Auf Burg Schlaining findet derzeit die Ausstellung "Wir sind 100" statt. Anlass: Das Burgenland gehört seit 1921 zu Österreich. Der SPÖ-Politiker und Historiker Norbert Darabos kommt aus dem Burgenland, flog wegen seiner Haltung zu den Volksgruppen fast aus der SPÖ und beschreibt, warum Integration im östlichsten Bundesland einfacher war und wo es hapert.

"Wiener Zeitung": Was ist denn die größte Veränderung, die in den hundert Jahren im Burgenland eingetreten ist?

Norbert Darabos: Das Burgenland ist 1921 als ehemaliger Teil Westungarns zu Österreich gekommen. Da waren die Voraussetzungen noch schwieriger als im übrigen Österreich, weil es unterschiedliche Zugänge gegeben hat, ob das Burgenland nicht doch bei Ungarn bleiben soll. Es war das Armenhaus Österreichs. Der Zuschlag zu Österreich war übrigens gewalttätiger, als es heute für die große Masse der Menschen erkennbar ist.

Weil ungarische Freischärler versucht haben, das Gebiet um Ödenburg/Sopron zu halten?

Diese Kämpfe sind sogar bis Kirchschlag in Niederösterreich gegangen. Da hat es auch Tote vor allem auf österreichischer Seite gegeben.

Wie ging es danach weiter?

Ständestaat, Zweiter Weltkrieg und Nazi-Terror, da wurde das Burgenland in zwei Gaue zerschlagen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es wieder als eigenständiges Bundesland eingerichtet. Es gab aber das große Handicap, am Eisernen Vorhang zu liegen. Das hat dem Burgenland vor allem die wirtschaftliche Luft zum Atmen genommen, aber auch die gesellschaftspolitische, weil dadurch auch Familien getrennt worden sind, vor allem im burgenländisch-kroatischen Bereich. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs ist ein neuer wirtschaftlicher Impuls gekommen. Es hat aber auch Nebeneffekte gegeben. Die Volksgruppensprachen Kroatisch und Ungarisch haben an Bedeutung gewonnen.

Es gab mit den Minderheiten viel weniger Konflikte als in Kärnten mit den Slowenen. Warum?

Ich habe meine Diplomarbeit 1987 zu diesem Thema geschrieben, das hätte fast zu einem Ausschluss aus der SPÖ geführt.

Weil Sie die Assimilationspolitik gegenüber Kroaten und Ungarn kritisiert haben.

Ja. Ich habe den Zugang im Burgenland zu den Volksgruppen an sich schon verstanden. Man hat sich benachteiligt gefühlt im Großraum Wien, weil man nicht genug Deutsch konnte. In den 1950er- und 1960er-Jahren sind sie als Krowotten oder sogar Tschuschen beleidigt worden. Daraus hat die Sozialdemokratie den Schluss gezogen, wenn man den sozialen Aufstieg schaffen möchte, muss man sich assimilieren. Das habe ich als völlig falschen Weg eingeschätzt. Es ist durch den Wegfall des Eisernen Vorhangs gelungen, die Zweisprachigkeit auch wieder salonfähig zu machen.

Warum war der EU-Beitritt Österreichs 1995 für das Burgenland so entscheidend?

Vor allem die Anerkennung des Burgenlandes als Ziel-1-Fördergebiet war der Schlüssel zum Aufstieg. Das Burgenland war davor immer Schlusslicht. Ex-Landeshauptmann Theodor Kery hat noch von der Schulschande gesprochen, in den 1990er Jahren hat das Burgenland die höchste Maturantenqoute in Österreich erreicht. Noch in den 1960er-Jahren gab es nur eine maturaführende Schule - in Mattersburg. Jetzt gibt es ein flächendeckendes System. Das Burgenland hatte in den 50er und 60er Jahren 50.000 Beschäftigte, das Ziel war einmal, auf 80.000 zu kommen, mittlerweile gibt es 115.000 Beschäftigte.

Die Durchlüftung der Gesellschaft, wie es Bundeskanzler Bruno Kreisky und sein damaliger Unterrichtsminister, der Burgenländer Fred Sinowatz, propagiert haben, ist im Burgenland mit fast 30-jähriger Verspätung voll umgesetzt worden?

Man kann zu Kery stehen, wie man will, aber er hat es geschafft, diese Modernisierung einzuleiten. Die Durchlüftung hat Sinowatz, der aus meiner Sicht einer der meistunterschätzten Politiker der Zweiten Republik ist, auch ein Historiker, mit Leben im Kulturbereich erfüllt. Das Burgenland hat einen kulturellen Aufbruch erlebt mit Künstlerdörfern. Es gibt sehr viele Kulturnischen, wo sich Künstler ins Burgenland zurückziehen und wohlfühlen.

Das Burgenland ist für viele Zweitwohnsitz.

Ich bin selbst Pendlerkind, in Wien aufgewachsen und in die Schule gegangen, habe mich aber immer als Burgenländer gefühlt. Mein Vater war Maurer, als Wochenpendler mit zwei Haushalten. Ich wundere mich heute noch, wie die Pendler das alles finanziell stemmen konnten, hier ein Haus zu haben und in Wien einen zweiten Haushalt aufzubauen.

Ist dieser Aufstieg des Burgenlandes auch der Grund, warum man das Gefühl hat, es gibt kaum mehr Burgenländer-Witze?

Dieser Burgenland-Witz hat sich irgendwo überlebt. In den 50er/60er-Jahren hat man, wenn man in Wien gearbeitet hat, noch verschwiegen, dass man Burgenländer ist, heute ist man stolz darauf.

Was hat es denn an negativer Entwicklung gegeben?

Ich sehe keine negative Entwicklung. Nehmen Sie die Windenergie, das Burgenland ist dadurch Strom-autark geworden. Natürlich gibt es mehr Verkehr, logischerweise. Negativ war, es war nicht ganz einfach, die Migrationsbewegung zu bewältigen. Aber das war im Burgenland ein bisschen einfacher, weil während der Jugoslawien-Krise Anfang der 1990er-Jahre sehr viele Bosnier, kroatisch-sprachige Bosnier, oder Kroaten nach Österreich geflüchtet sind. Die konnten sich im Burgenland aufgrund der Sprache einfacher integrieren. Die Migrationsbewegung hat das Burgenland aber schon extrem betroffen.

Wie merkt man das?

In der Schule hat es mit der sprachlichen Integration da und dort Probleme gegeben.

Jetzt heißt es wieder, wir machen die Grenzen dicht. Es gibt seit 30 Jahren den Assistenzeinsatz des Bundesheeres zur Sicherung der Grenze gegen illegale Flüchtlinge. Ist das wirklich notwendig?

Der Assistenzeinsatz ist wichtig für das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung.

Das ist doch eine Art Placebo.

Es ist aber eine Maßnahme, die das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung besser widerspiegelt. Grundsätzlich ändert das allerdings nichts an der Einreise von Flüchtlingen.

Wer war die wichtigste Persönlichkeit für das Burgenland in den vergangenen hundert Jahren?

Schwierig zu sagen. Für mich war Karl Stix (Ex-Landeshauptmann, Anm.) eine der zentralen Persönlichkeiten, weil er es geschafft hat, unter ganz schwierigen Voraussetzungen den Ziel-1-Status zu erreichen. Damit hat er die Politik aufbereitet für nachfolgende Politikergenerationen.

Das Burgenland ist eine ländliche Region. Die SPÖ ist dennoch als Landeshauptmannpartei seit 1964 an der Macht. Warum ist das so?

In der Ersten Republik waren die Sozialdemokraten stimmenstärkste Partei. Das hing damit zusammen, dass sie mehrheitlich für Österreich waren. Damit war die Basis gelegt. In der Zweiten Republik kam es mit der Industrialisierung zu einem Wandel, mit weniger landwirtschaftlichem Anteil und mehr Pendlern und Industriearbeitern. Vor allem ist auch der Einfluss aus Wien sehr stark, die Leute sind dorthin ausgependelt, waren im Roten Wien beschäftigt und sind zurück ins Burgenland gekommen.

Derzeit ist das Burgenland das einzige Bundesland mit einer absoluten SPÖ-Mehrheit. Wieso geht es der Bundes-SPÖ in Umfragen nicht besser?

Es sind unterschiedliche Voraussetzungen. Ich werde keine politische Bewertung abgeben. Ich kann nur sagen, dass im Burgenland ein sehr pragmatischer Kurs gefahren wird und dass damit Landeshauptmann Hans Peter Doskozil immer den Nerv der Burgenländerinnen und Burgenländer trifft. Auf bundespolitischer Ebene ist es schwieriger, weil es auch innerhalb der SPÖ viele andere Strömungen gibt. Dafür kann aber Pamela Rendi-Wagner nichts.

Würde Doskozil auch den Nerv in ganz Österreich treffen als SPÖ-Spitzenkandidat bei der Nationalratswahl?

Ich bitte Sie, von einer Beantwortung dieser Frage abzusehen. Er kann das sicher, aber er hat für sich selbst ausgeschlossen, dass er das macht.