Noch heute begleitet Angst und Ärger die Stimme einer jungen Afghanin, wenn sie über ihre Ehe spricht. Sie will lieber unerkannt bleiben. Zwei Jahre war sie mit einem Afghanen verheiratet, bis sie nahezu zur Scheidung gezwungen wurde. Als junger Teenager war sie mit ihrer Familie aus Afghanistan geflohen, Österreich ist für sie seither zur Heimat geworden. Sie trägt kein Kopftuch, das legte sie schon vor Jahren nach verächtlichen Aussagen von Lehrern im Gymnasium ab. Erfahrungen wie diese waren eine Ausnahme.

Mit den Mitschülern habe es nie Probleme gegeben, sagt sie. In fließendem Deutsch erzählt sie von ihren Erfahrungen mit den Menschen in Österreich, die sie herzlich aufgenommen haben und ihr als Kind die Integration erleichterten. So maturierte die heutige Studentin vor mehr als zehn Jahren in Wien.Die gelungene Integrationsgeschichte bekam tiefe Schrammen, als die Frau für einen Familienbesuch zurück nach Afghanistan reiste. Bekannte ihrer Familie stellten ihr damals einen Mann vor, der auf dem ersten Blick perfekt für sie schien. Schnell verliebten sich die beiden - so zumindest der Schein. Doch nach der Hochzeit, die dafür sorgte, dass auch der Mann nach Österreich kommen konnte, änderte sich das Leben der gut integrierten Frau schlagartig. Mit häuslicher Gewalt und Erniedrigungen wollte der Mann eine Scheidung erzwingen. "Kaum hatte er das Ziel Europa erreicht, war ich ihm egal, und er setzte alles daran, dass die Ehe aufgehoben wurde", erzählt die Frau der "Wiener Zeitung".Der Fall der jungen Frau ist kein trauriger Einzelfall. "Ich kenne 20 Frauen aus meinem Umfeld, denen es so gegangen ist wie mir. Sie lernen beim Verwandten- oder Bekanntenbesuch jemanden kennen, der ihnen die Illusion des Traummanns vorspielt, aber nur auf ein Visum aus ist", sagt die junge Frau. Laut Zahlen der Statistik Austria haben sich in den vergangenen fünf Jahren 156 afghanischen Frauen von ihren afghanischen Ehemännern in Österreich scheiden lassen. Zwangsheirat würde in solchen Fällen, erzählt die Studentin, eine untergeordnete Rolle spielen, vielmehr ist es der Schein, den die Männer mit Charme aufbauen, um die Frauen selbst von einer Hochzeit zu begeistern.

Härteres Gesetz
gewünscht

Die Frau hat nach wie vor Angst, sie glaubt, jedes ihrer Worte könnte ihr große Probleme einbringen. Auf die Frage, wie man das Problem lösen könnte und Frauen von derartigen Erfahrungen schützen könnte, folgt eine lange Pause. Erst unter Zusicherung der Anonymität spricht die Frau so offen und selbstbewusst, wie sie zuvor über ihre gelungene Integrationsgeschichte berichtet hat: "Ich würde mir von der Regierung ein härteres Gesetz wünschen." Ein strengeres Aufenthaltsrecht würde dieser Art des Heiratsschwindels einen Riegel vorschieben. Die Frau hat sich mit dieser Bitte schon oft an diverse Stellen gewandt, sogar ans Bundeskanzleramt - von dort bekam sie keine Antwort auf ihr Anliegen. Ob sie trotz ihrer Erfahrungen wieder einen Afghanen heiraten würde: "Ja, das will ich nicht ausschließen - aber wenn, dann einen, der hier schon integriert und wohnhaft ist." Generalisieren und als Heiratsschwindler, Anti-Feministen und Unterdrücker könne man afghanische Männer mit Sicherheit nicht abstempeln, sagt sie. Und sie erzählt auch von "höflichen und zuvorkommenden afghanischen Männern, die das Klischee des Machos oder Patriarchen nicht im Geringsten erfüllen".

Keine Generalisierungen
der Masse

Mina Miakhel pflichtet diesem Befund bei. Mit ihren männlichen Landsleuten in Österreich hat die afghanische Studentin sehr gute Erfahrungen gemacht. Mit wackligen Beinen auf den mit Backsteinen gepflasterten Straßen von Traiskirchen hat Miakhel vor zehn Jahren von Afghanen das Fahrradfahren gelernt. Gemeinsam war die heute 31-Jährige aus Kabul mit zehn weiteren Asylwerbern in dem Erstaufnahmezentrum untergebracht. Mittlerweile fährt Meena allein den Donaukanal in kurzer Hose oder im Kleid entlang. Afghanische Männer charakterisiert sie lachend als "herzlich und nahbar, also anders als so manchen Österreicher".

Die mediale Berichterstattung über Afghanen, zuletzt auch in Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt in Wien im Fall Leonie, kritisiert Miakhel als "einseitig und unreflektiert". Sie hätte gute und schlechte Erfahrungen mit afghanischen Männern gemacht, ebenso wie mit österreichischen. Dass "Männer aus dem Nahen Osten von Geburt an ein anderes Verhältnis zu Sex, Frauen und Kindern haben", so wie es Florian Höllwarth, Opferanwalt im Fall Leonie formuliert hat, stimme nicht generell.

Es gebe aber afghanische Männer, die aus kleinen Dörfern kommen, die aufgrund der konservativen Strukturen am Land patriarchaler geprägt seien. Auf die Gesamtbevölkerung sei deswegen aber nicht zu schließen. "Letztlich sind es immer einzelne Menschen, die aufgrund ihrer Entscheidungen gutes oder schlechtes tun, nicht aufgrund ihres Reisepasses", sagt sie.

Strukturelle Unterschiede
in Afghanistan

Auch die lieber anonym bleiben wollende junge Frau erzählt von großen Bildungsscheren in Afghanistan, die durch den Krieg und die die Herrschaft der Taliban entstanden seien. Die Terrororganisation habe dafür gesorgt, dass in manchen Gebieten ein Schulbesuch unmöglich war. Kinder aus Akademikerfamilien hätten vielfach das Glück, zu Hause unterrichtet zu werden, der breiten Mittel- bis hin zur Unterschicht sei jedoch der Zugang verwehrt gewesen.

Ohne (Aus-)Bildung zog es zahlreiche unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Europa, auch nach Österreich. Die Perspektivlosigkeit könnte sie in die Kriminalität getrieben haben, vermutet die junge Afghanin. Aus den Erzählungen der beiden Frauen offenbart sich ein differenzierteres Bild auf die afghanischen Männer, als es in der öffentlichen Wahrnehmung zuletzt gezeichnet wurde. In Österreich leben derzeit rund 45.000 Afghaninnen und Afghanen. Es ist eine heterogene Gruppe, die meisten darin mittlerweile gut integriert - aber sie beinhaltet eben auch Heiratsschwindler und Kriminelle.