Die Geschichte wiederholt sich nicht, sagt man. Manche erfahren in ihrer Lebensgeschichte aber das Gegenteil, mitunter gar binnen weniger Jahre. Habib (vollständiger Name der Redaktion bekannt) ist einer von ihnen. Als er zwei Jahre alt war, waren die Taliban im Großteil Afghanistans eingefallen, auch in der Stadt Herat, in der er aufwuchs. Mit 17 begann er für die Amerikaner zu arbeiten, die nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center die selbsternannten Gotteskrieger weitgehend zurückgedrängt hatten. Mit 22 flüchtete er aus Afghanistan, weil die Taliban ihn deswegen zu töten versuchten. Heute ist Habib 28, sitzt in einem Wiener Kaffeehaus und sagt: "Ich hätte nicht gedacht, dass wir noch einmal zurück in die Steinzeit müssen."

Denn kurz nachdem Habib seine Heimat verließ und auf verschlungenen Wegen nach Wien kam, waren die Taliban fast besiegt, oder zumindest glaubte das der Westen. Mit dem Land ging es in diesen Jahren bergauf: Schulen, Menschenrechte, Zugang zu Bildung für Frauen und Mädchen. Habib schlief in Wien trotzdem oft nicht gut. Die Umstände seiner Flucht und das bange Warten auf einen Asylbescheid, über Jahre auch im 15-Bett-Zimmer im Wiener Asylquartier, setzten ihm zu. "Das System macht Geflüchtete psychisch kaputt", sagt er. Vor einem Jahr begann er eine Psychotherapie. Sie half.

Das Zimmer muss er seit Monaten nicht mehr mit 14 anderen teilen, eine Familie aus Döbling nahm ihn bei sich zu Hause auf. Und im Februar bekam er nach fünf Jahren Wartezeit endlich seinen Status als Asylberechtigter. Und damit eine Aufenthaltserlaubnis für fünf Jahre. Den Plan, sein Medizinstudium wieder aufzunehmen, konnte er damit konzentrierter verfolgen. Endlich ging es aufwärts. Der Schlaf wurde besser.

Wieder öffentliche Auspeitschungen durch Taliban

Seit einigen Tagen aber schläft Habib nur noch zwei Stunden pro Nacht. Denn die Geschichte wiederholt sich doch. Vor sechs Tagen marschierten die Taliban wieder in seiner Heimatstadt Herat ein, so wie schon vor 25 Jahren. Habib selbst ist in Wien in Sicherheit. Seine Familie, mit der er täglich telefoniert, ist es nicht. Seine Eltern und seine drei Brüder - 6, 12 und 15 Jahre alt - leben im Zentrum von Herat. Das Haus verlassen sie seit dem Einmarsch der militanten Islamisten nicht. Habibs Familie gehört der schiitischen Minderheit der Hazara an. Bei den sunnitischen Taliban macht das ihre Karten nicht besser.

Die Taliban implementierten in ihrer Regentschaft am Hindukusch zwischen 1996 und 2001 ihre ganz eigene Vorstellung der Scharia. Dieben wurden Hände abgehackt, Ehebrecherinnen und schwule Männer wurden gesteinigt. Frauen durften weder arbeiten noch zur Schule, ihnen drohten Zwangsheirat und brutale Vergewaltigung. Die Hoffnung, dass die Taliban sich gewandelt haben, ist - trotz gegenteiliger Ankündigungen der Miliz - mehr als vage.

Ob Habibs Mutter, Englischlehrerin in einer Volksschule, wieder arbeiten können wird, ist also fraglich. "Sie weint im Moment jeden Tag", sagt Habib. Sein Vater ist am Telefon schweigsam geworden. Er besaß ein Hotel, das er vor einigen Monaten verkaufte. Seit der Invasion kaufte er nur einmal am Basar ein. Danach berichtete er von patrouillierenden Taliban, die Menschen öffentlich auspeitschten und wahllos in Häuser eindrangen. Habib gibt die Hoffnung nicht auf, dass es auch für seine Familie einen Weg hinaus aus Afghanistan gibt. Auch hier bleibt die Hoffnung aber leise. Die Zugänge zum internationalen Flughafen in Kabul werden von Taliban-Kämpfern längst abgeriegelt. Vor allem für afghanische Staatsbürger scheint das Erreichen der Rollpisten aussichtslos. Die Wege über Bergpässe und Schlauchboote, die Habib einst selbst nahm, scheinen mit einem sechsjährigen Kind aber schon gar nicht denkbar.

Dass die Taliban das Land trotz zahlenmäßig weit überlegener und von den USA hochgerüsteter afghanischen Sicherheitskräfte binnen weniger Tage einnehmen konnten, schockiert Habib. "Die Übernahme der Städte wurde ausverhandelt, sie wurden verkauft", sagt er. "Die Taliban haben kaum gegen die Sicherheitskräfte gekämpft." Auch unter ihnen dürfte die Unterstützung für die radikalen Islamisten mitunter größer gewesen sein als gedacht. "Und was mir das Herz bricht", sagt Habib: "Die Welt schaut zu."

So wie Habib geht es auch vielen anderen Afghanen in Österreich, die nun um ihre Familien in der alten Heimat bangen. "Sie werden dadurch natürlich retraumatisiert", sagt Doro Blancke, Geschäftsführerin des Vereins "Flüchtlingshilfe Doro Blancke", die mit zahlreichen Afghanen arbeitet, zur "Wiener Zeitung". Die Regierung müsse nun schnell in Krisenintervention für sie investieren. "Das kann nicht wieder nur die Zivilgesellschaft tragen."

Ein Sommer-Infekt rettete sein Leben

Habib jedenfalls weiß, was es bedeutet, wenn die Taliban das eigene Leben bedrohen. Er war noch Schüler, als US-Soldaten sein Klassenzimmer betraten und Ausschau nach afghanischen Dolmetschern hielten. Habib meldete sich, so wie fast 20 seiner Mitschüler, denn die Truppen zahlten gut. Bald übersetzte er nicht nur für US-Spezialeinheiten, sondern auch für die CIA. Eingesetzt wurde er im ganzen Land, vor allem bei der Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte an schweren Waffen durch die US-Armee.

Rund drei Jahre lang ging er, später auch neben seinem Medizinstudium, dieser Arbeit nach. Zu lange, um es geheim halten zu können. "Dolmetscher ist der gefährlichste Job in Afghanistan", sagt Habib. "Aber damals war ich sehr naiv." Denn gerade im Hinterland sehen viele Afghanen jene, die mit den Amerikanern zusammenarbeiteten, als Ungläubige an. Heute vermutet Habib, dass ihn jemand aus den afghanischen Sicherheitskräften verriet. Und für die Taliban konnte Vergeltung nur eines bedeuten: Sie versuchten, Habib zu töten. Um ein Haar wäre es ihnen auch gelungen. Gerettet hat ihn ein Infekt. Weil er sich krank fühlte, fuhr er an einem Tag im Sommer nicht gemeinsam mit seinen Arbeitskollegen in seine Heimatstadt Herat, sondern blieb im amerikanischen Lager. Die Kollegen wurden auf dem Weg von Taliban-Milizen angehalten und hingerichtet. Als er 2016 vom Geheimdienst erfuhr, dass die Kämpfer bereits in mehreren Städten nach ihm suchten, wusste Habib: Er muss hier weg. Und zwar schnell.

"Die Amerikaner", sagt Habib, "helfen dir nur, solange sie dich brauchen." Auch, um seine Familie nicht zu gefährden, machte er sich auf den Weg. Zuerst floh er über das pakistanische Grenzgebiet in den Iran, wo er einige Monate blieb. Von dort aus ging es an die türkische Grenze und in einem nächtlichen Fußmarsch über die Berge in die Türkei. In Izmir bestieg er mit 60 weiteren Flüchtlingen ein Schlauchboot, das ihn in fünf Stunden übers Mittelmeer an die griechische Küste brachte. Wie so viele in jenen Tagen. Auch die weitere Route kennt man schon aus anderen Erzählungen: Von der Insel Samos aus ging es nach Athen. Von dort schlug er sich mit einer Gruppe durch die Wälder Mazedoniens, vorbei an aggressiven Grenzsoldaten, bis nach Serbien durch. In einem Bus der UNO landete er irgendwann in Schärding. In seiner heutigen Heimat Österreich.

"Ich lasse meine Familie nicht im Stich"

Und auch diese Geschichte ist bekannt aus vielen anderen Fällen: Mit dem Ende der einen Odyssee begann die nächste. Asylantrag in Wien. Stockbett im überfüllten Heim. Freiheitsentzug. Konflikte mit den Mitbewohnern. Keine Arbeitserlaubnis. "Jeder bekam 150 Euro pro Monat", erzählt Habib. "Viele sind in die Kriminalität abgerutscht, weil sie keine Alternativen hatten." Erst nach zwei Jahren bekam Habib die Ladung zum Interview bei der Fremdenpolizei in Wiener Neustadt. Dass ihm in Afghanistan Gefahr durch die Taliban drohte, glaubte der Beamte nicht. Obwohl Habib von den Amerikanern unterzeichnete Zertifikate vorzeigte, die bestätigten, dass er für sie tätig war und deshalb verfolgt wurde. Ebenso wie Fotos und Videos der US-Streitkräfte, die seine Tätigkeit dokumentierten sowie Kontaktinformationen von US-Offiziellen, die die Angaben auch telefonisch bestätigt hätten. Der Beamte gab ihm trotzdem einen negativen Asylbescheid. Nach der Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht wartete Habib weitere drei Jahre auf eine Entscheidung - und bekam schließlich seinen fünfjährigen Aufenthaltstitel.

Wenn sich die Lage in Afghanistan weiter verschlechtert, sagt Habib, muss er vielleicht dorthin zurück. Selbst nachdem er seine fünfjährige Odyssee hinter sich gebracht hat, nach seiner lebensgefährlichen Flucht, dem Zittern um den Asylbescheid und den hunderten Nächten auf engstem Raum im 15-Bett-Zimmer sagt er das. Selbst jetzt, wo er endlich asylberechtigt ist und kurz vor der Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium steht. Und obwohl jetzt wieder die Taliban Afghanistan regieren. Die Menschen in Österreich würden das nicht verstehen, sagt Habib. "Aber wir sind Afghanen. Wir lassen unsere Familie nicht im Stich."