Als Hussein Z. 2008 nach Österreich kam, "war das für mich ein Moment, an dem ich mich wie neu geboren gefühlt habe". Er wollte sich eine neue Zukunft aufbauen, "die Sprache erlernen, eine Ausbildung, einen Job finden". Es gelang. 2012 startete der heute 33-Jährige eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann im Bereich der Telekommunikation, schloss sie erfolgreich ab und arbeitet noch heute, fast zehn Jahre später, in dem Betrieb. Parallel macht er derzeit die Matura und renoviert seine Wohnung. Seit drei Jahren ist er österreichischer Staatsbürger. "Man muss natürlich hartnäckig dahinter sein. Es ist nicht einfach, aber alles machbar."

Die heute 28-jährige Elham Bahrami, ebenfalls afghanische Staatsbürgerin, kam 2014 mit ihren Eltern aus dem Iran nach Österreich, ihr Bruder war bereits davor geflüchtet. "Dass ich in Österreich alleine ohne schlechtes Gefühl nach draußen gehen kann, auch am Abend, ohne das einem etwas passiert, habe ich sofort gespürt." Sowohl im Iran als auch in Afghanistan sei es nicht einfach, sich einfach alleine in der Gesellschaft zu bewegen.

Dass Frauen in Österreich mehr Freiheiten und Rechte haben, wusste Bahrami bereits vor der Flucht, "davon habe ich gelesen". Sie wusste es zu nutzen. Sie absolvierte ein Semester Physik und Mathematik im Vorstudium, studiert nun an der TU Wien Wirtschaftsingenieurwesen und Maschinenbau als ordentliche Studentin. Obwohl sie im August ein Baby bekommt, plant sie, ihre Bachelorarbeit im Herbst abzuschließen, und "hoffentlich ein Teilzeitpraktikum und den Master zu machen".

Hussein Z. und Elham Bahrami sind zwei von insgesamt 44.002 Menschen, die mit afghanischer Staatsbürgerschaft in Österreich leben. Beide unterstützen im Verein "Neuer Start" seit Jahren Neuankömmlinge, um sie auch mit ihren Erfahrungen zu unterstützen. Ein großer Teil kam mit der großen Flüchtlingsbewegung 2015 und 2016 ins Land. 2015 stellten 25.563, 2016 weitere 11.794 Menschen aus Afghanistan Asylanträge. Der Blick in die wenigen Daten zeigt, dass die Integration für viele aus der afghanischen Community oft schwierig ist - und die Pandemie für Rückschläge gesorgt hat.

Keine genauen Daten über den Aufenthaltsstatus

Obwohl der Aufenthaltsstatus für die Betroffenen selbst enorm wichtig ist - schließlich hängt vom Titel die Möglichkeit zur Arbeit ab - kann das Innenministerium (BMI) keine Gesamtübersicht des fremdenrechtlichen Status aller afghanischen Staatsbürger in Österreich liefern. Die Niederlassungs- und Aufenthaltsstatistik des BMI zeigt, dass im Vorjahr 4.117 mit afghanischer Staatsbürgerschaft einen Aufenthaltstitel als Drittstaatsangehörige haben.

Die Asylstatistik gibt aber nur Auskunft darüber, dass 2020 3.137 neue Asylanträge von Menschen aus Afghanistan gestellt wurden, 2.875 Asylanträge positiv beschieden wurden. 1.198 erhielten vergangenes Jahr subsidiären Schutz für einen befristeten Aufenthalt, 501 einen Titel aus berücksichtigungswürdigen humanitären Gründen. 6.473 Verfahren laufen noch. Auch dass es 3.048 negative Asylbescheide gab, ist vermerkt, wie viele Asylberechtigte, Asylwerber aus Afghanistan insgesamt in Österreich leben aber nicht. Klar ist, dass der Status legal ist, sonst wären sie nicht von der Statistik Austria erfasst.

"Da gibt es eine Datenlücke", stellt deshalb auch Judith Kohlenberger, Migrationsforscherin an der WU Wien, fest. "Das ist ein riesiges Problem. Wir reden über kleinteilige Integrationsfragen und die große Frage können wir nicht beantworten." Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Österreich geht davon aus, dass Menschen in Österreich mit dem Status Flüchtling circa zehn Jahre im Land leben und kommt Ende 2020 auf rund 40.100 Asylberechtigte und mit subsidiärem Schutz.

Kohlenberger vermutet, dass die Gruppe mit subsidiärem Schutz unter afghanischen Männern größer ist als in anderen Flüchtlingsgruppen. "Den vollen Asylstatus erhalten afghanische Frauen noch eher als Männer." Zwar haben beide Gruppen, anders als Asylwerber, einen Zugang zum Arbeitsmarkt. Während Asylberechtigte aber Personen mit österreichischer Staatsbürgerschaft weitgehend gleichgestellt sind, haben jen e mit subsidiärem Schutz deutlich weniger Rechte: Unter anderem "erhalten sie ohne Arbeit nur Sozialhilfe in Höhe der Grundversorgung, außerdem als Arbeitende weniger Familienleistungen, zum Beispiel kein Kinderbetreuungsgeld oder Karenzgeld", erklärt die Sprecherin des UNHCR Österreich.

Im statistischen Jahrbuch über "Migration & Integration 2021" ist über die Menschen mit afghanischer Staatsbürgerschaft darüber hinaus noch lesen, dass im Vorjahr 1.500 aus Afghanistan zu- und 1.335 weggezogen sind. Vermerkt ist auch, dass die Anerkennungsquote bei Asylverfahren mit 44 Prozent deutlich geringer als bei Menschen aus Syrien mit 79 Prozent. Und von den Menschen, die zwischen 2011 und 2015 aus Afghanistan nach Österreich kamen, seien 77 Prozent noch im Land.

Gute Integration auf dem Arbeitsmarkt

Von den 42.150 Personen mit Geburtsland Afghanistan sind zwei Drittel männlich, 55 Prozent sind zwischen 18 und 34 Jahre alt. Bei Menschen, die in Österreich geboren worden sind, sind 49 Prozent männlich und nur 20 Prozent in diesem Alter (18-34 Jahre). Bei über 50-Jährigen sind Afghanen mit nur 8 Prozent im Vergleich zu 43 Prozent der in Österreich geborenen deutlich unterrepräsentiert.

Der Blick auf das Leben in Österreich ist sehr positiv. Laut Umfrage für das statistische Jahrbuch verbesserte sich die Lebenslage von 88 Prozent der Personen aus Afghanistan in Österreich. Der Kompetenzcheck des AMS unter Flüchtlingen zeigte 2017, dass die Voraussetzungen nicht einfach waren: Während 62 Prozent der Flüchtlinge aus Syrien eine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung hatten, waren es bei jenen aus Afghanistan nur 20 Prozent. 30 Prozent hatten nur den Pflichtschulabschluss, ein Viertel die Grundschule, weitere 25 Prozent überhaupt keine formale Schulbildung.

Ein Bericht des "International Centre for Migration Policy Development" (ICMPD) aus 2020 zeigt, dass sich die nach Österreich geflüchteten mit besseren Deutschkenntnissen nach zwei bis drei Jahren gut am Arbeitsmarkt integrieren konnten. 2018 lag die Erwerbsquote mit 77 Prozent gleichauf mit der nationalen. Das damit erzielte Einkommen war aber nicht hoch: "Das mittlere monatliche Bruttoeinkommen der männlichen Geflüchteten lag allerdings bei 1.400 Euro im Monat, bei Frauen mit 720 Euro im Monat deutlich niedriger." Und der Anteil an Arbeitssuchen war mit 42 Prozent bei geflüchteten Männern und 47 Prozent der Frauen hoch.

Den kontinuierlichen Anstieg bei den Beschäftigten erklärt Kohlenberger damit, dass sich Flüchtlinge aus Afghanistan im Vergleich zu jenen aus Syrien "wesentlich leichter getan haben, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen". Sie sind jünger. Ein zweiter Grund war "die eigenen Erwartungshaltung. Manche machten eine Lehre, andere nahmen aber, sobald es ihr Status erlaubt hat, Arbeit als Hilfsarbeiter oder Erntehelfer an, was allerdings prekäre Jobs sind."

Pandemie sorgte für Rückschläge

Die Wirtschaftskrise belastete auch Menschen aus Afghanistan, wie die Arbeitsmarktstatistik zeigt. Die Anzahl der unselbstständigen Beschäftigten stieg laut AMS zwar 2020 im Vergleich zum Jahr davor von 10.864 auf 11.527 an. Der Anstieg war aber mit 6,1 Prozent weit geringer als in den Jahren davor, da lag er bei 30 Prozent und darüber. Zugleich stieg 2020 auch die Arbeitslosigkeit wieder von davor 4.260 auf 6.272 Arbeitssuchende und eine Arbeitslosenquote von 35,2 Prozent.

Das sei einerseits ein branchenspezifisches Problem, erklärt Kohlenberger: "In den besonders pandemiebetroffenen Branchen wie Gastronomie oder Hotellerie sind jene mit afghanischer Herkunft überrepräsentiert." Mit der Last-In-First-Out-Praxis verlieren jene mit der kürzesten Betriebszugehörigkeit als erste wieder ihre Arbeit. "Und natürlich sind die Jobs, für die ich keine oder eine geringe Ausbildung brauche, in Wirtschaftskrisen besonders schnell weg. Eine gute Ausbildung ist also für eine nachhaltige Arbeitsmarktintegration wichtig", sagt Kohlenberger. Jugendliche mit Fluchthintergrund fassen in Österreich außerdem schwerer im Ausbildungssystem Fuß.

Schwieriger in Ausbildung zu gelangen

Bei den 15- bis 19-Jährigen in Ausbildung differenziert das statistische Jahrbuch nicht zwischen jenen aus Afghanistan, aus Syrien und dem Irak. Insgesamt sind von ihnen 43 Prozent in diesem Alter noch in Ausbildung. Unter den Österreicherinnen und Österreichern aber 81 Prozent. Den Bildungsgrad, den sie damit erreichen können, ist geringer. Fast zwei Drittel der Jugendlichen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak sind in einer Lehre; bei jenen aus Österreich etwas mehr als ein Drittel. Nur 20 Prozent aus den drei Herkunftsländern haben es in AHS-Oberstufen oder eine BHS geschafft, aber 52 Prozent aus Österreich in diesem Alter.

Genaueres liefert die Statistik Austria zur Anzahl der Studierenden: Unter den insgesamt 76.309 ausländischen ordentlichen Studierenden an öffentlichen Universitäten gab es im Wintersemester 2019/20 178 aus Afghanistan. Weitere 43 studierten an Fachhochschulen, 9 an Privatunis.

Elham Bahrami ist als Studentin also eine Ausnahme. Sie ist das lebende Beispiel dafür, dass aber auch afghanische Frauen hier in Österreich studieren. "Ich hoffe, dass das auch für Frauen aus Afghanistan ein Beispiel ist, sich hier ein besseres Leben in der österreichischen Gesellschaft aufzubauen", sagt sie. Hussein Z richtet sich an die afghanische Community: "Wir müssen uns nicht als Afghanen bezeichnen, sondern als Menschen, die weiterhin engagiert und fleißig an ihrer Zukunft arbeiten". Der Verein "Neuer Start" unterstützt dabei übrigens.