Rein morphologisch ist es dem Aussehen des Coronavirus sehr ähnlich. Und auch, was die befallenen Organe betrifft, geht eine Infektion mit dem Humanen Respiratorischen Syncytial-Virus, kurz RS-Virus genannt, mit einer zum Teil schweren Erkrankung der Atemwege einher. Mit dem essenziellen Unterschied allerdings, dass das Coronavirus und die dadurch verursachte Covid-19-Erkrankung für ältere Menschen gefährlicher ist - eine Infektion mit dem RS-Virus hingegen vor allem Kinder trifft. Die Anzahl deren Spitalsaufenthalte ist zuletzt rasch angestiegen: Mehr Kinder mit einer RSV-Infektion als mit Covid-19 lagen im Spital.

Konkret wuchsen die monatlichen RSV-Spitalsaufenthalte der Null- bis 14-Jährigen österreichweit von maximal 5 seit Mai 2020 im heurigen Juni sprunghaft auf 19 an. Im Juli waren es bereits doppelt so viele, also 38. Aktuelle, genaue Zahlen liegen der GÖG nicht vor, laut Redlberger-Fritz ist deren Anzahl aber weiterhin im Steigen begriffen, so ihre Einschätzung im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Zum Vergleich: An Covid-19 erkrankte Null- bis 14-Jährige waren im Juni insgesamt 11 im Krankenhaus, und von Juli bis September lag diese Anzahl nur noch im einstelligen Bereich, so die Zahlen der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG).

Von dem bis jetzt letzten Höchststand von 1.037 Null- bis 14-jährigen RSV-Patienten im Spital im Februar 2019 ist man zwar noch weit entfernt - dieser wurde erreicht, als von einer anhaltenden Covid-19-Pandemie und mehreren Lockdowns noch gar keine Rede war. Dass die aktuelle Infektionswelle aber bereits im Sommer startete und jetzt so richtig an Fahrt gewinnt, ist laut Redlberger-Fritz "zehn Wochen zu früh". In den Jahren davor seien die Zahlen immer erst gegen November angestiegen.

Die Ursache liege vermutlich darin, dass nach den Lockdowns, als es aufgrund der Corona-Maßnahmen generell kaum Infektionen gab, die Kinder nun auch hustend in die Kinderkrippe, den Kindergarten oder die Schule gehen. "Das Hauptaugenmerk wird auf den Corona-Test gelegt: Ist dieser negativ, werden sie auch hustend hinaus gelassen."

Nicht meldepflichtig

Mit dem Resultat, dass andere Kinder das RS-Virus mit nach Hause bringen, es die Eltern in die Arbeit mitnehmen - und es sich weiter verbreitet. Zwischen der Ansteckung, die vor allem über eine Tröpfcheninfektion passiert, und dem Ausbruch der Krankheit liegen durchschnittlich fünf Tage.

Ein wesentlicher - essenzieller - Unterschied zu Covid-19 ist dabei, dass eine RSV-Infektion laut Redlberger-Fritz in der westlichen Welt nur selten tödlich endet. Sie ist im Gegensatz zu Covid-19 auch nicht meldepflichtig. In weniger entwickelten Ländern könne der Verlauf aber "sehr wohl problematisch werden". Denn das Zuschwellen der Atemwege könne dadurch, dass die Infektion vor allem innerhalb des ersten Lebensjahres auftritt und die Patienten kleine Lungen haben, zu dramatischen Situationen führen.

Unter den Einjährigen ist eine RSV-Infektion die häufigste Ursache für Entzündungen der kleinen Atemwege (Bronchiolitiden) und für Lungenentzündungen, heißt es dazu vom deutschen Robert-Koch-Institut (RKI). In den leichteren Fällen hält sich mitunter wochenlang ein beharrlicher Husten. Es kann sich allerdings auch frühkindliches Asthma daraus entwickeln. Die schweren, mit Spitals- beziehungsweise Intensivstationsaufenthalt verbundenen Erkrankungen bei Kindern betreffen laut RKI fast doppelt so oft Buben wie Mädchen. Generell zeige sich, dass etwa 0,2 Prozent der Fälle bei Kindern ohne bekanntes erhöhtes Risiko, 1,2 Prozent bei Frühgeborenen, 4,1 Prozent bei Kindern mit chronischer Lungenerkrankung und 5,2 Prozent bei Kindern mit angeborenem Herzfehler tödlich verliefen.

Noch keine Impfung

Eine Impfung gegen eine Infektion mit dem RS-Virus gibt es noch nicht. Es werde jedoch daran geforscht, so Redlberger-Fritz. Erkrankt jemand daran, behandle man die Symptome wie bei anderen Viruserkrankungen medikamentös.

Die Anzahl all jener, die ins Spital kommen, ist freilich nur ein kleiner Ausschnitt der Verbreitung des Virus an sich: Etwa ein bis zwei Prozent der Betroffenen aller Altersgruppen müssen ins Spital und zum Teil beatmet werden. Vergleicht man mit dem Coronavirus, so waren am Mittwoch 887 der insgesamt 29.125 aktuell an Covid-19-Erkrankten hospitalisiert. Das entspricht drei Prozent.