Die Pandemie kam um circa zwei Jahre zu früh. Wer weiß, wie das Corona-Management ausgesehen hätte, wäre das "Austrian Micro Data Center" schon in Betrieb gewesen. Wäre der gesellschaftliche Schaden kleiner gewesen? "Covid hat uns gelehrt, dass es notwendig ist, schneller zu sein", sagt Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP).

Bei diesem "Data Center" handelt es sich um einen geschützten Datenraum für die Forschung. Dieser soll bei der Statistik Austria eingerichtet werden und mit sogenannten Registerdaten befüllt werden. Zahlreiche öffentliche Stellen und Gebietskörperschaften erheben unterschiedliche Daten, darunter Meldedaten, Bildungsdaten, Gesundheitsdaten, Erwerbsdaten, viele dieser Daten tauchen in Zeitungen als Statistiken auf, aber eben isoliert. Der wahre Schatz ist die Verschränkung dieser Registerdaten. Das ist bisher nicht möglich.

Das Bildungsministerium wird nach etwa einem Jahr Verhandlungen mit dem grünen Koalitionspartner und einer doch komplexen legistischen Ausarbeitung einen Entwurf in Begutachtung schicken, mit dem das Bundesstatistikgesetz und das Forschungsorganisationsgesetz geändert werden und damit Registerforschung auch in Österreich ermöglicht werden sollen. In Dänemark, Finnland oder Norwegen ist das bereits seit Jahren der Fall.

Welche Rolle dies im Corona-Management dieser Länder spielte, ist schwierig zu taxieren. All diese Länder hatten aber jedenfalls einen nachweislich geringeren Schaden in der Pandemie erlitten, weniger Tote, weniger Infizierte, gleichzeitig hatten sie aber auch weniger scharfe Maßnahmen. Der "Stringency-Index", bei dem verschiedene Maßnahmen, wie etwa Reisebeschränkungen und Schulschließungen, zusammengefasst und bewertet werden, weist Österreich mehr und längere Einschränkungen als die nordischen Länder aus.

Es ist nachliegend, dass es dafür multiple Ursachen gibt, in Dänemark hatte man aber durch die Registerdaten einen frühen und tieferen Einblick in das Infektionsgeschehen. Welche Berufsgruppen infizieren sich häufiger? Wer erkrankt schwerer? Mit welchen Vorerkrankungen? Wer testet sich regelmäßig, wer nicht? Österreich war stets auf Erkenntnisse anderer Länder angewiesen, doch es dauert immer, bis diese Studien publiziert sind. Ein rasches Gegensteuern ist nicht mehr möglich. Auch heute ist kaum bekannt, in welchen Gruppen der Bevölkerung die Impfbereitschaft geringer ist. Wüsste man es, könnte man in Befragungen ergründen warum und entsprechend aufklären und Rahmenbedingungen anpassen.

Datenschutz durch Hürden bei Zugang gewahrt

Nicht nur für das Pandemiemanagement ist die Registerforschung potenziell bedeutsam. Und auch nicht nur für die Wissenschaft selbst. Die Politik könnte mit Erkenntnissen der Registerforschung die Wirksamkeit von Anreizen und Förderungen viel präziser evaluieren- wenn sie dies wollte, sei vielleicht ergänzt.

In der Verschränkung der diversen Datensätze liegt aber nicht nur ein Schatz, sondern auch eine potenzielle Gefahr. Wie viel soll der Staat über die Bevölkerung überhaupt wissen? Welche Erkenntnisse, die aus der Vernetzung der Register gewonnen werden könnten, sind ethisch nicht zu vertreten? Und wird dadurch der Datenschutz umgangen, weil durch das Runterbrechen auf sehr feinziselierte Daten Rückschlüsse auf Einzelpersonen getroffen werden können?

Faßmann ist "froh", wie er sagt, "dass wir einige Barrieren eingeführt haben". Das heißt, die Register werden bei der Statistik Austria gebündelt und verbleiben auch dort. "Sie verlassen nicht unser Haus", sagt der Generaldirektor der Statistikbehörde, Tobias Thomas. Zugriff erhalten nur Forschungseinrichtungen, vor allem universitäre. Etliche sind in dem Entwurf, der am Wochenende in Begutachtung gehen wird, explizit angeführt. Wer nicht inkludiert wurde, hat die Möglichkeit, sich für ein Forschungsprojekt zu akkreditieren. Die wissenschaftlichen Abteilungen von Interessensverbänden, etwa der Wirtschafts- und der Arbeiterkammer sind (vorerst) nicht inkludiert. Faßmann schließt eine nachträgliche Aufnahme nicht aus. Allerdings ist eine ergebnisoffene und weisungsfreie Forschung ein Kriterium. Es muss sich auch um Grundlagenforschung handeln.

Die akkreditierten Institute erhalten aber auch keinen Dauerzugang. Sie müssen vielmehr mit einem konkreten Projekt vorstellig werden. Wenn die im Gesetz dann angeführten Kriterien erfüllt sind, erhalten sie einen Fernzugriff auf die verschlüsselten Microdaten, die auf Servern der Statistik Austria liegen. Dann können die Forscher ihre Berechnung anstellen, ehe eine weitere Hürde vor der Publikation zu nehmen ist. Denn die Statistik Austria blickt noch einmal auf die Ergebnisse, um zu verhindern, dass es durch die Verschränkung von Daten zu einer De-Anonymisierung kommt. "Die Statistik Austria soll ruhig aufpassen", sagt Faßmann.

Ministerien entscheiden über Registerfreigabe

Die Plattform Registerforschung, die seit Jahren die Schaffung eines solchen Datencenters fordert, war in der Werdung eingebunden. Harald Oberhofer, Ökonom an der WU Wien und einer der Sprecher der Plattform zeigte sich zufrieden mit dem Plan.

Welche Register in das "Austrian Micro Data Center" aufgenommen werden, ist von den zuständigen Ministerinnen und Ministern per Verordnung zu entscheiden. Auch das birgt potenziell Konfliktpotenzial. Realpolitisch wird es aber nicht so einfach sein, die Herausgabe zu verweigern. Faßmann verweist darauf, dass die Erhebung der Daten mit Steuergeld bezahlt und deren Verwendung dann auch der Allgemeinheit Nutzen bieten könne.

Das Wissenschaftsministerium finanziert das Datencenter mit 490.000 Euro jährlich. Zusätzlich wird ein großes Projekt für eine lang laufende Haushaltsstudie der Statistik Austria finanziert. Große sozioökonomische Panels, bei denen viele Haushalte über einen sehr langen Zeitraum immer wieder befragt werden und dadurch gesellschaftliche Veränderung besser beforscht werden können, gibt es auch in anderen Ländern schon seit geraumer Zeit. Nun bald auch in Österreich. Die geplanten gesetzlichen Änderungen betreffen allerdings nur die Registerforschung. Die Begutachtung wird sechs Wochen dauern, nach dem Beschluss im Nationalrat soll es höchstens ein weiteres Jahr dauern, bis das Center betriebsbereit ist. (sir)