Sebastian Kurz ist überrascht. "Ich hätte einen Anstieg der Ansteckungszahlen im Juni erwartet", sagte der Bundeskanzler. Stattdessen fällt die Corona-Inzidenz weiter, trotz Öffnungen. "Aber natürlich ist davon auszugehen, dass sie wieder steigen wird. Das kann im Sommer sein, sicher aber dann im Herbst", sagte Kurz nach dem Ministerrat am Mittwoch. Und dann? Dann wird wohl nicht mehr viel passieren.

Kurz erklärte, dass Grundrechtseingriffe angemessen sein müssen, die Lockdowns aus einem Mangel an Alternativen heraus verhängt wurden. "Mittlerweile gibt es die FFP2-Maske, Tests und die Impfung. Ich würde es als falsch erachten, wenn man jetzt noch massive Einschränkungen durchführt, obwohl die nicht notwendig sind", sagte Kurz.

Mückstein geht von "sicherem Herbst" aus

Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) geht von einem "sicheren Herbst" aus, wie er sagte. Er verstünde die Sorge wegen der Ausbreitung der Delta-Variante, "natürlich ist die Pandemie nicht vorbei", die Lösung sei aber nicht zusperren, sondern "dass wir uns alle an die Regeln halten". Mückstein erwähnte die Maske, die Registrierungen in der Gastronomie und die "3G"-Regel.

Dass die Delta-Variante auch in Österreich schon bald vorherrschend sein wird, gilt als sicher. In Wien dürfte sie bereits etwa fast jede zweite Infektion ausmachen. Allerdings gab es zuletzt eben nur zwischen 35 und 65 neue Infektionen in Wien pro Tag. Ein Anstieg, so Kurz, müsse sich nicht sofort in den Spitälern widderspiegeln, da ältere Menschen eine sehr hohe Impfrate hätten und es dadurch - "hoffentlich" - nicht zu einer Überforderung des Gesundheitssystems kommt.

Obwohl die neue Variante auch krankmachender sein dürfte und Experten für den Herbst auch wieder hohe Infektionszahlen erwarten, muss es deshalb noch nicht zu einer ähnlich prekären Lage durch Covid-19 auf den Intensivstationen kommen wie im November 2020. Das ist zumindest die Hoffnung, dass sich also die Impfung auch bei Betagten als sehr wirksam zumindest gegen schwere Verläufe erweist. Und darauf deutet auch bisher viel hin.

Es ist allerdings zu erwarten, dass die Influenza, die durch die Lockdowns in Europa im letzten Winter gar keine Rolle gespielt hat, wiederkehren wird. Und sie könnte, gerade weil das Niveau an Immunität in der Bevölkerung gesunken ist, auch etwas heftiger ausfallen. Da es bei stärkeren Grippewellen auch bisher schon immer wieder zu kurzfristigen Überlastungen in den Spitälern gekommen ist, Stichwort: "Gangbetten", muss die Covid-Lage im kommenden Winter mit dem Infektionsgeschehen anderer respiratorischer Infekte gemeinsam betrachtet werden. Anders formuliert: Kommt es zu vielen Influenza-Erkrankungen, verträgt das Gesundheitssystem weniger Covid-Patienten.(sir)