehin zu den Vorsorgemuffeln in Europa, mit nur 14,3 Prozent aller hierzulande Versicherten, die 2019 bei Vorsorgeuntersuchungen waren. Um die Lücke etwas zu schließen, lud und lädt die ÖGK im April, Mai und Juni 450.000 Personen der besonders vulnerablen Gruppe zur Vorsorgeuntersuchung ein. Zu dieser zählen Menschen mit Vorstufen, auf die Erkrankungen zu folgen drohen, wie Übergewicht, jene, die wenig Bewegung machen oder deren Familienkrankheitsgeschichte ein größeres Risiko nahelegt. Schließlich geht es laut Krauter darum, den Betroffenen damit "später viel Schmerz, der Familie Leid und Arbeitgebern Ausfälle zu ersparen".


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Schwereren Krankheitsverläufen vorbeugen

Dass die Sorge, sich beim Arztbesuch mit Sars-CoV-2 anzustecken, für Menschen ein gewichtiger Grund war, keine Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen, legt die Auswertung nach Quartalen nahe: Zur Mammografie werden Frauen zwischen 45 und 69 alle zwei Jahre eingeladen. Frauen, die einer Risikogruppe angehören, können sich früher melden und werden dann ab dem 40. Lebensjahr eingeladen. Von April bis Juni 2020 aber gingen um 39 Prozent weniger zum Röntgen der Brust als im Vergleichszeitraum des Jahres davor.

Koloskopien, auf die Versicherte ab 50 Jahren bei Vorsorgeuntersuchungen hingewiesen werden, gab es im selben Zeitraum um 32 Prozent weniger als im Jahr davor. Und die Anzahl an allgemeinmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen, die Versicherten ab 18 Jahren einmal pro Jahr offen stehen, sank im zweiten Quartal um 25 Prozent.

Bei der allgemeinmedizinischen Vorsorgeuntersuchung geht es darum, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes oder der Fettstoffe frühzeitig zu erkennen, um eine Verkalkung der Gefäße zu verhindern, so Krauter. "Verkalkungen an den Hauptschlagadern können zu Schlaganfällen führen, Durchblutungsstörungen rund um den Sehnerv zu Sehstörungen und Erblinden." Betrifft es die Gefäße rund ums Herz, drohen im Ernstfall Herzinfarkte. Gefäßverschlüsse in Beinen und Füßen bergen Gefahren bis hin zu einer Amputation. So schwere Folgen seien aber - frühzeitig entdeckt - im Vorfeld meist mit einfacher Medikation, besserer Ernährung, mehr Bewegung zu verhindern.

Maria M. Hofmarcher, Ökonomin und Vorständin der Austrian Health Academy, untersuchte im vergangenen Sommer gemeinsam mit Christopher Singhuber die ambulante Versorgung im Bundesländervergleich. Das im Zusammenhang mit Vorsorge interessante Detailergebnis: Schon vor der Pandemie wären 5,5 Todesfälle pro 100.000 Menschen, insgesamt 485, in Österreich mit Prävention und frühzeitigerer Behandlung vermeidbar gewesen, bei Darmkrebs waren es 5,7 Todesfälle pro 100.000 Personen, also 503 österreichweit.

Der Unterschied, wer zur Vorsorgeuntersuchung geht

Thomas Czypionka, der sich am Institut für Höhere Studien seit Jahren mit gesundheitsökonomischen und -politischen Fragen auseinandersetzt, erhebt im Moment im Rahmen eines EU-Projekts die gesundheitlichen Kollateralschäden der Pandemie. Um festzustellen, ob solche auch durch weniger Vorsorgeuntersuchungen entstanden sind, müsse erhoben werden, wer ausblieb. "Sind es Menschen, die sonst jedes Jahr hingingen, ist der negative Effekt des Aussetzens minimal", sagt Czypionka. Handelt es sich aber um ohnehin benachteiligte oder gefährdete Gruppen, also die Vulnerablen, könnte er deutlich ausfallen. "Es ist eine plausible Annahme, dass jene, für die Covid-19 eine größere Gefahr bedeutet, also besonders Ältere zum Beispiel, aus Sorge sich anzustecken, ausblieben", sagt der Experte vorsichtig. "Der Vorsorgegedanke ist in Österreich nicht so gut verankert." In den Niederlanden, wo man sich bei Hausärztinnen und Hausärzten einschreibt, begleiten diese "ihre" Patientinnen und Patienten längerfristig und wissen dadurch über Risikofaktoren besser Bescheid, "können sie auch aktiver ansprechen", als hierzulande, wo man in jedem Quartal wechseln kann, sagt Czypionka.

Das ist auch Krauter von der ÖGK bewusst: "Wir müssen die Eigenverantwortung und die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung anheben." Für Hofmarcher ist es von Bedeutung, dabei auf niemanden zu vergessen: "Das durchaus gute Angebot muss auch passend an jene mit weniger Ausbildung, weniger Einkommen, weniger guten Sprachkenntnissen kommuniziert werden."

Die ÖGK will jedenfalls in Zukunft weniger auf starre Programme, sondern die Vorsorge stärker auf Krankengeschichten in Familien und individuelle Bedürfnisse abstellen. "Qualität geht hier vor Quantität", sagt auch Czypionka. Ein Beispiel: Bei der 20-Jährigen, die täglich Sport betreibt, macht die allgemeine Vorsorgeuntersuchung wenig Sinn; Aortenscreenings aber bei älteren, übergewichtigen Männern, wo Aortenaneurysmen, also dünner gewordene Gefäßausbuchtungen, die zu reißen drohen, besonders häufig vorkommen, aber schon. "Vorsorge ist am effizientesten, wenn sie stratifiziert, also nach Kriterien erfolgt."