Es ist sich dann doch nicht ganz ausgegangen. Anfang April hatte Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) angekündigt, dass alle, die wollen, bis Ende Juni zumindest die erste Corona-Impfung erhalten werden. Wie ein Rundruf der APA in den Bundesländern ergab, wird sich das aber noch in den Sommer hineinziehen. Wie lange, ließen die meisten Länder offen. Nur Salzburg und Niederösterreich versichern, alle Angemeldeten im Juni noch impfen zu können. Deren Zahl könnte sich aber ändern. Wien weist zum Beispiel darauf hin, dass sich aktuell täglich rund 10.000 Personen neu vormerken lassen.

Überraschend kommt das freilich nicht. Durch die Lieferverkürzungen von AstraZeneca hat die Stadt Wien bereits im März ihr Ziel für den Juni von 70 auf 60 Prozent der "impfbaren Bevölkerung" verkürzt. Und man glaubt auch nach wie vor, dieses angepasste Ziel erreichen zu können.

Biontech/Pfizer konnte mehr liefern

Dabei sind allein in Wien mehr als 70.000 Personen hinzugekommen, da nun auch Schwangere und Kinder ab zwölf Jahren geimpft werden können. Für ganz Österreich rechnet die Bundesregierung mit zusätzlich 500.000 Personen. Auf der anderen Seite gelang insofern eine Beschleunigung des Impfplans, da der Hersteller Biontech/Pfizer im zweiten Quartal mehr liefern konnte als ursprünglich geplant. Nun stehen allerdings auch viele Zweitimpfungen an, die wiederum die Zahl der Erstimpfungen verkürzen.

Für die Opposition war die Recherche der APA eine Auflage. Die SPÖ sah einen "Wortbruch des Bundeskanzlers", wie Gesundheitssprecher Philip Kucher sagte. Wieder einmal habe Kurz "die Menschen in ganz Österreich enttäuscht". Die Neos zeigten sich wenig überrascht: "Seit Beginn der Pandemie hat diese Bundesregierung ein Versprechen nach dem anderen gebrochen", sagte der pinke Gesundheitssprecher Gerald Loacker.

Die Bundesregierung reagierte auf die erwartbare Kritik ebenso erwartbar - erst mit einer gemeinsamen Aussendung, dann berief man sogar kurzfristig eine Pressekonferenz für den späten Dienstagnachmittag (nach Redaktionsschluss) ein. Grund für die Zielverfehlung sei vor allem die steigende Impfbereitschaft, hieß es von Kurz und Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne). "Bis Ende Juni werden wie geplant fünf Millionen Erstimpfungen durchgeführt", verteidigte man sich. Im zweiten Quartal sei man von einer Impfbereitschaft von zwei Drittel der über 15-Jährigen ausgegangen, mittlerweile sei sie auf über 70 Prozent gestiegen.

Signifikantes Plus bei Bereitschaft im Mai

Abgefragt wird die Impfbereitschaft in Österreich regelmäßig auch durch das "Austrian Corona Panel Project" der Uni Wien. Seit dem Vorjahr gibt es eine klare Tendenz nach oben, wobei ab März dann bereits zunehmend mehr Geimpfte befragt wurden. Naturgemäß werden diese dem impfbereiten Teil hinzugerechnet.

Die jüngsten Daten vom Mai, die auf der Website des Corona-Panels noch nicht veröffentlicht wurden, aber der "Wiener Zeitung" vorliegen, bestätigen, dass der Trend nach wie vor anhält. Dabei waren die Forscherinnen und Forscher im April davon ausgegangen, dass die Akzeptanz der Corona-Schutzimpfung ein Plateau erreichen dürfte. Die Befragung im Mai zeigte dann aber noch einmal eine doch signifikante Zunahme. Unter den Befragten (ca. 1.500 Personen, ab 14 Jahren) waren am 22. Mai allerdings bereits 47 Prozent geimpft, darüber hinaus stimmten 21 Prozent der Aussage "Ich werde mich ehestmöglich impfen lassen" entweder "voll und ganz" oder "eher" zu.

Bemerkenswert ist auch, dass im Mai die Gruppe jener, die sich "sicher nicht" oder "eher nicht" impfen lassen wollte, nur mehr 22 Prozent ausmacht. Das ist der mit Abstand niedrigste Wert seit Beginn der Pandemie. Im März lag diese Gruppe noch bei etwa einem Drittel der Befragten.

Die Ablehnung der Impfung hängt übrigens nicht vom Alter und Risikofaktoren ab. Es gibt hier kaum Unterschiede. Anders formuliert: Auch ein vergleichsweise höheres individuelles Risiko, im Fall einer Infektion schwer zu erkranken, überwindet die Impfskepsis nicht.

Auch die Gruppe der Unschlüssigen ("teils-teils") wird kleiner, was angesichts des Fortschreitens der Impfungen logisch ist. Denn irgendwann ist man entweder geimpft - oder eben nicht. Und offenbar verkleinert sich die Gruppe der Unschlüssigen zugunsten der Impfbereiten.

Herdenimmunität wird wieder zum Thema

Gründe dafür können die Wissenschafter nur vermuten, sie werden weiter erforscht. Eine der Autorinnen, die Politikwissenschafterin Katharina T. Paul, führt die Tatsache an, dass immer mehr Menschen um einen herum geimpft sind. Das befördere offenbar die Bereitschaft. "Auch die Öffnungen haben die Impfbereitschaft angekurbelt", sagt Paul.

Sollte sich der Trend der vergangenen Wochen fortsetzen, würde man näher an die für eine Herdenimmunität notwendige Impfrate heranrücken. Das bedeutet, dass so viele Menschen immun sind, dass sich das Virus nicht mehr verbreiten kann. Wie viel Prozent dafür notwendig sind, ist derzeit aber noch nicht zu sagen und könnte mit infektiöseren Varianten wieder ansteigen.

In Wien waren am Dienstag exakt 1.064.439 Personen für eine Impfung angemeldet, rund 1,68 Millionen Wienerinnen und Wiener können laut Impfplan immunisiert werden. Rund 63 Prozent sind also bisher vorgemerkt. Mit weiteren Anmeldungen ist daher zu rechnen. Stadtrat Peter Hacker erwartet, dass im Juli bis zu 70 Prozent der Impfbereiten einen ersten Stich erhalten haben.

Für den Herbst und den Immunitätsgrad in der Bevölkerung wichtig sind freilich nicht nur die Erststiche. Wie groß die Bereitschaft für die zweite Teilimpfung bzw. dann für eine Auffrischung ist, wurde vom Corona-Panel bisher noch nicht erfragt. In den USA war jeder Elfte nicht zur zweiten Impfung erschienen. In Europa wird versucht, dies durch den Grünen Pass zu verhindern. Dieser ist zwar schon drei Wochen nach der Erstimpfung gültig, verfällt aber nach drei Monaten wieder, wenn die zweite Teilimpfung nicht eingetragen wird. Ohne dieser zweiten Impfung ist die Schutzwirkung geringer und der Weg zur Herdenimmunität wieder weiter.