Rund 200 tote Schafe in Tirol, 40 tote Weide- und Wildtiere in Kärnten, zahlreiche Schafsrisse in Salzburg. Dazwischen eine Meldung über einen getöteten Wolf im Mühlviertel, der entgegen ersten Vermutungen aber nicht abgeschossen, sondern offenbar von einem Wildschwein oder anderen Wolf totgebissen worden ist. Der Wolf schafft es immer wieder in die Schlagzeilen - und das, obwohl es von den österreichweit ursprünglich drei bis vier Wolfsrudeln nun nur noch eines mit Nachwuchs gibt. "Die Anzahl der in Österreich nachgewiesenen Wölfe schrumpft", sagt WWF-Wolfsexperte Christian Pichler zur "Wiener Zeitung". Waren es 2019 noch 48, so durchstreiften im Vorjahr nur noch 40 Wölfe nachweislich das Land. "Einige von diesen sind noch einzelne Mitglieder der früheren Rudel", sagt Pichler, "dadurch, dass aber offenbar Elternteile gestorben sind und wir nur noch ein Rudel haben, sinkt die Anzahl der Jungwölfe."

Geht es nach den Landwirten, sieht die Rechnung allerdings anders aus. In der Almsaison 2020 gab es laut Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) fast 300 nachgewiesene Risse, vor allem in Tirol und Salzburg, aber auch in der Steiermark und in Kärnten. Nicht nur für die Almbauern, sondern auch für die touristische Nutzung von Almen und Wanderwegen sei das ein Problem. Köstinger forderte daher im Vormonat die Entnahme, also die Tötung, sogenannter Problemwölfe.

Regelung uneinheitlich

Eine österreichweite Regelung gibt es aber nicht. Denn der Wolf gilt als Wild, fällt in die Bereiche Naturschutz und Jagd und ist somit Ländersache. Die Landesagrarreferentenkonferenz hat allerdings vor Kurzem beschlossen, eine Arbeitsgruppe zum Thema Wolf einzusetzen: Die rechtlichen Rahmenbedingungen zum Umgang mit Problemwölfen sollen vereinheitlicht und verbessert werden. Experten der Länder sollen Parameter für die Ausweisung von Weideschutzgebieten definieren.

Zuletzt hat der Tiroler Landtag eine Änderung des Tiroler Almschutz- und Jagdgesetzes beschlossen, um eine leichtere Entnahme der Problemwölfe zu ermöglichen. Konkret soll künftig ein fünfköpfiges Fachkuratorium ("Wolf-Bär-Luchs") unabhängig und weisungsfrei über den Umgang mit auffälligen Tieren entscheiden. Die Entscheidung bis hin zum Abschuss soll für die Landesregierung bindend sein.

In Salzburg wiederum hat sich die Landesregierung Ende Juli darauf geeinigt, dass der Abschuss von Problemwölfen per Verordnung stark erleichtert werden soll. So war im Juli 2019 nach Wolfsrissen im Salzburger Großarltal der Antrag auf Entnahme eines Problemwolfes gestellt worden. Die zuständige Bezirkshauptmannschaft bewilligte nach intensiver Prüfung nach fast einem Jahr im Juni 2020 den Abschuss, nach Einsprüchen hob das Landesverwaltungsgericht Salzburg den Bescheid im Dezember 2020 aber wieder auf. Der für die Risse verantwortlich Wolf hatte da längst das Weite gesucht. Problemwölfe sind laut Wolfsmanagementplan des Landes Salzburg Wölfe, die zumindest 25 Tiere in einem nicht schützbaren Bereich innerhalb eines Monats töten oder verletzen.

Rechtlich "durchaus möglich"

"Wenn jetzt nicht gehandelt wird und Problemwölfe entnommen werden, werden die heimischen Almen bald nicht mehr bewirtschaftet", meinte jedenfalls Köstinger. Rechtlich sei das "durchaus möglich", selbst gemäß der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, also der Naturschutz-Richtlinie der EU. Eine Anfragebeantwortung des EU-Umweltkommissars Virginijus Sinkevicius im Sommer des Vorjahres hatte allerdings schon eines unmissverständlich klargestellt: Am strengen, generellen Schutz der Wölfe will die Europäische Union nicht rütteln. Regionale "wolfsfreie Zonen" seien nicht möglich, hieß es.

Denn einerseits gebe es Möglichkeiten des Herdenschutzes und finanzieller Entschädigungen, zudem könnten sich Zonen dieser Art negativ auf den Erhaltungszustand der Art auswirken. Dieser werde auf der Ebene der einzelnen biogeografischen Regionen innerhalb eines Mitgliedstaats bewertet - für Österreich lag er zuletzt bei "ungünstig bis schlecht".

Jeder Abschuss eines Problemwolfes muss daher laut Sinkevicius im Einzelfall geprüft werden. Durch DNA-Proben ist nachweisbar, wenn ein und derselbe Wolf für mehrere Risse verantwortlich ist - und somit zum Problemwolf wird.

Umweltschützer, etwa vom WWF, aber auch die Umweltsprecherin der Grünen, Astrid Rössler, stoßen sich an diesem Begriff. "Niemandem ist geholfen, wenn die Stimmung beim Thema Wolf noch weiter aufgeheizt wird. Daher ist eine rasche und gemeinsam akkordierte Vorgehensweise zum Schutz der Weidetiere und zur Einhaltung des EU-Rechts das Gebot der Stunde", sagt Rössler.

Aktuell ist es so, dass der Wolf ganzjährig geschont ist und nicht geschossen werden darf. Das hat freilich seinen Grund: Nachdem 1882 der letzte Wolf, der in Österreich geboren worden war, erschossen wurde, galten Wolfsichtungen als etwas Besonderes, Seltenes. 2016 hat sich die Situation allerdings gedreht. Damals gab es erstmals wieder Nachwuchs im Land und das erste heimische Rudel in Allentsteig in Niederösterreich. Danach hat sich die Anzahl der Wolfsrudel auf drei erhöht. Zu jenem in Allentsteig kamen weitere in Harmanschlag und Gutenbrunn (ebenfalls in Niederösterreich) hinzu. In Vorderweißenbach in Oberösterreich wurde ein weiteres Rudel vermutet. Heute ist von all diesen laut Pichler nur noch eines übrig.

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Illegale Abschüsse

Ein Rudel, das fünf bis zwölf Tiere einer Familie umfasst, benötigt etwa 25.000 Hektar Lebensraum. Geschlechtsreife Jungtiere verlassen das elterliche Territorium, um ein eigenes Rudel zu gründen. Das Lieblingsfressen des Wolfes sind zwar Rehe, Hirsche und Wildschweine - Ziegen und Schafe sind aber leichter zu erbeuten. Aus Furcht vor Nahrungsknappheit tötet der Wolf mehr Tiere, als er fressen kann. Pichler sieht in ihm dennoch auch einen Vertreter der "Gesundheitspolizei", wie er es nennt: Dadurch, dass der Wolf bevorzugt kranke und schwache Tiere reißt, gebe es durch ihn weniger Tuberkulose und einen insgesamt gesunderen Tierbestand. Zudem hinterlasse er wertvolle Nahrungsreste für andere Wildtiere.

Österreich sei von Wölfen umzingelt: In Slowenien und der Schweiz gibt es laut Pichler mehr als 100 Individuen, in Deutschland 400 bis 500 und in Italien bereits 1.000 bis 2.000. Europaweit seien es rund 17.000. "Wolfsfrei wird Österreich nie werden", sagt er - obwohl es auch immer wieder illegale Abschüsse gebe. Im Jahr 2019 zum Beispiel hat man in Sellrain in Tirol einen toten Wolf gefunden, dessen Kopf abgetrennt wurde. Der Kopf wurde nicht gefunden, der Schütze ist bis heute unbekannt. Beim Töten geschützter Tiere drohen in Österreich laut § 181f StGB bis zu zwei Jahre Haft.

Anzahl der Schafe konstant

Bleibt noch die Frage, wer für den entstandenen Schaden durch Schafs- und Ziegenrisse aufkommt. Die Antwort ist ebenfalls uneinheitlich. "In der Steiermark und in Salzburg gibt es eine Entschädigung vom Land, in Kärnten werden Schäden aus dem Wildschadensfonds beglichen", sagt Albin Blaschka, Geschäftsführer des Vereins "Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs", der seit 2019 eine Mittlerfunktion zwischen Bund und Ländern innehat. In der Diskussion um die Wolfsrisse haben die Kärntner Grünen diesen Juli einen eigenen Fonds gefordert, mit dem Herdenschutzmaßnahmen auf den Almen finanziert werden sollen. In Tirol erhält der Landwirt laut Blaschke eine Entschädigung durch die Haftpflichtversicherung des Jägerverbandes, wenn genetisch nachgewiesen wurde, dass ein mit Ohrmarkennummern gekennzeichnetes Nutztier durch einen großen Beutegreifer gerissen wurde.

Die Kosten für ein Schaf sind unterschiedlich. So ist ein Zuchtschaf bis zu 2.000 Euro wert, ein Nutzschaf zwischen 100 und 200 Euro. Die Anzahl der Schafe von derzeit rund 400.000 Schafen blieb in den vergangenen Jahren relativ konstant.