Der Tag der pflegenden Angehörigen ist einmal mehr Anlass für Reformappelle. Zu Wort meldeten sich unter anderem der ÖVP-Seniorenbund, SPÖ-Pensionistenverband und das Hilfswerk. Tenor: Entlastungen seien überfällig, Bund, Länder und Gemeinden seien gefordert. Sozialminister Wolfgang Mückstein (Grüne) nützt den Tag, um pflegenden Angehörigen zu danken und weist auf Unterstützungsangebote für diese hin - etwa Community Nursing und Angehörigengespräche.

Korosec für einen Ausbau mobiler und teilstationärer Pflegedienste

Seniorenbund-Präsidentin Ingrid Korosec sprach in einer Aussendung von einer "unsichtbaren Armee" von 900.000 Angehörigen, davon beinahe zwei Drittel Frauen, die in Österreich 80 Prozent der Pflegebedürftigen betreuen, und das in der Regel unbezahlt. "Sogar das Sozialministerium gibt zu, dass unser Pflegesystem ohne die Arbeit Angehöriger zusammenbrechen würde", betonte sie, warnte aber gleichzeitig, dass diese scheinbare Freiwilligkeit systemischer Zwang sei.

Im Zuge der Pflegereform brauche es daher einen breiten Ausbau mobiler und teilstationärer Pflegedienste und eine stärkere Förderung für leistbare professionelle Pflege. Auch eine zentrale Anlaufstelle mit Unterstützung in Finanzierungs- und Organisationsfragen werde benötigt, so Korosec.

Kostelka für Modell Burgenland

Mehr wohnortnahe Information und Unterstützung, mehr Wertschätzung und vor allem auch eine sozialrechtliche und finanzielle Absicherung, verlangte auch Pensionistenverband-Präsident Peter Kostelka. Weitere Forderungen betrafen Lehrgänge und Kurse für pflegende Angehörige oder auch einen besonderen Höherversicherungsbeitrag für Pflegende, die bereits in Pension sind.

Zusätzlich plädierte Kostelka dafür, das burgenländische Modell auf ganz Österreich auszuweiten. "Im Burgenland sind pflegende Angehörige durch eine Anstellung bei einem eigens gegründeten Pflegeservice sozialrechtlich abgesichert, bekommen eine monatliche Entlohnung von bis zu 1.700 Euro netto und eine Grundausbildung in Heimhilfe", betonte der PVÖ-Präsident.

Das Hilfswerk zeigte sich hier skeptisch. Das Angebot einiger Bundesländer, pflegende Angehörige durch Anstellung besser abzusichern, habe es leider mehrere Haken und werde auch dementsprechend schlecht angenommen, hieß es dort. So sei der durchschnittliche pflegende Angehörige 62 Jahre alt, eine mögliche Anstellung daher nur für ein Drittel theoretisch relevant. Stattdessen brauche es für die Pflegenden einen besseren und schnelleren Zugang zu Unterstützung.

Community Nursing und Angehörigengespräche als Unterstützung

Die Corona-Krise hat besonders auch pflegebedürftige Menschen und deren An- und Zugehörige vor große Herausforderungen gestellt, heißt es aus dem Sozialministerium. Professionelle Pflegekräfte mussten oft kurzfristig durch Angehörige ersetzt werden. Auch in Nicht-Pandemiezeiten sei die Situation für pflegende Angehörige oft herausfordernd: Ihnen gelte "mein aufrichtiger Dank und meine Wertschätzung", so Sozialminister Wolfgang Mückstein.

Mit der Pflegereform wolle man diese entlasten. Ein "großer Schritt" dabei sei das Pilotprojekt Community Nursing. Community Nurses seine zentrale Ansprechpersonen für Betroffene, die niederschwellig, regional, wohnortnah und bedarfsorientiert Unterstützung anbieten können. Sie übernehmen die Vernetzung zwischen Menschen und Leistungserbringerinnen und -erbringern sowie die Koordination diverser Leistungen, Therapien und sozialen Dienstleistungen und spielen eine zentrale Rolle im Präventionsbereich. Insgesamt seien 150 Pilotprojekte geplant, die mit 54 Millionen Euro aus der Aufbau- und Resilienzfazilität der Europäischen Union gefördert werden.

Ein Unterstützungsangebot des Sozialministeriums, das es bereits länger gibt, sei das Angehörigengespräch. Es hat zum Ziel, seelische Probleme, die sich auf Grund der belastenden Pflege ergeben können, aufzuarbeiten. Solche können kostenlos beim Kompetenzzentrum Qualitätssicherung in der häuslichen Pflege per E-Mail unter angehoerigengespraech@svqspg.at oder telefonisch unter 050 808 2087 angefordert werden. Einzige Voraussetzung ist der Bezug von Pflegegeld durch die Person, die gepflegt wird. (apa)