Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hat am Dienstagnachmittag einer Holocaust-Überlebenden und fünf Nachkommen von NS-Opfern in New York die österreichische Staatsbürgerschaft überreicht. "Es ist eine Ehre, dass Sie hier sind. Danke, dass Sie bereit sind, die österreichische Staatsbürgerschaft anzunehmen", sagte Kurz bei einer kurzen Zeremonie am österreichischen Generalkonsulat in der Ostküstenmetropole.

Sprache von Goethe und Schiller behalten

Den im Einbürgerungsverfahren vorgeschriebenen Deutsch-Test hätte von den sechs Personen wohl nur die 93-jährige Anwältin Evelyn Konrad bestanden, dafür aber mit Bravour. Die Tochter des Fußballtrainers Jenö Konrad berichtete den Journalisten in schönstem Wienerisch, wie sie mit elf Jahren über Lissabon in die USA flüchten musste. Das Schiff habe damals zwei Tage lang darauf warten müssen, in den Hafen von New York eingelassen zu werden, sagte die agile Seniorin im Gespräch mit der APA. Viele Geflüchtete hätten damals in den USA "kein Wort Deutsch" sprechen wollen. Sie selbst habe sich aber immer gedacht: "Das ist die Sprache von Goethe, von Heine, von Schiller."

Apfelstrudel und Tafelspitz

Sichtlich bewegt war auch der 58-jährige Norman Ross. "Es ist freudig, aber auch traurig, dass meine Mutter nicht hier ist, aber ich spüre ihre Anwesenheit in diesem Raum", sagte der Sohn einer mit 19 Jahren aus Österreich geflüchteten Frau. Sie habe es erst im Jahr 2003 geschafft, erstmals wieder ihre alte Heimat zu besuchen. Dabei habe man im Brooklyn die Erinnerung an Österreich hochgehalten ."Wir hatten ein Bild des Kaisers, bei uns gab es Tafelspitz und Apfelstrudel. Meine Mutter wäre am liebsten ihr Leben lang in Österreich geblieben, aber dann haben die Nazis sie vertrieben", so Ross.

Historische Verantwortung

   Kurz begründete die Staatsbürgerschaftsvergabe mit der historischen Verantwortung Österreichs für seine Geschichte. "Wir können nicht ungeschehen machen, welche Verbrechen begangen wurden", sagte er mit Blick auf die NS-Zeit. Österreich könne aber heute alle Formen von Antisemitismus bekämpfen, ein verlässlicher Partner für Israel sein und jüdisches Leben schützen, sagte der Kanzler, ehe er die Staatsbürgerschaftsbescheide überreichte.

Die Rechtslage sichert österreichischen Staatsbürgern oder jenen eines Nachfolgestaates der Monarchie, die vor dem 15. Mai 1955  vor dem NS-Regime geflohen sind, die Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft zu. Das entsprechende Gesetz wurde im September 2019 mit den Stimmen von ÖVP, SPÖ und FPÖ im Nationalrat beschlossen.