Wäre die FPÖ ein Unternehmen, wäre es die klassische Aufsteigergeschichte. Ganz unten begonnen, als kleiner Mitarbeiter einer Abteilung, nach einigen Jahren Beförderung zum Abteilungsleiter, dann Teil der Geschäftsleitung, um schließlich zum Vorstandsvorsitzenden gekürt zu werden. So könnte man den Lebenslauf Herbert Kickls auch erzählen. In Parteien gibt es keine Vorstandsvorsitzende, das oberste Organ ist der Bundesparteiobmann. Am Montag wurde Kickl, 52 Jahre alt, zum Obmann designiert. Am 19. Juni, beim außerordentlichen Parteitag, wird er dann formal zum Obmann gekürt.

Weil Parteien eben keine Unternehmen sind, ist der Werdegang Kickls bemerkenswert. Er entstammt weder dem freiheitlichen Parteiadel, vielmehr ist er ein Arbeiterkind, aufgewachsen in einer kleinen Kärntner Gemeinde bei Spittal an der Drau. Kickl war auch nie Burschenschafter, sondern stets auf Distanz zu der für die FPÖ wichtigen Szene. "Es ist nicht meine Welt", sagte er einmal der "Presse" in einem Interview. Und, obwohl dem langjährigen Parteichef Jörg Haider einige Zeit recht nahe, war Kickl auch nie Teil der sogenannten Buberlpartie, die weniger politisch als karrieristisch war. Allerdings war es einer jener Karrieristen, über die Kickl einst in die Partei, konkret in die blaue Parteiakademie, kam: Karl-Heinz Grasser.

Der spätere Finanzminister war von Jörg Haider 1993 als Geschäftsführers der Freiheitlichen Akademie eingesetzt worden. Unter Grasser begann Kickl, damals Student der Philosophie und Politikwissenschaft, zwei Jahre später als einfacher Mitarbeiter in der Parteiakademie zu arbeiten. Sein Aufgabengebiet dort waren Wahlkämpfe, und diese sollten ihn und seine Arbeit auch in den Folgejahren begleiten - und seine Kampagnen die Partei auch prägen.

Bereits vor dem Knittelfelder Parteitag 2002, der das Ende der ersten ÖVP-FPÖ-Regierung markierte, stieg Kickl auf. Zunächst zum stellvertretenden Geschäftsführer der Parteiakademie, nach Knittelfeld dann zu deren Nummer eins. Kickl bekam aber auch innerhalb der Partei eine größere Bedeutung. Er wurde zu einem Redenschreiber und Ideengeber Haiders, blieb dabei aber stets im Hintergrund und arbeitete auch eng mit dem damaligen Landesgeschäftsführer der Kärntner FPÖ, Manfred Stromberger, zusammen. Die Wege sollten sich Jahre später trennen.

Als Haider im April 2005 das BZÖ gründete und sich von der FPÖ abspaltete, blieb Kickl ein Blauer. Er wurde Generalsekretär und blieb es bis 2017. Sein Nachfolger, Michael Schnedlitz, führte am Montag Kickls Loyalität damals zur FPÖ als einen der Gründe an, weshalb das Präsidium ihn einstimmig designierte und der Rückhalt generell groß sei.

Mit Strache ein ungleiches Team

Stromberger warf damals Kickl allerdings vor, um "politisches Asyl in Kärnten" angesucht zu haben, um weiter mit Haider arbeiten zu können. Andere erzählen wiederum über jene Tage, dass die spätere FPÖ-Führung um Heinz-Christian Strache stets auffallend gut informiert gewesen sei über die Planungen des BZÖ, in die Kickl auch eingebunden war. In seiner ersten Aussendung als Generalsekretär bekamen die Medienvertreter noch Versöhnliches von Kickl zu lesen: "Die rituelle Journalistenbeschimpfung vergangener Zeiten wird es bei uns jedenfalls nicht mehr geben. Im Gegensatz zur alten Führung betrachten wir Journalisten nicht als Feinde, sondern als Partner." Auf Ibiza, heimlich gefilmt, fand Strache Jahre später bekanntlich andere Worte über Journalisten.

Mit Kickls Aufstieg zum Generalsekretär begann eine enge berufliche Partnerschaft mit Strache, die als Persönlichkeiten ungleicher kaum sein konnten. Auf der einen Seite der leutselige Parteichef, der mit Funktionären um die Häuser zog, auf der anderen Seite der unnahbare Kickl, der das Rampenlicht mied, lieber sportelte und kletterte. Gemeinsam funktionierte das ungleiche Team.

Der einstige Philosophiestudent wuchs immer mehr in die Rolle des inhaltlichen Architekten der Partei. In jener Zeit, ab 2006, war Kickl auch Abgeordneter zum Nationalrat, Sozialsprecher und durchaus ein Vertreter eines starken Staates, freilich mit unbedingtem Vorrang für österreichische Staatsbürger. Der Anti-Ausländerkurs der FPÖ blieb unter Kickl/Strache bestehen, wurde rhetorisch noch schärfer, für eine dezidiert liberale Wirtschaftspolitik standen die Freiheitlichen aber nicht mehr.

Als wortgewaltiger Oppositionspolitiker gehörte Kickl nicht zu jenen, die sich mit Begeisterung in die türkis-blaue Regierung stürzten. Das Misstrauen gegenüber der ÖVP war bei ihm bereits damals ausgeprägt. Ihm wurden eher bessere Kontakte zu Gewerkschaft und Sozialdemokratie nachgesagt, jedenfalls aber eine größere inhaltliche Nähe.

Auch dem Ministeramt soll er erst zögerlich zugestimmt haben, dann aber lebte er als Innenminister regelrecht auf, genoss auch sichtlich diese Rolle und die größere öffentliche Präsenz. Wobei er als Innenminister unter Türkis-Blau stets ein Konfliktfall war, vor allem nach der Razzia im Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung. Kickl fügte sich nicht ins harmonische Bild, das die türkis-blaue Regierung nach außen hin zeichnete. Tatsächlich war Kickl eine ständige Belastung für die erste Regierung unter Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Eine Neuauflage schloss der nunmehrige Klubobmann gleich bei seiner Antritts-Pressekonferenz aus. Mit Kurz nie mehr. Punkt. Umgekehrt dürfte die Lust der Volkspartei auf eine Zusammenarbeit mit einer Kickl-FPÖ auch überschaubar sein. Die FPÖ sieht Kickl als "Schlüsselspieler im System dieser Republik". Ein solcher war er selbst auch lange für die Partei - direkt aus der parteieigenen Nachwuchsakademie. Nun übernimmt er das Teamchefamt.