Ich bin da so langsam und Stück für Stück immer mehr hineingezogen worden", erzählt Hanna Fiedler im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" über die Zeit vor acht Jahren. Ihr Ehemann wurde dement. Erst musste sie das Einkaufen alleine übernehmen, dann konnte er beispielsweise nicht mehr alleine zum Arzt gehen. "Er hat das aber trotzdem gemacht. Und ich wurde angerufen, ich soll ihn abholen." Ihr Mann hatte beim Warten am Kopftuch einer Frau vor ihm gezupft, "nicht weil er was gegen sie hatte, sondern weil er das lustig fand, alle anderen aber nicht".

Fiedler beschreibt ihren Mann nicht als aggressiv, sondern die Veränderung eher als Rückkehr in ein kindisches oder kindliches Verhalten "in seiner eigenen, kleinen Welt". Die Welt des zunehmend dement werdenden Pensionisten entsprach allerdings laufend weniger jener anderer Erwachsener - auch nicht der seiner heute 60-jährigen Ehefrau, die damals als selbständige Sozialberaterin und Ausbildnerin noch voll berufstätig war.

Er brauchte nicht mehr nur in der Früh, mittags und abends Erinnerungen und Unterstützung an Essen und Körperpflege, sondern "den ganzen Tag so etwas wie eine Aufsicht". Die Belastung stieg, "es kam immer mehr noch Anforderndes dazu".

Kaum Pflegekarenz, noch weniger Pflegeteilzeit

Zwar entschied Fielder sich erst für ambulante Tagesbetreuung, ein Jahr vor dem Tod des damals 71-Jährigen vor zwei Jahren dann doch für ein Pflegeheim. "Eine Pflegekarenz hätte mir aber Sicherheit gegeben, weil das ‚Kümmern Sie sich darum, dass er dieses oder jenes tut oder eben nicht tut‘ hat sich mit meinem Beruf immer weniger vereinbaren lassen."

Pflegekarenz und Pflegeteilzeit sollen seit 2014 eigentlich zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Pflege für pflegende Angehörige sorgen. Für Fiedler kam sie nicht infrage, weil sie nur bis zu drei Monate für unselbständig Beschäftigte und Arbeitslose möglich ist. Aber auch diese nehmen sie kaum in Anspruch. Laut Anfrage der "Wiener Zeitung" beim Sozialministerium waren 2020 1.633 Personen österreichweit in Pflegekarenz, kaum mehr als die etwas mehr als tausend 2014 und sogar weniger als 2019, wo es 1.758 waren.

Bei 801.000 Personen, die laut der Studie "Angehörigenpflege in Österreich" in die Pflege eines Angehörigen zu Hause involviert sind, sind das nicht viele. Auch wenn man die Anzahl der Bezugsberechtigten reduziert, weil der Studienautor und Pflegewissenschaftler Martin Nagl-Cupal einräumt, dass nur ein Fünftel die Pflege alleine bewältigt und die Hälfte der Pflegenden bereits in Pension sind, wären es immer noch 80.000 Bezugsberechtigte.

Noch weniger gehen in Pflegeteilzeit: Während im ersten Jahr laut der 2019 veröffentlichten "Studie zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege bei NutzerInnen von Pflegekarenz/-teilzeit" noch 113 Personen in Pflegeteilzeit gingen, waren es im Vorjahr 105, im Jahr 2019 waren es 88 Personen.

Zu wenig Geld, für zu kurze Zeit

Frauen sind mit 70 Prozent bei beiden Modellen im Übrigen in der Mehrheit. Das Medianalter (50 Prozent sind älter, 50 Prozent jünger) lag bei 50 Jahren. Knapp zwei Drittel traten ihre Pflegekarenz oder -teilzeit aus der Arbeitslosigkeit heraus an, zeigt die Studie. Es liege deshalb "nahe, dass Pflegekarenz für unselbständig Erwerbstätige attraktiver gemacht werden könnte", heißt es in der Studie.


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Während der Pflegekarenz gibt es im Moment ein Einkommen in der Höhe des Arbeitslosengeldes. "Die Maßnahme scheint also das Ziel zu verfehlen", erklärt Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser. "Hauptkritikpunkt ist die zeitliche Einschränkung auf drei Monate. Zwei Drittel der Personen, die Pflegekarenz oder -teilzeit in Anspruch genommen haben, wünschen sich eine längere Bezugsdauer", sagt Moser.

Zwar gibt es seit Anfang 2020 einen Rechtsanspruch auf Pflegekarenz - allerdings nicht für die vollen drei Monate, sondern nur für vier Wochen. IHS-Pflegeexpertin Monika Riedel sieht deshalb im Umstand, dass "ein solches Thema gerade in Zeiten mit angespanntem Arbeitsmarkt mit den Dienstgebern zu vereinbaren ist, eine gewisse Hürde".

Lösungsvorschläge gibt es, Umsetzung noch keine

Birgit Meinhard-Schiebel, Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger, fordert deshalb eine Lösung für Selbständige, eine Verlängerung der Pflegekarenz auf ein Jahr, einen Rechtsanspruch über die gesamte Zeit, "weil nach vier Wochen wieder mit dem Arbeitgeber zu verhandeln, trauen sich die meisten nicht". - "Es müssten natürlich Firmen auch viel besser Bescheid wissen, Betriebsräte mehr informieren", sagt die Interessensvertreterin. Laut türkis-grünem Regierungsprogramm sind zwar bessere Rahmenbedingungen für Selbständige geplant, bei Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern will man "verstärkt das Bewusstsein für Personen schaffen, die Pflegeteilzeit oder -karenz beanspruchen (wollen)".

Der Wunsch nach einer zeitlichen und finanziellen Ausweitung der Pflegekarenz und vollständigem Kündigungsschutz wurde Sozialminister Wolfgang Mückstein zwar von der "Taskforce Pflege" übermittelt. Ob und was umgesetzt wird, konnte das Sozialministerium aber noch nicht konkretisieren.