Am Montagnachmittag ist im Prozess gegen zwei mutmaßliche Foreign Fighter der radikalislamistischen Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), ihre beiden Ehefrauen und den in einem vorangegangenen Verfahren bereits zu 20 Jahren verurteilten früheren "Hassprediger" Mirsad O. der "Kronzeuge" der Anklage vernommen worden. "Ich habe sehr viele ermordete Menschen gesehen", gab der Mann, der mit einer schwarzen Sturmhaube maskiert am Zeugenstuhl Platz nahm, am Wiener Landesgericht an.

Der Zeuge - ein gebürtiger Tschetschene - befindet sich im Zeugenschutzprogramm, seinen Angaben zufolge ist auf ihn ein Kopfgeld ausgesetzt. Er hatte sich 2013 nach Syrien begeben, vorgeblich um dort ein Auto zu verkaufen. Er schloss sich der Freien Syrischen Armee (FSA) an und hörte als Übersetzer den Funk der gegnerischen, aus Tschetschenien stammenden IS-Kämpfer ab. Nach kurzer Zeit wandte sich der Mann von der FSA ab, kehrte nach Österreich zurück und stellte sich den Strafverfolgungsbehörden zur Verfügung, um gegen tschetschenischstämmige Foreign Terrorist Fighter auszusagen.

Erinnerungslücken

Der Zeuge trug dazu bei, dass T., ein 33-jähriger Tschetschene, der 2002 als Jugendlicher nach Österreich gekommen war, in Graz zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, weil er als IS-Kämpfer in Syrien in Gräueltaten verwickelt war. Bei einer davon, der Erschießung von Bewohnern eines Hochhauses in der nordsyrischen Stadt Hraytan, soll der Hauptangeklagte I. im gegenständlichen Wiener Verfahren beteiligt gewesen sein.

Der "Kronzeuge" kämpfte in seiner Einvernahme mit Erinnerungslücken: "Ich habe sehr viel vergessen, es ist viele Jahre her." Er berichtete von Gräueltaten des IS, die er über Funk bzw. ein Fernglas mit Nachsichtgerät aus einer gewissen Entfernung mitbekommen habe: "Es gab auch schwangere Frauen, die getötet wurden. Ich war schockiert. Ich kann mich an die Einzelheiten jetzt nicht erinnern."

Vor dem "Kronzeugen" - ein Ende seiner Befragung war zu Redaktionsschluss nicht absehbar - war Mucharbek T. als Zeuge befragt worden. Er erklärte, die ihm angelasteten strafbaren Handlungen hätten gar nicht stattgefunden, und er bestritt, dass I. den Kampfnamen Abu Aische getragen und sich als Anführer einer mörderischen Truppe hervorgetan habe: "Nie im Leben hat er so geheißen." Dass es sich um eine Verwechslung handle, gab auch I. bei seiner Einvernahme an.