Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 galt der  Kommunismus im Westen als ideologisches Fundament zerbröselt. Umso mehr wird in den politischen Kanzleien und Medien in Europa das Ergebnis der Grazer Gemeinderatswahl am Sonntag für Aufsehen sorgen:  Nach dem vorläufigen Endergebnis noch ohne Briefwahlstimmen vom Sonntagabend sind die  Kommunisten mit 29,1 Prozent stärkste Partei in der vor Jahrzehnten noch von der FPÖ geführten steirischen Landeshauptstadt. Die Grazer KPÖ hat demnach die ÖVP mit Langzeitbürgermeister Siegfried Nagl von Platz eins verdrängt, Nagl ist daraufhin zurückgetreten. Die langgediente Stadträtin Elke Kahr ist mit bald 60 Jahren das unaufgeregte Aushängeschild der KPÖ. 

Für viele der mehr als 250.000 Grazerinnen und Grazer ist das weit weniger eine politische Sensation und die Angst vor einem kommunistischen Regime gering. Schon bisher galt die Murmetropole als österreichisches politisches Biotop, in dem die KPÖ seit Jahren blüht wie sonst nirgendwo im ganzen Bundesgebiet. Ernest Kaltenegger hatte als KPÖ-Institution in diesem Jahrtausend bereits Erfolge eingefahren, die über Graz hinaus für Erstaunen gesorgt haben. Kahr hat dessen Erbe 2010 angetreten - und das nach einem Wahlabsturz 2008 von 20,8 auf 11,2 Prozent. Aber diese tiefe Scharte wurde von ihr schon 2012 mit knapp 20 Prozent der Stimmen bei der Gemeinderatswahl ordentlich ausgewetzt.

Glaubwürdiger Einsatz für Mieter

Die Grazer Kommunisten sind keine Revoluzzer. Ihr Erfolgsrezept ist einfach und dennoch für andere Parteien offensichtlich schwer umsetzbar. Die KPÖ hat sich vor allem mit ihrem eigenständigen Einsatz für Mieter, die sich ihren Wohnraum in Graz kaum leisten können, einen nachhaltig guten Ruf erarbeitet. Was die Glaubwürdigkeit erhöht ist der Umstand, dass alle in der Partei einen wesentlichen Teil ihres Politikergehalts für Sozialaktivitäten spenden.

Was SPÖ-Politiker oft nur als Lippenbekenntnisse im Mund führen, wird in Graz von der KPÖ nach Kräften in die Tat umgesetzt. Sie ist damit in den Augen vieler Wähler die bessere tiefrote Alternative zur SPÖ, die mit Alfred Stingl lange den Bürgermeister gestellt hat, aber nun stark geschrumpft ist. Nicht marktschreierisch inszeniert, wie das die FPÖ bei ihrem Einsatz für die "kleinen Leute" vielfach bundesweit getan hat,  sondern unaufgeregt verkörpert Elke Kahr als ruhige Führungsfigur diese Politik der Grazer KPÖ.

In Umkehrung eines Spruches muss es bei der mit drei Jahren adoptierten späteren Sekretärin bei der Kontrollbank heißen: Hinter einer erfolgreichen Frau steht ein Mann. Im Falle von Kahr, die Mutter eines erwachsenen Sohnes ist, ist das ihr Lebensgefährte, der ehemalige KPÖ-Landeschef Franz Stephan Parteder. 

Rot-rot-grüne Überlegungen

1993 ist sie erstmals in den Grazer Gemeinderat eingezogen, 1998 ist sie KPÖ-Klubvorsitzende geworden.

Inzwischen hat Kahr mit einem für das bürgerliche Graz als Schreckgespenst geltenden Variante zur Führung der steirischen Landeshauptstadt aufhorchen lassen. Am Dienstag hat die bisherige Verkehrsstadträtin eine rot-rot-grüne Mehrheit mit ihr als Bürgermeisterin bei einer Pressekonferenz angesprochen. Was damals vielfach noch als linke Träumerei angesehen wurde, ist nach diesem sensationellen Wahlsonntag gar nicht mehr so weit von der Realität entfernt.


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