Das Hilfswerk hat am Freitag eine Umsetzung der Pflegereform eingemahnt. Der Start der Reform wurde vor einem Jahr angekündigt. Die Bilanz sei allerdings "ernüchternd", sagte Hilfswerk-Präsident Othmar Karas am Freitag in einer Pressekonferenz.

Einen konkreten Vorschlag präsentierte unterdessen die ÖVP: Klubobmann August Wöginger regte an, pflegenden Angehörigen einen Bonus von 1.500 Euro pro Jahr zu gewähren. Das begrüßten sowohl das Hilfswerk als auch der Gemeindebund.

Bonus für Angehörige als "Anerkennung und Wertschätzung"

Für Karas wäre ein solcher Bonus eine "Anerkennung und Wertschätzung" für die pflegenden Angehörigen. Es brauche dafür aber ein Gesamtkonzept, so der Hilfswerk-Präsident. Auch Gemeindebund-Präsident Alfred Riedl unterstützte den Vorschlag Wögingers. Er verwies in einer Aussendung darauf, dass ein Großteil der Menschen zu Hause gepflegt werden wolle. 

Einjährige Verzögerung

Dass ein Jahr nach der Ankündigung der Regierung nach wie vor kein schlüssiges Gesamtkonzept für eine Pflegereform vorliegt, kritisierte auch Karas in seiner Pressekonferenz. "Die Zeit drängt", sagte Karas, "die Umsetzung kann nicht mehr warten".

Die rund 10.000 Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen wollten keine Ausreden mehr hören für den "Stillstand" hören, "jetzt muss gehandelt werden." Dem schloss sich auch Riedl an: "Die Pflegereform muss jetzt mit viel Hausverstand rasch umgesetzt werden", so der Gemeindebund-Präsident.

Burgenland-Modell pflegender Angehöriger eher unbeliebt

Das vom Burgenland praktizierte Modell einer Anstellung pflegender Angehöriger kommt weder bei der ÖVP noch beim Hilfswerk gut an. Dies sei "zum Großteil eine Augenauswischerei", weil das Pflegegeld sofort wieder hier eingerechnet werde, sagte Wöginger im Ö1-"Morgenjournal". Auch das Hilfswerk ist von dem Modell "nicht überzeugt". Geschäftsführerin Elisabeth Anselm verwies in der Pressekonferenz darauf, dass das Durchschnittsalter der pflegenden Angehörigen bei 62 Jahren liege und daher die Anstellung nur für ein Drittel der Betroffenen relevant sei. Probleme gebe es mit dem Arbeitsrecht, der Qualifikation und der Haftung. Außerdem sei die Bezahlung "unbefriedigend gelöst". Die SPÖ Burgenland wies die Kritik zurück. Laut Klubchef Robert Hergovich würden die Vorteile des Anstellungsmodell "klar überwiegen: Mindestlohn von 1.700 Euro, Sozialversicherung, Urlaubsanspruch, Pensionszeiten, usw."

Bessere Absicherung für Angehörige

Karas verwies darauf, dass zwar das Ziel einer Pflege zu Hause nach wie vor bestünde. Das System entwickle sich jedoch nach der Abschaffung des Pflegeregresses in den Heimen in die Gegenrichtung.

Die häusliche Pflege habe man im Gegensatz dazu nicht attraktiver gemacht. Anselm verwies darauf, dass man mit einer besseren Betreuung zu Hause auch die Kosten senken könnte. Über 35.000 Euro für die stationäre Pflege stehen knapp 4.400 Euro pro Jahr und Person für die Versorgung mit Hauskrankenpflege und Heimhilfe gegenüber. Stationär gepflegt wurden in Österreich 2019 rund 96.000 Personen, mobil etwa 153.000 Personen.

Anselm und Karas forderten deshalb eine bessere sozialrechtliche Absicherung der pflegenden Angehörigen und eine bessere Anrechnung für die Pension. Außerdem müsse man die mehrstündige Tagesbetreuung ausbauen.

Bald Pilotprojekt zu Community Nurses in jedem Bundesland

Ein wichtiger Punkt ist laut Karas auch die Schnittstelle zwischen Spital und dem Leben danach. Hier brauche es ein individuelles Betreuungsangebot, das die pflegenden Angehörigen vom ersten Tag an unterstützt. Hilfsorganisationen wie das Hilfswerk könnten diese Aufgabe übernehmen. Auch die Community Nurses, für die der Nationalrat diese Woche die rechtlichen Grundlagen geschaffen hat, hält Karas dabei für einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung. Das Hilfswerk bietet an, in jedem Bundesland ein Pilotprojekt für Community Nurses zu installieren.

Pflegegelder gerechter einstufen

"Mehr Fairness" fordert das Hilfswerk auch für die Einstufung beim Pflegegeld. Ein großer Teil der zu Hause vorgenommenen Einstufungen sei falsch, weil es hier keine Unterstützung gebe. Anselm beklagte, dass die Förderung der 24-Stunden-Betreuung von 550 Euro seit 2007 nicht mehr erhöht wurde. Somit sei ein realer Verlust von 21 Prozent aufgetreten. Der Forderung nach einer Anstellung der Betreuerinnen steht die Hilfswerk-Geschäftsführerin skeptisch gegenüber, weil dann ein Schichtbetrieb mit mindestens drei Personen nötig wäre. Der Möglichkeit, die Betreuung einer Person zu teilen, steht das Hilfswerk aber offen gegenüber. (apa)