Seit März vergangenen Jahres sind sie für viele unerwartete Normalität: die verfliesten Badezimmerwände. Wie in fast allen Lebensbereichen hat Covid-19 auch Psychotherapeuten und ihre Patienten vor den Bildschirm gebracht. Einen passenden Rückzugsort zu finden, erforderte sowohl von Therapeuten- als auch von Patientenseite ein hohes Maß an Kreativität, egal ob Auto, WG- oder Badezimmer.

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90 Prozent der österreichischen Psychotherapeuten haben ihren Betrieb im Zuge der Corona-Pandemie auf Tele-Psychotherapie umgestellt. Psychotherapeutische Sitzungen vor Ort sind schlagartig zurückgegangen, nämlich von 13,45 auf 2,6 Sitzungen pro Woche und Praxis.

Die Donau-Universität Krems hat in Kooperation mit dem Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie seit März 2020 mehr als 1.800 Psychotherapeuten und 100 Patienten zu Online-Therapiestunden befragt. Neun von zehn befragten Therapeuten haben ihre Erfahrungen nach anfänglicher Skepsis als weitgehend positiv bewertet.

Auch für die Innsbrucker Psychotherapeutin Barbara Haid war der abrupte Umstieg von Präsenz- auf Teletherapie nach anfänglicher Skepsis kompliziert, aber machbar. Nach ersten Telefongesprächen hat sie den Großteil ihrer Patienten über Skype oder Zoom betreut. Die erforderlichen technischen und datenschutzrechtlichen Standards sicherzustellen, erwies sich in vielen Fällen jedoch als schwierig. Vor allem ältere Patienten hatten meist nicht das richtige Equipment, keine stabile Internetverbindung oder nicht das nötige technische Know-how für digitale Sitzungen.

Ähnliche Erfahrungen machte auch eine Wiener Psychotherapeutin für psychoanalytische Psychotherapie und Gruppentherapie. Sowohl Einzel- als auch Gruppenbehandlungen musste sie schlagartig auf Online-Betrieb umstellen. Vor allem Risikopatienten nehmen auch weiterhin die Möglichkeit wahr, online oder telefonisch mit der Therapeutin in Kontakt zu treten. So entwickelten sich Online-Therapiestunden angesichts der situativen Ungewissheit von herausfordernden Ausnahmesituationen zu routinierten Regelfällen.

Wegbegleiter in Zeiten
der Ungewissheit

Neben technischen Hürden entpuppte sich allerdings auch die Gestaltung der Sitzungen als Herausforderung: "Wir mussten den sicheren, physischen Rückzugsort, den meine Patienten in meiner Praxis finden konnten, ganz neu definieren. Die Praxisstunden waren ja ein geschützter Ort mit klarem Anfang und Ende", erzählt Haid.

Vor allem jüngere Patienten hatten dabei häufig Probleme. Therapiestunden im Badezimmer der Klienten waren für die Therapeutin anfangs noch ungewohnt, bald aber waren sie neue Normalität. Denn für viele waren die verfliesten Badezimmerwände der einzige ungestörte Ort. Auch die Wiener Psychologin konnte das Problem der Wahl eines passenden Rückzugsortes beobachten: "Mich haben Patienten teilweise aus dem Auto angerufen, weil sie nur dort allein sein konnten", erzählt sie.

Doch nicht nur die Wahl eines Praxis-ähnlichen Rückzugsortes stellte Therapeutinnen und Patienten einige Hürden in den Weg. Auch die psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten waren vor allem in den ersten Online-Stunden beschränkt. Die primäre Intention der Therapie musste den Umständen entsprechend adaptiert werden. Vor allem zu Beginn stand für Barbara Haid das Kontakthalten an oberster Stelle. "Ich war quasi ein Wegbegleiter durch die Pandemie." Auch die Wiener Psychologin musste ihren Arbeitsprozess an die Gegebenheiten der emotionslosen Technik anpassen: "Die Körpersprache des Patienten durch das Zoom-Fenster zu bewerten, war natürlich eine Herausforderung. Dafür konnte ich den Gesichtsausdruck meines Gegenübers viel besser sehen und deuten als mit Maske und drei Metern Abstand."

Auch Barbara Haid sagt, dass das Online-Modell in einigen Fällen recht gut funktioniert hat. Bei gutem technischen Equipment, einem ruhigen Rückzugsort und ausreichend psychologischer Vorarbeit konnte sie in den Lockdown-Monaten auch auf digitalem Weg Fortschritte erzielen.

Soziale Isolation
leicht gemacht

Derartige Erfolgsmomente waren aber nicht die Norm. Denn häufig stellte die Online-Psychotherapie genau jene Situation dar, die durch therapeutische Behandlung vermieden werden sollte: die soziale Isolation. Auch Haid hatte mit derartigen Fällen zu kämpfen, in denen sich Patienten schon im Vorhinein auffällig sozial isoliert und ausgeprägte Rückzugstendenzen gezeigt haben. "Ich musste sie so schnell wie möglich aus der Komfortzone der Teletherapie herausholen."

Vor allem bei jüngeren Klienten konnte die Psychologin derartige Verhaltensweisen beobachten. Der Lockdown nahm ihnen jegliche Möglichkeit zur sozialen Interaktion - weder in der Schule noch bei Treffen mit Freunden oder beim Sport. In diesen Fällen musste die Psychotherapie wieder vor Ort stattfinden. Nur so konnte sie sozial isolierten Patienten wenigsten einmal die Woche eine Möglichkeit bieten, ihr Zuhause zu verlassen und einen kleinen Ausflug in eine reale Umwelt zu wagen.

Wenig überraschend verzeichnet Haid seit Mai 2020 etliche Neuanfragen für psychotherapeutische Behandlungen. Damit ist sie kein Einzelfall: Die Zahl der Patienten in Psychotherapie ist seit Beginn der Pandemie stark gestiegen. Laut der Umfrage der Donau-Universität Krems hat sich das Auftreten von depressiven Zustände von 5 auf 25 Prozent verfünffacht. Auch Angst- und Schlafstörungen haben sich deutlich vermehrt, wie aus der Befragung hervorgeht. Diese Entwicklung bekommt auch Barbara Haid zu spüren: "Vor allem im Frühling des Vorjahres gab es einen Peak, dann gab es wieder einen Schub im November." Die Tendenz ist klar: Mit dem Lockdown fühlen sich viele in einem Teufelskreis der Aussichtslosigkeit gefangen, aus dem sie meist nur mit professioneller Hilfe einen Ausweg finden.

Der Beginn eines
kollektiven Traumas

Für Barbara Haid kommt die enorme psychische Belastung durch die Pandemie wenig überraschend: "Der Großteil der Menschen ist nun einfach überfordert. Denn vor allem jetzt, nach all den Lockerungen und dem ständigen Auf und Ab, müsste es uns ja eigentlich wieder gut gehen. Doch viele sind gerade deshalb enttäuscht und verunsichert, weil es eben nicht so ist." Plötzliche Veränderungen machen es schwer, vorauszuplanen, und erfordern rasche Anpassung an unbekannte Umstände. "Das geht bei manchen schneller, bei manchen langsamer. Im vergangenen Jahr sind so viele Teile in unserem Leben zerbrochen. Als Reaktion darauf haben wir krampfhaft versucht, diese zerfallenen Teile wieder zusammenzufügen. Doch das braucht Zeit", erklärt Haid.

Viele Branchen sehen in der hybriden Arbeitsweise ein zukunftsfähiges Arbeitsmodell. In der Psychotherapie stoßen derartige Arbeitsstrukturen allerdings auf Skepsis. Barbara Haid zeigt sich, angesichts ihrer vorwiegend positiven Erfahrung, jedoch zuversichtlich, dass sich ein hybrides Arbeitsmodell auch in der Psychotherapie anwenden ließe.

"Ich sehe durchaus Potenzial darin, dass ein gewisser Prozentsatz an Therapiestunden auch zukünftig teletherapeutisch abgehalten werden kann." Die Umsetzbarkeit hänge allerdings von der individuellen Situation jedes einzelnen Patienten ab. Die Therapeutin betont: "Es muss sich um eine Kann-Bedingung handeln. Tele-Psychotherapie darf kein Muss sein. Je nach Krankheitsbild des Patienten würden wir gemeinsam eine Online-Präsenz-Ratio erarbeiten, die natürlich für beide Seiten passen muss." Auch befragte Kolleginnen sind sich sicher: "Die Teletherapie ist eine gute Alternative, vor allem für Risikopatienten." Dennoch sehen sie dem digitalen Wandel der Psychotherapie mit Skepsis entgegen: "Das augenblickliche Erleben von Emotion und Körpersprache kann nichts ersetzen."