Egal ob Maturaball, der 16. Geburtstag im Lokal oder auch nur die Umarmungen der Freundinnen - die Listen der ins Wasser gefallenen Erlebnisse Jugendlicher sind seit Beginn der Pandemie endlos lang. Zwar versprach Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) im Juni, dass jetzt die Jugend dran sei - viele Junge blicken aber dennoch mit viel Skepsis auf den Herbst.

"Ich habe das Gefühl, dass viele Leute, auch Politiker, denken, dass die Jugendlichen übertreiben", erzählt Rebecca Leitner. Die 17-Jährige aus Klagenfurt hat vor Kurzem maturiert und viele Stunden dieses Schuljahres im Heimunterricht verbracht. Von einem "verlorenen Jahr" möchte sie trotzdem nicht sprechen - durch viel Familienrückhalt und Organisationstalent habe sie sich gut durchgehangelt. In einem Aspekt spricht sie jedoch von großem Verlust: "Neue Kontakte, erste Beziehungen und sich einfach beim Fortgehen kennenzulernen, das ist wirklich verloren gegangen."

Dass ihnen besonders die Treffen mit Freundinnen und Freunden abgingen, bestätigen auch andere Jugendliche im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Darunter zum Beispiel Keanu Bacco aus Wien, der derzeit eine AHS besucht. Er wohnt allein mit seiner Mutter in einer Wohnung und brauche daher immer wieder gemeinsame Zeit mit Freunden und besonders räumliche Abwechslung, sagt er. Die findet der 16-Jährige zum Beispiel in einem der vielen Wiener Jugendzentren.

Der Andrang vor Clubs ist groß

Seit der Öffnung der Nachtgastronomie ohne Einschränkungen am 1. Juli wird nun einiges nachgeholt, und die Sorgen vieler junger Menschen rücken in den Hintergrund. In Wien beispielsweise ist der Andrang vor Clubs wie dem Volksgarten so groß, dass es zu stundenlangen Wartezeiten kommt. In den vergangenen Wochen traten dann aber immer wieder Infektionscluster in Nachtlokalen auf, wie zum Beispiel in Linz oder Kaprun. Dazu kommt, dass erst rund 35 Prozent der 15- bis 24-Jährigen vollständig immunisiert sind, bei den 75- bis 84-Jährigen sind es im Vergleich dazu bereits rund 85 Prozent. Die Kombination der geringen Durchimpfung der Altersgruppe mit der überaus gut besuchten Nachtgastronomie führte dazu, dass die Jungen (bis 34 Jahre) im Juli fast zwei Drittel aller Corona-Infektionen in Österreich ausmachten.

Der versprochene Partysommer wirkt sich also negativ auf die Corona-Zahlen aus. Und er ist außerdem nicht genug, um die Probleme vieler Jugendlicher und junger Erwachsener einfach wieder zu lösen. "Die Themen, die die Jugendlichen beschäftigen, sind vor allem die fehlenden Kontakte, Einsamkeit und die veränderten Tagesabläufe ohne Freizeit- und Sportmöglichkeiten. Nach einem Jahr der Einschränkungen reicht ein Sommer sicher nicht aus, um das wieder wegzumachen", sagt Maria Strasser, Klinische und Gesundheitspsychologin des Psychosozialen Dienstes (PSD) in Wien.

Wie sich diese Probleme psychisch auf die jungen Menschen auswirken, komme aber darauf an, wie viele Ressourcen diese hätten und welche Kompensationsmöglichkeiten vorhanden seien. "Es braucht ein Umdenken in der Gesellschaft, psychische Erkrankungen dürfen nicht mehr stigmatisiert werden", sagte Strasser im Rahmen eines Hintergrundgesprächs des PSD, der Volkshilfe und dem Verein Wiener Jugendzentren. Die Organisationen fordern mehr niederschwellige Angebote von Sozialarbeitern und Psychologinnen an Schulen und Universitäten.

Anzahl der psychischen Probleme nimmt zu

Ein Punkt, der auch die 16-jährige Lisa Mayrhofer aus der Buckligen Welt in Niederösterreich beschäftigt: "Ich bekomme von meinen Freundinnen mit, dass man bei unserer Schulpsychologin sehr schwer einen Termin bekommt." Die Psychologin Maria Strasser verwies im Gespräch auf eine Studie von März 2021 der Donau-Uni-Krems in Kooperation mit der Medizinischen Universität Wien, die mit alarmierenden Zahlen aufhorchen ließ: 16 Prozent der Befragten haben suizidale Gedanken, mehr als 50 Prozent leiden unter depressiven Symptomatiken, und die Hälfte der jungen Befragten klagte über Ängste.

Daten und Zahlen, die auch die Leiterin der Notrufnummer "Rat auf Draht" für Kinder und Jugendliche, Birgit Satke, bestätigen kann. "Die Dramatik und Dringlichkeit der Themen hat stark zugenommen. Statt über Liebeskummer oder die erste Reise ohne Eltern führen wir verstärkt Gespräche zu Angstzuständen, Essstörungen und Suizid", sagt Satke. Besonders im ersten Lockdown habe man einen Anstieg der Anfragen von ungefähr einem Drittel verzeichnet, mittlerweile hätten sich die Zahlen wieder auf das ursprüngliche Niveau eingependelt. Trotzdem verweist Satke darauf, ein besonderes Augenmerk auf die psychischen Folgen der Pandemie zu legen, "um gut aus der Krise herauszukommen und mit den Folgen umgehen zu können".

Auch Eltern zeigten sich überfordert

Die durch die Pandemie bedingten, psychischen Probleme machen nicht nur den Kindern selbst Sorgen, auch die Eltern sind davon betroffen. Häufig komme es zu Konflikten, wie Familiensoziologin Petra Dirnberger erläutert. In einer langfristig angelegten Studie der Universität Wien untersucht sie gemeinsam mit Ulrike Zartler seit Beginn der Pandemie, wie es Familien österreichweit mit den Folgen und Veränderungen geht. Die Conclusio der Eltern über ihre Kinder sei eindeutig: "Die Zeit der Jugend räumlich auf das Elternhaus zu beschränken, führt zu Autonomieverlust, wodurch die Jugendlichen oft genervt und grantig sind", sagt Dirnberger. Denn besonders in den Jugendjahren sei die Emanzipation von den Eltern ein wichtiger Entwicklungsprozess.

Faßmann stellt Schulkonzept vor

Diese Themen würden prinzipiell alle Familien betreffen, sie seien jedoch unterschiedlich stark ausgeprägt: "Wir beobachten ein Stadt-Land-Gefälle. In der Stadt mit kleinem Wohnraum gibt es für die Jugendlichen weniger Rückzugsorte, was zu Problemen führt." Schwieriger sei es auch für Familien mit Migrationshintergrund und Sprachbarrieren, bei denen der Bildungsnachteil ihrer Kinder den Eltern große Sorgen bereite, sowie auch für jene Familien, bei denen nicht genügend Computer vorhanden seien. Familien, denen es ökonomisch schlechter geht, hätten es durch die Pandemie noch schwieriger, fasst Dirnberger zusammen.

Besonders präsent für viele Jugendliche ist mit Blick auf Herbst der Start in das neue Schuljahr. ÖVP-Bildungsminister Heinz Faßmann wird heute, Mittwochvormittag, sein Konzept für die Schulen vorstellen. In der "ZiB 2" hatte er vor Kurzem von einer zweiwöchigen "Sicherheitsphase" zu Schulbeginn gesprochen mit verpflichtenden Corona-Tests für Schülerinnen und Schüler sowie das Lehrpersonal. Einen wiederkehrenden Schichtbetrieb schloss Faßmann aus, nur lokale Schulschließungen im Fall von Clustern könne es wieder geben.

Aber was wünscht sich die Jugend selbst von den kommenden Monaten? Der 17-jährige Schüler Janik Nicolini aus Niederösterreich fordert von Politikern und Entscheidungsträgerinnen ehrliche Kommunikation mit seiner Altersgruppe: "Wenn Festivals wie das Frequency versprochen und dann wieder abgesagt werden, ist die Enttäuschung groß. Besser wäre es, keine falschen Versprechungen zu machen." Denn daran könne man sich orientieren. "Das ständige Auf und Ab ist einfach belastend."

Dem stimmen viele Jugendliche im Gespräch zu: Man wünscht sich, dass die Corona-Maßnahmen früher und klarer kommuniziert werden. Und, anders als häufig in der öffentlichen Debatte Thema, sind Partys und Fortgehen nicht die wichtigsten Aspekte. "Wenn die Jugend geimpft wird, dann muss Freizeit und Schule für uns ermöglicht werden", sagt Janik Nicolini.

Familiensoziologin Petra Dirnberger sieht das ähnlich: "Ich hatte lange das Gefühl, dass auf Jugendliche vergessen wurde." Daher sei es wichtig, für alle kommenden Entscheidungen die Jugend mit an den Expertinnentisch zu setzen und einzubinden. "Sie haben ein Recht, gehört zu werden, denn die Jugendlichen sind unsere Zukunft."