Wer erinnert sich nicht an die ein oder andere geschwänzte Religionsstunde, um stattdessen im Kaffeehaus über im Moment wichtiger erscheinende Dinge zu philosophieren. Diese Stunden sollen nun ein für allemal der Vergangenheit angehören – und die praktische Philosophie soll zur zentralen fachlichen Grundlage des verpflichtenden Ethikunterrichts werden.

Ab dem kommenden Schuljahr wird dieser in den neunten Schulstufen an den Allgemein bildenden höheren Schulen (AHS) und den Berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) starten, gaben Bildungsminister Heinz Faßmann und Vertreter der Religionsgemeinschaften am Montag bekannt. Allerdings nur für jene Schüler, die vom Religionsunterricht abgemeldet sind, wobei dieser aber wiederum künftig auch ethische Grundfragen beleuchten soll. Die entsprechenden Lehrpläne für den Ethikunterricht für die AHS und die BMHS-Zweige wie HTL oder HAK wurden ebenfalls am Montag erlassen. Was die ethischen Fragen in den Religions-Lehrplänen betrifft, so sollen die Pädagoginnen und Pädagogen künftig den Fokus darauf legen, hieß es.

Schulversuch seit 1995

Beim Thema Ethik gehe es um Menschenrechte, Glück, soziale Beziehungen, Sucht, Medien, Weltreligionen, aber auch säkulare Weltanschauungen, Tierrechte, Sexualität, Liebe, Diversität, Krankheit und Tod. Vor allem aber stehe nicht die reine Wissensvermittlung, sondern das Aufwerfen von Fragen im Mittelpunkt, so Faßmann. "Auch wenn die Antworten immer nur vorläufige sind."

Dass parallel zum Ethikunterricht auch ethische Grundfragen in den Religionsunterricht einfließen sollen, hat laut dem Ethik-Lehrer Georg Gauß von der Bundesarbeitsgemeinschaft Ethik einen entscheidenden Grund: "Die Erfahrungen zu den bisherigen Schulversuchen haben gezeigt, dass sich dort, wo Ethikunterricht angeboten wurde, 25 bis 35 Prozent der Schüler von Religion abgemeldet haben", sagt er zur "Wiener Zeitung".

Religion durch die Hintertür?

Seit 1995 wird Ethik an 233 AHS und BMHS als Schulversuch für vom Religionsunterricht abgemeldete oder konfessionslose Schülerinnen und Schüler angeboten. Ab Herbst soll dieser nun ins Regelschulwesen überführt werden und damit an 922 Standorten im Ausmaß von zwei Wochenstunden verpflichtend stattfinden.

Die neunten Schulstufen sind laut Ministerium erst der Anfang. Ab dem darauffolgenden Schuljahr soll pro Jahr immer eine weitere, höhere Schulstufe dazukommen, um 2024/25 (AHS) beziehungsweise 2025/26 (BMHS) den Endausbau zu erreichen. Polytechnische und Berufsschulen sind vorerst ausgenommen, an Letzteren gibt es in den meisten Bundesländern auch keinen Religionsunterricht.

Bisher war es so, dass jeder Lehrer, der bereits mindestens fünf Jahre lang unterrichtet hat, an der Pädagogischen Hochschule eine zweijährige Zusatzausbildung zum Ethikunterricht absolvieren konnte, sagt Gauß. Die Befürchtung dabei: Dass Religionslehrer, die diese Ausbildung absolvieren, Religion "durch die Hintertür einführen". Ab kommendem Herbst soll nun aber ein eigenes Lehramtsstudium (bis zum Master fünf Jahre) für das Fach Ethik in das Konzept der Pädagoginnenbildung aufgenommen werden, das mit einem weiteren gekoppelt werden muss.

Weniger katholische Schüler

Was den katholischen Religionsunterricht betrifft, so melden sich seit 20 Jahren konstant durchschnittlich 9,1 Prozent von diesem ab, sagt Andrea Pinz, Leiterin des Schulamtes der Erzdiözese Wien, zur "Wiener Zeitung". Und zwar österreichweit und über alle Schulstufen hinweg.

Ethikunterricht künftig auch in den niedrigeren Schulstufen anzubieten, wie vom Ministerium in weiterer Folge geplant, sieht sie differenziert. Im Moment laufe an zehn Wiener Schulstandorten die Initiative, Kinder unterschiedlicher Religionen gemeinsam zu unterrichten. Denn: Die Absolutzahl der katholischen Schüler sinke aufgrund der steigenden Anzahl der Kinder unterschiedlicher Religionen und der Kirchenaustritte.

Der SPÖ und dem Volksbegehren "Ethik für ALLE!" geht der Ethikunterricht, wie er ab Herbst kommt, jedenfalls nicht weit genug. Die SPÖ forderte diesen für alle Schüler. Das Volksbegehren hat zu Beginn dieses Jahres fast 160.000 Unterschriften erreicht und damit die parlamentarische Hürde von 100.000 Unterschriften klar genommen. Am Mittwoch sollen dessen Forderungen wie Unvereinbarkeitsregeln für Ethik- und zugleich Religionslehrer im Unterrichtsausschuss behandelt werden.