Der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl ist Montagabend beim offenen Stadtparteitag von den Delegierten zum fünften Mal zum Spitzenkandidaten für die Gemeinderatswahl am 26. September gewählt worden. Vor der Abstimmung versprach er den rund 700 gekommenen Parteimitgliedern, "am Paradies Graz weiterzubauen". Er wolle "die Weichen für die Zukunft stellen" und bat für die 40 Tage Wahlkampf: "Bitte gebt's alles für unser Graz".

Nagl leitete seine Rede mit dem Gedicht "Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen" von Rainer Maria Rilke ein. Das sei eine Art Anleitung für ihn, alles zu versuchen und Trampelpfade zu verlassen. Man müsse aber nicht nur die Ideen, sondern auch die Ausdauer haben, um die Dinge auf den Boden zu bringen. Leise Kritik an den anderen Parteien ließ er aufkommen, als er dann meinte: "Am Abend werden die Faulen fleißig." Beim Unwetter vor wenigen Wochen in Graz habe keiner von den anderen Parteien angerufen und gefragt, wie man helfen könne. Stattdessen sei via Social Media kritisiert worden.

Wenig Kritik an Mitbewerbern

Das war es dann aber auch schon fast mit der Kritik an den Mitbewerbern. Nagl versuchte lieber Bilder von der Zukunft zu zeichnen: Er sprach Bereiche wie die aufkommende Einsamkeit an, besonders seit der Pandemie, und damit den Bereich Soziales. Das Ressort ging nach der letzten Wahl im Februar 2017 von der SPÖ, die aus dem Stadtsenat flog, an ÖVP-Stadtrat Kurt Hohensinner. Dieser habe das gut gemeistert, denn Soziales sei kein Thema, über das negativ gesprochen werde, "auch ohne linke Beteiligung".

Nagl schnitt auch die Themen Kinderbetreuung und Klimaschutz an - doch auch das politische Klima, das so in Österreich nicht weitergehen könne: "Was auf Bundesebene an Hass geschürt wird", beklagte der ÖVP-Spitzenkandidat. Man müsse in Graz aufpassen, dass das nicht passiert. Er warte vor einer Krise "durch die schleichende Spaltung". Die Volkspartei stehe in der Mitte und verbinde. Dafür erntete er Applaus der Delegierten.

Werbung für die Mini-Metro

"Ich wollte das Verkehrsressort nie", kam er schließlich auch zum Thema Mini-Metro und meinte, dass beim Thema Verkehr trotz Bemühungen lange die Herausforderungen nicht gemeistert worden seien. Damit gab es noch eine Kritik an den anderen Parteien, die überwiegend für das Verkehrsressort verantwortlich zeichneten. Er machte vor den Parteimitgliedern einmal mehr Werbung für die Mini-Metro und meinte, dass eine "Richtungswahl" bevorstehe.

Großen Dank gab es seitens des Bürgermeisters für Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer (ÖVP), der ihm immer zur Seite stehe. Schützenhöfer wiederum zeigte sich in seinen Grußworten "in bester Stimmung für Siegfried". Graz sei unter Nagl zur "Vorzeigestadt" Europas geworden, auf knapp 300.000 Einwohner gewachsen. "Das ist kein Zeichen der Schwäche, sondern der Stärke. Graz ist eine lebenswerte und liebenswerte Heimat für Menschen." Es sei eine Stadt der Innovation, der Jugend, der Forschung, des Sports und vieles mehr.

"Nagl ist in der politischen Welt ein Verbinder. Er verkörpert Mut, Veränderungsgeist und Zukunftsglaube wie kein anderer in der Stadt", so der Landeshauptmann. "Siegfried ist unumstritten - mit einem guten Team um ihn herum." Schützenhöfer sei sich sicher, dass am 26. September nicht nur nach Berlin und Linz (dort finden ebenfalls Wahlen statt, Anm.) geschaut werde. Aber ob Nagl bestätigt werde, "liegt auch an uns: Immer wenn wir glaubten, die Sache ist gegessen, haben wir den Erfolg nicht in die Scheune gebracht", warnte der Landeshauptmann. Es bestehe zwar der absolute Wille zum Erfolg, aber "Nagl kann das nicht allein schultern". Daher müsse die Volkspartei für ihn kämpfen, schloss Schützenhöfer unter dem Applaus der Parteimitglieder.

Stargast des Abends war Frank M. Salzgeber von der ESA. Er spendete Motivationsworte mit Vergleichen zur Raumfahrt und bezeichnete Graz beim Thema Weltraum als "immer ein bisschen hungriger" als andere Städte. Daher sei die steirische Landeshauptstadt auch für die ESA ein wichtiger Standort. (apa)