Wann ist es legitim, Personen und Themen aus Diskussionen auszuschließen? Wo liegen die Grenzen der Freiheit der Lehre? Welche Tabus gibt es an den österreichischen Universitäten? Unter anderem diese Fragen wurden am Montag in der Aula der Wissenschaften diskutiert. Darüber, wie Diskurs geführt und wie Unis generell definiert werden sollten, gingen die Meinungen mitunter auseinander.

Im Zentrum der Debatte stand die Frage, ob "Cancel Culture" die Wissenschaft gefährde. Unter "Cancel Culture" wird die Kultur der Zensur verstanden, wobei unpopuläre Meinungen unterdrückt werden. Am Podium waren Keya Baier, Vizevorsitzende der Österreichischen Hochschülerinnenschaft (ÖH), Reinhard Heinisch vom Institut für Politikwissenschaft und Soziologie der Universität Salzburg, Lamiss Khakzadeh vom Institut für Öffentliches Recht, Staats- und Verwaltungslehre der Universität Innsbruck und Oliver Vitouch, Rektor der Universität Klagenfurt (zugeschaltet) vertreten.

"Cancel Culture ist ein Begriff, mit dem sehr schnell hantiert wird, wenn man sich selbst in seiner Haltung nicht mehr ernst genommen fühlt. Auch wenn die Haltung, die man selbst vertritt, eben doch diskriminierend ist", sagte Baier. Als Beispiel führte sie die Aussage einer zugeschalteten Studentin an. Diese gab an, sich durch die Genderregelungen ihres Institutes sprachlich eingeschränkt zu fühlen.

Der Begriff der "Cancel Culture" ist auch für Vitouch ein "zweischneidiges Schwert". Wo es "Cancel Culture" tatsächlich gebe, halte er sie für problematisch, der Begriff werde aber auch verwendet, um aus politisch rechten Bewegungen heraus "politisch Linken den Vorwurf zu machen, sie würden Redefreiheit untergraben und neue Arten von Zensur etablieren, sodass Personen mit rechtskonservativen Positionen an Universitäten nicht mehr gehört werden". Nicht nur in Ländern wie der Türkei und Weißrussland, sondern auch innerhalb der EU ortete er diesbezüglich "besorgniserregende Umbrüche", wenn es darum geht, dass rechtspopulistische Regierungen versuchen, Universitäten unter ihre Kontrolle zu bringen.

Subjektivität als Problem

Probleme im hiesigen Diskurs sah Vitouch unter anderem dann gegeben, wenn Gegenargumente von subjektiver Betroffenheit ersetzt werden. Das Problem mit der Subjektivität sei, dass sich jeder und jede zu einem gewissen Zeitpunkt in irgendeiner Art und Wiese diskriminiert fühle. Würden Diskussionen nur mehr stattfinden, wenn sich niemand subjektiv diskriminiert fühlt, würde dies letztlich zu "Stummheit" führen. Der Wunsch nach einer diskriminierungsfreien Gesellschaft sei für ihn deshalb auch ein unerreichbares Ziel.

Anders sah dies jedoch Baier: "Gerade eine Hochschule soll ein Ort des Austausches, des kritischen Denkens, der Neugierde, des Wissens und der Wissenschaft sein, wo sich alle wohlfühlen und frei lernen und lehren können" - auch, wenn dies aktuell noch nicht der Fall sei.

Khakzadeh definierte hingegen die Hochschule als "Ort, wo ich lernen soll, einen universitären Diskurs zu führen". Entscheidend seien dabei nicht nur das Wohlfühlen, sondern belegbare Aussagen und nachvollziehbare Quellen. Die Methodik sei ein "gewisses Korrektiv", wenn es darum gehe, die Grenzen der Freiheit der Lehre zu ziehen. Ihrer Meinung nach bestehe die Schwierigkeit oft darin, manche Gruppen als vulnerabel einzustufen und sie vor dem Diskurs zu "schützen". Vielmehr müssten Universitäten jedoch einen Raum für Diskurs schaffen und den Teilnehmenden entsprechendes Werkzeug für angemessenes Verhalten mitgeben.

Heinisch hielt vor allem die "unpopuläre Rede" für schützenswert. "Man muss von rechts bis links alles diskutieren können", sagte er. Grenzen seien dann erreicht, wenn Gewalt, Unterdrückung und Antidemokratie gefordert werden. Vorteilhaft für den Diskurs seien insbesondere Internationalität und Diversität aufgrund der Lebenserfahrung.