Die möglichen Auswirkungen der Coronakrise auf den Bildungsbereich haben zwar die öffentlichen Debatten in dieser Pandemie stets begleitet, wissenschaftliche Literatur gibt es kaum. Eine Auswertung des Instituts für Höhere Studien (IHS) bestätigt aber einige Befürchtungen. Vor allem bei benachteiligten Schülern deuten vorläufige Daten und größere Befragungen beim Lehrpersonal auf Kompetenzverlust und auf mehr Bildungsabbrüche hin.

Laut Autor Mario Steiner handelt es sich um "erste Evidenzen", die jedoch "durchaus gravierende Auswirkungen" der Schulschließungen auf die Bildungslaufbahn erkennen lassen. Österreich gehört mit Italien, Israel und Slowenien zu jenen Ländern, die in der Pandemie vergleichsweise viele Schießtage an Schulen hatte. Die OECD zählt für Österreich mehr als 80 Schließtage, Deutschland, Dänemark, Norwegen, Belgien nur zwischen 20 und 30.

Distanzunterricht bleibt nicht ohne Folgen


Eine abschließende Analyse wird erst mit dem Vorliegen der offiziellen Schulstatistik Mitte des kommenden Jahres möglich sein. "Aber man kann sich herantasten auf Basis einzelner Datenkörper", sagt Steiner, der aus diesen ersten Daten schließt: "Der Distanzunterricht bleibt nicht ohne Folgen." Das IHS hat unter anderem die Entwicklung der Neueintritte bei den Lehrlingen und die Übergänge von der Mittelschule/AHS-Unterstufe in die Bundesschulen der Sekundarstufe II (Berufsbildende mittlere und höhere Schulen/BMHS, AHS-Oberstufe) analysiert.

Die Zahl der Neueintritte in die betriebliche Lehre ist laut Steiners Berechnungen seit der Pandemie kontinuierlich gesunken, zwischen Juni 2019 und Juni 2021 gab es demnach einen Rückgang um 8,4 Prozent (der Vergleichszeitraum ist auf Datenprobleme bei der Lehrlingsstatistik zurückzuführen). "Das ist schon ordentlich." Im selben Zeitraum ist diese Zahl bei der Überbetrieblichen Lehre, die als Sicherheitsnetz für jene dient, die keine Lehrstelle in einem Unternehmen finden, um 39,1 Prozent gestiegen. Insgesamt haben aber 570 Jugendliche weniger eine Lehre begonnen. "Es besteht also die Gefahr, dass ein Teil davon zu frühen Bildungsabbrechern geworden ist."

3.800 Jugendliche bildungsmäßig "unversorgt"


Auch bei den Übertritten in die Sekundarstufe II ortet Steiner "deutliche Corona-Auswirkungen": Hier zeigen die Daten des Bildungsministeriums für die Schulorganisation zwischen den Schuljahren 2019/20 und 2020/21 ebenfalls ein Minus bei den Neueinsteigern in die BHS (minus 2,4 Prozent), die AHS-Oberstufen (minus 4,2 Prozent) und am stärksten ausgeprägt bei den BMS (minus 7,1 Prozent). Burschen waren dabei stärker betroffen als junge Frauen. Die Daten weisen außerdem darauf hin, dass die mittleren Schulen und damit benachteiligte Jugendliche stärker betroffen sein könnten. "Aber hier ist die Datenlage noch löchrig." Weiteres interessantes Detail: In den höheren Schulstufen gab es gleichzeitig weniger Abbrüche als üblich, was laut Steiner möglicherweise an geringerer Selektivität in Zeiten der Coronapandemie liegen könnte.

Berücksichtigt man, dass die Zahl der 15-Jährigen gestiegen ist, sind nach Steiners Berechnungen damit insgesamt rund 3.800 Jugendliche "unversorgt". Damit wisse man bei 4,5 Prozent der Kohorte nicht, wo sie sich momentan befinden. Diese Jugendlichen könnten sich in AMS-Schulungen oder in SMS-Schulungen (des Sozialministeriumsservice) befinden, wodurch sie immerhin noch Anschluss an das System hätten. "Sie können aber auch ihre Bildungslaufbahn abgebrochen haben", so Steiner.

Ernüchternd fallen auch die Ergebnisse der Lehrerbefragung zum Fernunterricht im ersten und zweiten Lockdown (Mai bzw. Ende November/Anfang Dezember 2020) an Mittelschulen und AHS-Unterstufen aus, die in der Studie referiert werden: Aus Sicht der Pädagogen hat der Fernunterricht insgesamt zu Kompetenzverlusten bei den Schülerinnen und Schülern geführt, diese Ergebnisse sieht Steiner auch durch internationale Kompetenzerhebungen bestätigt. Besonders stark habe es jene Jugendlichen getroffen, die nach Einschätzung ihrer Lehrer daheim wenig Lernunterstützung bekommen oder etwa bei der technischen Ausstattung benachteiligt sind. Die in Österreich ohnehin schon großen sozialen Unterschiede seien durch Corona noch einmal deutlich gewachsen, konstatiert der Forscher, im zweiten Lockdown Ende 2020 habe sich die Situation noch einmal verschärft. (apa)