In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag wurden in Österreich die zehnte und die elfte Frau in diesem Jahr ermordet. Erst in der Woche davor wurde eine 35-Jährige von ihrem Expartner erschossen. Die Serie von Femiziden ließ lautstarke Forderungen nach deutlich mehr Präventionsmaßnahmen aufkommen - auch in der Männerarbeit.

"Wiener Zeitung": Herr Lehner, sehen Sie die aktuelle Häufung an Frauenmorden im Zusammenhang mit dem Anstieg häuslicher Gewalt, vor dem Expertinnen und Experten schon zu Beginn der Pandemie gewarnt haben?

Erich Lehner: Natürlich lassen stressige Situationen auch den Pegel der Gereiztheit steigen. Gewalttäter greifen aber nicht aufgrund von Gereiztheit oder Stress zu Gewalt. Sondern sie haben gelernt, schwierige Situationen mit Gewalt zu bewältigen. Denkbar ist, dass in der Pandemie einzelne Täter vermehrt zur Gewalt greifen. Falsch wäre aber die Vorstellung, dass nur gestresste, schwache, kranke Männer Gewalt ausüben.

Erich Lehner ist Vorsitzender des Dachverbandes der Männerarbeit in Österreich und Psychoanalytiker in freier Praxis. privat
Erich Lehner ist Vorsitzender des Dachverbandes der Männerarbeit in Österreich und Psychoanalytiker in freier Praxis. privat

Ist denkbar, dass bei Mordserien auch eine Art "Werther-Effekt" hinzukommt? Gibt es bei Femiziden "Nachahmungstaten"?

Der Gedanke ist zwar naheliegend, ich kenne aber keine wissenschaftlichen Publikationen dazu. Und ich glaube auch nicht an einen solchen Effekt. Gewalttäter haben eine Entwicklung durchgemacht, in der sie sich entschieden haben, Gewalt als Ressource einzusetzen. Vorbilder brauchen sie dafür nicht unbedingt. Die aktuelle Häufung halte ich eher für einen Zufall. Dass es insgesamt so viele Gewalttaten und Morde in Österreich gibt, sehe ich aber im Zusammenhang mit unseren traditionellen Männerbildern.

Die Zeit nach einer Trennung ist für Frauen besonders gefährlich. Auch bei Arbeitslosigkeit und Suchterkrankungen ermorden Männer häufiger ihre (Ex-)Partnerinnen. Welche Rückschlüsse lässt das auf die vorherrschenden Männerbilder zu?

Nur weil jemand suchtkrank ist, wird er nicht zum Mörder oder Gewalttäter. Bei all diesen Faktoren muss man sich vorstellen, wie das im selben Fall bei Frauen ist. Trotz großer Benachteiligung greifen sie viel seltener zu Gewalt. Es stellt sich daher immer die Frage, warum jemand auf eine Notsituation mit Gewalt antwortet. Trennungen sind dafür ein gutes Beispiel: Männer fühlen sich oft gekränkt und gedemütigt, wenn sich eine Frau von ihnen trennt. Dazu trägt vor allem ein Männerbild des durchsetzungsfähigen Mannes bei, der alles schafft, der der Held ist. Aus diesen traditionellen Männerbildern heraus leiten Täter für sich eine "Legitimation" ab, in bestimmten Fällen Gewalt einzusetzen. Der Gewalttäter sieht sich also nicht als schwacher, sondern als starker Mann.

Zu diesen traditionellen Männerbildern gehört, nach außen Stärke zu demonstrieren und Schwächen zu verbergen. Wie können Männer einen Umgang mit tabuisierten Emotionen wie Angst und Trauer lernen?

Für Gewalttäter gibt es zum Beispiel die Männerberatung und Anti-Gewalt-Trainings. Dort lernt man, sich mit den eigenen Emotionen auseinanderzusetzen und sie zu kontrollieren. Grundsätzlich braucht es aber ein langfristiges Konzept, um Männer in großer Zahl zu Sorgearbeit zu motivieren. Wesentlich wäre, dass Männer öfter in Karenz gehen und pflegende Tätigkeiten übernehmen. Dann kann sich das traditionelle Männerbild in der Gesellschaft verändern. Das kann Buben erleichtert, eine ganzheitliche Menschlichkeit zu entwickeln und sich nicht mehr an einem sehr einseitigen Bild von Männlichkeit zu orientieren.

Welche Rolle kann Männerarbeit dabei spielen, Frauenmorde zu verhindern?

Da gibt es zwei Arten von Angeboten: Einerseits die niederschwellige Beratung, zu der jeder hingehen kann, um über Probleme zu reden, und die Jugendarbeit an den Schulen. Andererseits gibt es die opferschutzorientierte Täterarbeit. Sie kommt dann zum Einsatz, wenn bereits ein aktenkundiger Vorfall bekannt ist, beispielsweise eine Wegweisung. In diesem Fall ist der Besuch verpflichtend. Beide Optionen müssen weiter ausgebaut werden, um ein flächendeckendes Angebot in Österreich anbieten zu können.

Wie viele Männer, mit denen Sie arbeiten, suchen die Männerberatung von sich aus auf?

Ich habe keine konkreten Zahlen dazu, aber wir sehen, dass sehr viele Männer kommen. Es gibt also ein Bedürfnis. Sobald eine neue Stelle da ist, ist sie ausgelastet. Es gibt sehr lange Wartezeiten und wir können die große Nachfrage nicht bedienen.

Wie laufen die Workshops für Buben und junge Männer ab, die die Männerberatung in Schulen anbietet?

Im Grunde wird alles besprochen, was mit Männlichkeit zu tun hat. Es kann einen Workshop geben, weil eine Projektarbeit zu Männlichkeit, Sexualität oder Partnerschaft stattfindet; oder weil es einen konkreten Konflikt gegeben hat. Und dann arbeitet man mit den Burschen. Die Methoden reichen vom Zeichnen bis zu Filmen. Zentral ist immer, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Und zwar so, dass sie in einer geschützten Gruppen-Atmosphäre offen reden können. Dann kann auch korrigierend eingewirkt werden. Zum Beispiel wird erklärt, was die Gefahr eines traditionellen Männerbildes ist und was Vorteile und Chancen einer modernen Männlichkeit sind.

Beim Schlagwort "toxische Männlichkeit", das oft in den Medien auftaucht, fühlen sich viele Männer angegriffen und reagieren mit einem Abwehrmodus. Wie sehen Sie den Begriff?

Ich bin da etwas reserviert. Denn der Begriff macht es Männern leicht zu sagen: Da geht es ja nicht um mich, toxisch sind nur die anderen. "Toxische Männlichkeit" ist aber nichts Pathologisches, sondern im Grunde das "normale" Männlichkeitsbild, das wir vorgesetzt bekommen, in vielleicht extrem ausgelebter Form. Das Männlichkeitsbild des "starken Mannes" und der "zu beschützenden Frau" sollte grundsätzlich hinterfragt werden. Dazu müssen beide Geschlechter beitragen.

Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht der Faktor Migrationshintergrund?

Er spielt eine gewisse Rolle, weil natürlich auch Männer kommen, die auf Dominanz hinauslaufende Männerbilder mitbringen. Aber diese Bilder sind veränderbar, sie sind keine genetischen Programme. Bei Femiziden tritt der Migrationshintergrund etwas deutlicher hervor, insgesamt ist er aber in Bezug auf Gewalt nicht ausschlaggebend. Wesentlich ist immer das konkrete Männerbild. Hier ist entscheidend, ins Gespräch zu kommen und die Männer zu begleiten - auch konfrontativ.

Frauenmorden geht in aller Regel bereits Gewalt voraus. Bei 44 Prozent der Frauenmorde 2018 gab es davor etwa bereits ein Betretungsverbot. Wird im Vorfeld zu wenig getan, um Femizide zu verhindern?

Ja. Ich stimme mit den Opferschutzorganisationen vollkommen überein, dass es im Vorfeld viel mehr Risikoabschätzungen und Sicherheitskonferenzen braucht. Das zeigt auch das letzte prominente Beispiel des Bierwirts. Ab wann und wie lange jemand zur Täterarbeit verpflichtet wird, ist ebenfalls entscheidend. Sechs Stunden sind da eindeutig zu wenig. Wir haben in Österreich eines der besten Gewaltschutzgesetze, trotzdem müssen wir noch besser werden, um die Betroffenen zu schützen und zu begleiten.

Wie gut ausgebaut ist die Männerberatung in Österreich?

Grundsätzlich gibt es in jedem Bundesland eine Männerberatung. Sie sind aber strukturell nicht gefestigt und müssen sich ihre Förderungen jedes Jahr von Land, Stadt und Bund zusammenstoppeln. Es ist daher eine dringende Forderung von uns, dass Männerberatung in ganz Österreich auf eine solide Basis gestellt wird. Es wäre schon eine große Hilfe, eine dreijährige Förderung zu bekommen. Das andere ist, dass durch das Gewaltschutzgesetz sechs Stunden Täterarbeit vorgeschrieben sind. Das geht sich mit den vorhandenen Stellen nie aus, da gibt es einen eklatanten Mangel. Es bräuchte noch sehr viel Unterstützung und natürlich Geld. Meines Erachtens ist das eine wichtige qualitative Investition, denn Gewalt und die Folgen davon verursachen einen großen Schaden - persönlich und für die Gesellschaft.

Welche Maßnahmen zum Gewaltschutz sollten schnell umgesetzt werden?

Am wichtigsten ist der Ausbau von Opferschutzeinrichtungen und der Täterarbeit. Auch die Fallkonferenzen sind sehr wesentlich. Rosa Logar (Leiterin der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie, Anm.) fordert auch eine Verbesserung der Beweissicherung und bei der Untersuchungshaft, was ich unterstütze. Zusätzlich braucht es eine bessere Schulung von Beamtinnen, Richterinnen und Staatsanwälten.