"Österreich ist Testweltmeister." Lange wurde fast jeder Auftritt der Bundesregierung von dieser Floskel begleitet. Sie war nicht ganz abwegig, Österreich liegt bei der Anzahl der durchgeführten Covid-19-Tests im globalen Spitzenfeld. Schon umstrittener ist, wie viel diese intensive Teststrategie tatsächlich dazu beitrug, den Verlauf der Pandemie einzudämmen. Klar ist dagegen, wie viel Geld sie die Republik kostete. Zumindest überschlagsmäßig: Zu 1,5 bis 1,8 Milliarden Euro werden sich die staatlich finanzierten Tests seit ihrem Beginn bis Ende des Jahres laut "konservativer Hochrechnung" summieren, heißt es aus dem Gesundheitsministerium gegenüber der "Wiener Zeitung". Kosten für Tests in Betrieben und an Schulen noch nicht inkludiert.

Kaum überraschend, dass derartige Beträge aus der öffentlichen Hand begehrliche Blicke privater Unternehmen hervorriefen. Denn die Aufträge über die Auswertung der Proben - von den Teststraßen der Länder bis zu den Gurgeltests in Schulen - vergab und vergibt der Bund über die Bundesbeschaffung GmbH an private Anbieter. Und weil weder die Republik noch die Labors bisher Erfahrungen mit einer Pandemie hatten, musste es schnell gehen. Auch mit dem Aufbau der Infrastruktur.

Das wiederum traf sich gut für einige Großlabors und Labor-Zusammenschlüsse, die bereits über hohe Kapazitäten zur Auswertung verfügten und sich hohe staatlichen Etats sichern konnten. Mit zumindest zwei der Unternehmen, die bei den Vergaben zum Zug kamen oder noch kommen wollen, hat die Republik derzeit Probleme, wenn auch recht unterschiedlicher Natur.

Eines davon ist die HG Pharma um ihren umstrittenen Ex-Chef Ralf Herwig inklusive Tochterunternehmen HG Lab Truck. Die Firma sorgte bereits im Frühjahr für Schlagzeilen wegen Zweifeln an der Qualität ihrer Test-Auswertungen und einer intransparenten, acht Millionen Euro schweren Auftragsvergabe durch das Land Tirol.

Datenleak und Ermittlungen

Nun gibt es neue Aufregung: Mehr als 24.000 positive PCR-Testergebnisse aus dem Zeitraum Jänner bis Juni sollen in Tirol geleakt worden sein. Hintergrund: Herwig, eigentlich im Mai als Geschäftsführer abgetreten, hat die Daten im August per E-Mail verschickt. Das mutmaßliche Datenleck erklärt er mit einem Hackerangriff. Öffentlich gewordene positive Testergebnisse, die auch eine Long-Covid-Erkrankung nach sich ziehen können, könnten etwa künftige Arbeitgeber abschrecken. Das Land Tirol reagierte: Vertragspartner würden verpflichtet, sensible Daten zu schützen. Sollte sich das Datenleck bewahrheiten, behalte man sich rechtliche Schritte vor.

Rechtliche Fragen stellen sich rund um die HG Pharma auch für den Landesrechnungshof, der aktuell eine Sonderprüfung durchführt, und für die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft. Sie ermittelte wegen des Vorwurfs, die Tochterfirma HG Lab Truck habe die vom Land Tirol beauftragten PCR-Tests "nicht sach- und fachgerecht durchgeführt" bzw. sei zur Durchführung womöglich weder qualifiziert noch berechtigt gewesen. Der "Goldrausch" jedenfalls endete für die HG Pharma abrupt: Das Land Tirol hat die Zusammenarbeit mit der Firma längst beendet.

Ganz andere Kalamitäten rund um eine staatliche Auftragsvergabe beschäftigen unterdessen die Labor-Firma Lifebrain. Das Unternehmen, das 2013 von zwei Wienern gegründet und im Juli von seinen italienischen Eignern an die französische Cerba HealthCare verkauft wurde (Reuters berichtete von rund eine Milliarde Euro), wurde von der Stadt Wien einst mit der Auswertung der "Alles Gurgelt"-PCR-Tests beauftragt. Nun beeinsprucht Lifebrain das eigentlich bis 6. September laufende Vergabeverfahren der PCR-Tests für Österreichs Schulen. Der Vorwurf: Die Wettbewerbsausschreibungen seien auf einen bis zwei konkurrierende Anbieter zugeschnitten, nämlich die Salzburger Firma Novogenia und das Wiener Unternehmen Covid Fighters. Vom Bundesverwaltungsgericht verlangt Lifebrain eine Nichtigerklärung bzw. einstweilige Verfügung. Das Bildungsministerium weist die Vorwürfe zurück.

Lifebrain im Aufstieg

Umgekehrt wurde das Großlabor bereits im März von der Wiener Ärztekammer verklagt. Die Kammer, die als Standesvertretung auch die viel kleineren niedergelassenen Labors vertritt, die ebenfalls PCR-Testanalysen durchführen, argumentierte, dem Großunternehmen könnten die rechtlichen Grundlagen zur Durchführung der Tests fehlen.

Gegründet wurde Lifebrain 2013 von Michael Havel, einst Herzchirurg am Wiener AKH, und seinem Kompagnon Bernhard Auer. Heute beschäftigen die Lifebrain-Labors in Österreich 650 Mitarbeiter, in Wien investierte man 65 Millionen Euro für das Vorzeige-Labor auf der Baumgartner Höhe, wie man der "Wiener Zeitung" mitteilte. In Italien verfügt man inzwischen über mehr als 300 Standorte.

Bei den "Alles Gurgelt"-Tests kam Lifebrain nicht zuletzt zum Zug, weil man die einzelne Testauswertung um vieles günstiger anbieten konnte als kleinere Labors - und sicherte sich so ein einträgliches Geschäft. Zumindest mit diesem könnte aber bald Schluss sein: Nach dem bereits beschlossenen Ende der Gratis-Antigen-Tests in Apotheken, mehren sich auch die Stimmen nach einer Einstellung von kostenlosen PCR-Tests.