Jugendliche haben ein Recht darauf, an einer Spezialstation für Kinder und Jugendliche behandelt zu werden. Das lässt sich nicht nur aus der UN-Kinderrechtskonvention, sondern auch aus der Patientencharta ableiten. Deren Behandlung zum Beispiel an einer Fachabteilung für Jugendpsychiatrie ist auch ein Recht der Jugendlichen laut Unterbringungsgesetz. Die Praxis sieht allerdings ganz anders aus.

In der Zwei-Millionen-Stadt Wien mit rund 330.000 unter 18-Jährigen gibt es nur sechs Kassenordinationen für die Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie rund 15 Wahlärzte. Das Honorar für einen Privatarztbesuch liegt bei etwa 130 Euro und wird meist nicht zur Gänze rückerstattet. Aus diesem Grund werden die akut psychisch erkrankten Jugendlichen oft stationär untergebracht. Weil adäquate Behandlungsplätze aber auch hier fehlen, landen viele in der Erwachsenenpsychiatrie und werden - aufgrund der begrenzten Bettenanzahl - mitunter frühzeitig entlassen. "Wir sehen diese Jugendlichen im schlimmsten Fall am gleichen Tag nach einem Suizidversuch wieder", sagt dazu Rita Gänsbacher, die Bereichsleiterin der Patientenanwaltschaft für Wien und Niederösterreich-Ost ist. Eng mit psychisch erkrankten Erwachsenen konfrontiert zu werden, könne extrem belastend für junge Menschen sein.

Ein Drittel der Ärzte ist älter als 55 Jahre

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist nur ein Beispiel für das große Ganze, die Problematik dahinter ist komplex. Nicht nur in dieser, sondern in der gesamten Ärzteschaft fehlen laut Österreichischer Ärztekammer Kassenärzte - und zwar nicht, weil es zu wenige Kassenstellen gibt, sondern, weil diese zu unattraktiv sind, um von Jungärzten besetzt zu werden. Aufgrund zahlreicher Pensionierungen in naher Zukunft werde sich dieser Mangel weiter vertiefen, sagte Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres am Mittwoch bei der Präsentation der Ärztestatistik. Ein Drittel der Ärzte sei über 55 Jahre alt, und etwa die Hälfte werde in den kommenden zehn Jahren in Pension gehen. Und das, während die Gesellschaft immer älter wird und dadurch der Bedarf an medizinischer Versorgung auch noch steigt.

Aktuell sei es allerdings so, dass der errechnete Nachbesetzungsbedarf nicht erfüllt werden könne, so Szekeres. Das bedeutet konkret: "Kassenstellen werden heute 10 Mal, 20 oder gar über 40 Mal erfolglos ausgeschrieben." Vor allem in der Allgemeinmedizin, der Kinder- und Jugendheilkunde und in der Gynäkologie seien diese Lücken besonders groß. Laut dem Dachverband der Sozialversicherungsträger gibt es aktuell rund 8.000 Kassenstellen für Ärzte. Etwa 130, vor allem in Randgebieten, seien unbesetzt.

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Durchschnittlich 11 Euro pro Patient und Quartal

Der Mangel liegt allerdings nicht in der Anzahl der Medizinstudentinnen und -studenten begründet. Diese liegt laut Statistik Austria bei rund 13.700, etwa 1.400 pro Jahr schließen das Studium ab. Das wären grundsätzlich genug, um die Pensionierungen zu ersetzen - viele bleiben jedoch nicht im Land. Für das Medizinstudium gilt zwar seit 2006 eine Quotenregelung, wonach 75 Prozent der Plätze für Human- und Zahnmedizin für österreichische Maturanten reserviert sind, 40 Prozent der Sudenten gehen aber laut Szekeres nach der Ausbildung ins Ausland. Vor allem Deutschland und die Schweiz seien verlockend.

Das spricht zwar für die Qualität der Ausbildung, nicht aber für die Attraktivität des Arztberufs an sich. Zu Ersterer: Seit 2015 gibt es eine neue Ärzte-Ausbildungsordnung: Demnach ist zum Beispiel seit Mitte 2018 die Lehrpraxis für angehende Allgemeinmediziner verpflichtend, was bedeutet, dass diese nach der 27-monatigen Spitalspraxis ein halbes Jahr in einer allgemeinmedizinischen Praxis mitarbeiten müssen. Diese Ausbildung kostet die öffentliche Hand pro Student rund 450.000 Euro, so Ärztekammer-Vizepräsident Harald Mayer. Bei rund 540 Absolventen, die pro Jahr ins Ausland gehen, sind das 240 Millionen Euro.

Geld ist vermutlich zu einem wesentlichen Teil auch das Thema, wenn es um die Attraktivität des Arztberufs in Österreich geht. Einem Allgemeinmediziner mit Kassenstelle etwa bleiben laut Bernhard Salzer von der Ärztekammer Wien durchschnittlich 11 Euro pro Patient und Quartal. "Da kann er nur noch so viele Patienten wie möglich behandeln", sagt er. Der Betrag, den er von der Kasse bekomme, liege zwar bei durchschnittlich 50 bis 55 Euro pro Patient und Quartal. Diese müsse er jedoch versteuern und das Personal, die Miete und den Strom bezahlen, woraus sich besagte 11 Euro errechnen. Nicht wirklich attraktiv dürfte vor allem auch die Honorierung der Kinderärzte sein. "Mit Beratung und Gesprächen wird man nicht reich und berühmt", sagt dazu Daniela Karall vom Uniklinikum Innsbruck und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. Für die reine Beratung gebe es höchstens 20 Euro pro Quartal, "egal, wie oft das Kind in der Ordination war".

Die Gesundheitsversorgung an sich sei grundsätzlich aber nach wie vor gewährleistet, sagt Salzer zur "Wiener Zeitung". Denn während die Anzahl der Kassenärzte schrumpft, steige jene der Wahlärzte an. Das Problem dabei: Eine Zwei-Klassen-Medizin entsteht.

Flexiblere Arbeitszeitmodelle und Elternteilzeit immer beliebter

"Die Bundesregierung schläft" dabei, kritisiert SPÖ-Bildungssprecher Philip Kucher. Er fordert wie auch die Kärntner Gesundheitsreferentin Beate Prettner (SPÖ) eine deutliche Erhöhung der Medizinstudienplätze, immerhin werden derzeit neun von zehn Bewerbern abgewiesen. Außerdem brauche es Stipendiensysteme, um dem Mangel an Landärzten und Kassenärzten zu begegnen.

Derzeit gibt es laut Ärztekammer rund 47.700 Ärztinnen und Ärzte in Österreich, davon sind rund 26.400 Fachärzte, 13.100 Allgemeinmediziner und 8.000 Turnusärzte. 48,5 Prozent der Ärzteschaft sind Frauen. Die Anzahl der Vollzeitäquivalente sei allerdings mit fast 40.400 niedrig. Flexiblere Arbeitszeitmodelle, Elternteilzeit oder eine Kombination aus Ordination und Spitalstätigkeit würden immer beliebter. Entsprechend wichtig wäre es daher laut Szekeres, den Arztberuf so zu gestalten, dass er mit dem Familienleben vereinbar wird - etwa durch das Teilen von Kassenverträgen.

Erschwerend komme jene Gesetzesnovelle hinzu, mit der die Verantwortung für die Ärzteausbildung zu den Ländern wandert, meinte der Ärztekammer-Präsident. Er fürchtet nun auch um die Qualität der Ausbildung.